Akte NRW - True Crime

Mord im Mittelalter: Prinz Thankmar stirbt in einer Kirche

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Die Ermordung Thankmars in der Stiftskirche Obermarsberg im Jahr 938. Dieses Gemälde zeigt König Otto I. und seine Mannen vor seinem getöteten Bruder Thankmar in der Kirche der Eresburg.

Die Ermordung Thankmars in der Stiftskirche Obermarsberg im Jahr 938. Dieses Gemälde zeigt König Otto I. und seine Mannen vor seinem getöteten Bruder Thankmar in der Kirche der Eresburg.

Obermarsberg.  Ein Speer trifft den rebellischen Prinzen und tötet ihn. Dabei hatte er sich schon ergeben und war unbewaffnet. Ein Mordfall auf der Eresburg.

Am 28. Juli 938 schreibt das Sauerland Weltgeschichte. Ein ungeheurer Frevel schockiert die Christenheit. Denn Thankmar, Königssohn und Königsbruder, wird auf der Eresburg hinterrücks ermordet. In der Burgkapelle. Vor dem Altar. Mit einem Speer, der durch das Fenster geworfen wird. Und zwar, nachdem der Prinz sich bereits König Otto I. ergeben hat. Ein Mann von königlichem Geblüt wird auf heiligem Boden von hinten gemeuchelt.

Dieses Verbrechen ist unfassbar. Der Täter ist ein Vasall von Thankmars Halbbruder Heinrich. Maincia raubt die goldene Kette und die Waffen des Prinzen und flieht. Er wird 939 bei der Schlacht von Birten fallen. Ein nachträgliches Gottesurteil?

Prinz Thankmar: Die Geschichte hinter dem Mord

Thankmar ist der älteste Sohn von König Heinrich I., dem Vogler, aus dessen Ehe mit Hatheburg von Merseburg. Nach drei Jahren Ehe schickt Heinrich Hatheburg ins Kloster, um die schöne und reiche Mathilde zu heiraten. Hatheburgs Erbe aber behält er. Heinrich hat nicht vor, seinen Erstgeborenen zum König zu machen, Thankmars Halbbruder Otto wird in Aachen gekrönt.

In den ersten Jahren seiner Regentschaft schafft Otto I. es, seine Brüder und die Großen seines Reiches durch ungerechte Personalentscheidungen gegen sich aufzubringen. So hält er Thankmar dessen mütterliches Erbe vor und gibt die Grafschaft Merseburg an seinen Vasallen Gero, den Slawenschlächter.

So von Vater und Bruder gleich mehrfach um sein Erbe und seine Stellung betrogen, verbündet Thankmar sich mit dem Grafen Wichmann Billung und Herzog Eberhard von Franken, die ebenfalls Grund haben, dem jungen König zu grollen. Der Aufstand stürzt Ottos junge Herrschaft in eine tiefe Krise.

Thankmars Aufstand gegen König Otto I.

Thankmar bringt 938 die Burg Belecke bei Warstein in seine Gewalt. Dort hat sich sein Halbbruder Heinrich verschanzt, den er entführt. Mit dem Bericht von dieser Militäraktion wird Belecke erstmals urkundlich erwähnt und gerät für einen einzigen Tag in den Blick der Reichsgeschichte.

Von Belecke aus ziehen die Aufständischen auf die Eresburg (Obermarsberg), jenen uneinnehmbaren Tafelberg, der es schon Karl dem Großen sehr schwer gemacht hat, ihn zu erobern. Von der Eresburg aus streifen den Annalen zufolge die Männer der Rebellen plündernd durchs Land. Otto I. ist nicht erfreut und macht sich selbst auf nach Obermarsberg.

Die Besatzer öffnen angesichts des königlichen Heeres die Tore der Festung. Thankmar ergibt sich und legt die goldene Halskette als Zeichen seiner prinzlichen Würde auf den Altar. Mit dieser Geste verzichtet er auf alle Ansprüche. Außerdem legt er seine Waffen ab. Nach mittelalterlichem Recht ist er damit unantastbar, zumindest bis der König über ihn Recht gesprochen hat.

Hohe Adelige und Familienmitglieder, die ihre Schuld öffentlich eingestehen und sich bedingungslos unterwerfen, können auf Begnadigung hoffen. Ob der Vasall Maincia in vorauseilendem Gehorsam den Speer wirft oder nur erpicht auf die Beute ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Die Folgen von Thankmars Tod

Heinrich I. und Otto I. brechen am Beispiel Thankmars gleich mehrfach das geltende Recht und greifen damit tief in das bestehende Herrschaftsgefüge des ostfränkischen Reiches ein. Nach sächsischem Recht ist Thankmar „vollbürtig“, daher steht ihm wenigstens der Besitz seiner Mutter zu, wenn nicht sogar Teile des väterlichen Reiches.

Nach karolingischem Recht gilt die Realteilung: Das Reich wird unter den legitimen Söhnen aufgeteilt. Doch Otto I. versteht sich als „neuer“ König, nicht mehr als Gleicher unter Gleichen, seinen Reichsherzögen durch Schwurfreundschaften verbunden, sondern als derjenige, der ihnen mit Gottes Hilfe vorsteht und auch über die Vergabe von Herzogs- und Grafenwürden entscheidet.

Die hohen Adeligen hingegen wollen ihre Grafschaften und Herzogtümer ihren Söhnen vererben. Thankmar ist ein Opfer in diesem Machtkampf. Der Wandel des Herrschaftsverständnisses wird für Otto I. fortwährende Aufstände zur Folge haben, denn nicht nur die Herzöge wehren sich erbittert dagegen, sondern auch sein Bruder Heinrich und sein Sohn Liudolf.

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