Tatort Mittelalter: Spurensuche zum Arnsberger Brudermord

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Das Kloster Wedinghausen wurde von Heinrich I. gestiftet und ist auch die letzte Ruhestätte des Grafen. Aber war der Klostergründer auch ein Mörder?

Das Kloster Wedinghausen wurde von Heinrich I. gestiftet und ist auch die letzte Ruhestätte des Grafen. Aber war der Klostergründer auch ein Mörder?

Foto: Hans Blossey

Arnsberg.  Der Mord an Friedrich von Arnsberg durch seinen Bruder, den Grafen Heinrich I., war eventuell keine Bluttat. Trotzdem hatte der Tod Auswirkungen.

Die Tat ist an Schändlichkeit kaum zu überbieten. Wir schreiben das Jahr 1164. Ausgerechnet beim Kirchgang stellt der ältere Bruder dem jüngeren eine Falle und sperrt ihn in das tiefste Verlies seiner Burg, um ihn dort elendiglich verhungern zu lassen.

Wie üblich ist Geld im Spiel, besser gesagt: Die Brüder liegen im Streit um das väterliche Erbe, das sie untereinander aufgeteilt haben. So stellt sich der berüchtigte Arnsberger Brudermord in der Legende dar. Ein Stück finsterstes Mittelalter, allerdings mit bis heute spürbaren Folgen. Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe haben im Kloster Wedinghausen eine Gruft entdeckt, bei der es sich möglicherweise um die Grabstätte des mutmaßlichen Mörders, des Grafen Heinrich I. von Arnsberg, handelt.

Arnsberger Brudermord: War es überhaupt ein Verbrechen?

Täter und Opfer sind bekannt, viele Sagen ranken sich um das Geschehen, doch die Spurensuche ergibt keinen Hinweis darauf, dass es sich überhaupt um ein Verbrechen handelt – und auch die Sühne ist zweifelhaft. Denn vermutlich ist der Mord an Friedrich von Arnsberg, dem Bruder des Grafen Heinrich I., gar kein Mord.

Betrachtet man die zeitgenössischen Quellen, wird zwar die Gefangennahme ausführlich beschrieben. Aber zum Tod des jüngeren Bruders heißt es in den Annalen des niederländischen Klosters Egmond lediglich: „Dort beendete er nach etlichen Monaten mehr aus Zorn, Entrüstung und Traurigkeit als durch Hunger oder Fesseln gefoltert sein Leben.“ Auf Mord fehlt jeder Hinweis – und der wäre den Chronisten des Mittelalters vermutlich nicht entgangen, denn die Tötung eines Blutsverwandten gilt als besonders scheußliches Verbrechen.

Tod von Friedrich sorgte für machtpolitische Intrigen

Dennoch wird der Tod Friedrichs zum Anlass für machtpolitische Intrigen. Der sächsische Herzog Heinrich der Löwe, der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel und „benachbarte Bischöfe“, so die Quellen, führen einen Rachefeldzug gegen den Arnsberger. Die Burg wird zerstört, Heinrich kann fliehen. Seine Grafschaft erlangt er in der Legende nur als Lehen des Kölner Erzbischofs zurück, rückt also ins zweite Glied. Reichspolitisch wäre das ein Vorgang von hoher Bedeutung.

Die Kölner Erzbischöfe sind gleichzeitig weltliche Herzöge von Westfalen und als solche stets bemüht, ihre Territorialmacht auszubauen. Dabei stehen ihnen die Arnsberger Grafen traditionell im Weg, die ihrerseits versuchen, ihre Herrschaft durch Landesausbau zu festigen.

Der Arnsberger Stadtarchivar Michael Gosmann hält die Geschichte von der erzwungenen Lehnsauftragung für höchst zweifelhaft. „Die Quellen kennen sie nicht. Graf Heinrich I. ist zwar für einzelne Lehen, die er vom Kölner erhielt, Lehnsmann des Erzbischofs geworden. Aber dass die gesamte Grafschaft kölnisches Lehen wurde, ist unwahrscheinlich. Sollte es eine solche Lehnsabhängigkeit wirklich gegeben haben, ist sie jedenfalls sehr schnell wieder verblasst.“

Die Königsmacher aus Arnsberg

Dazu muss man wissen, dass die Grafen von Arnsberg keine Landjunker aus dem sauerländischen Nirgendwo sind, sondern Königsmacher, tief verstrickt in die Machtkämpfe des Reiches mit seinen wechselnden Bündnissen und Feindschaften unter dem Hochadel.

So ist Friedrich der Streitbare, der Großvater der beiden verfeindeten Brüder, im Jahr 1120 einer der Vermittler zwischen dem Kaiser und den aufständischen Fürsten. Zum Dank für seine Dienste erhält er für sich und seine Nachfahren wohl 1118 das Vorstreitrecht zwischen Rhein und Weser. Heinrich I. wiederum weilt oft an der Seite von Kaiser Friedrich Barbarossa, der der Legende nach höchstpersönlich verhindert haben soll, dass der Arnsberger nach dem angeblichen Brudermord verbannt wird.

Das Grab des Mörders: Warten auf die DNA-Analyse

Kurz vor 1173 stiftet Heinrich I. in Arnsberg das Prämonstratenserkloster Wedinghausen. Um Klostergründungen ranken sich gerne Sagen. Wie es die Legende will, soll diese fromme Handlung als Sühne für den Brudermord erfolgt sein. Am Ende seines Lebens tritt der Graf als Laienbruder in das Kloster ein und stirbt dort am 4. Juni 1200 im für die damalige Zeit unvorstellbar hohen Alter von 72 Jahren.

Klostergründungen sind ein enorm wichtiges Instrument beim Landesausbau. Klöster bringen Wissen und technischen Fortschritt in eine Region. Das Kloster Wedinghausen wird entsprechend zum religiösen und kulturellen Mittelpunkt der Grafschaft Arnsberg und später des ganzen Herzogtums Westfalen. Die heutige Wissenschaft rollt den rätselhaften Fall mit modernen Mitteln wieder auf. Eine DNA-Untersuchung hat geklärt, das es sich bei einem der in der jetzt wieder aufgefundenen Grafengruft entdeckten Schädel um die Überreste des legendären Grafen Heinrichs I. handelt.

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