Wittgensteiner in der Welt

Wingeshäuser Olaf Willert: Sommerjob auf 2042 Metern Höhe

Olaf Willert (51) aus Wingeshausen erfüllt sich einen Traum und arbeitet auf einer Alpenvereins-Hütte in Tirol/Österreich. Für die Sommersaison tauscht der selbstständige Maurermeister seinen Job mit dem eines Helfers auf der Berliner Hütte im Zillertal. 

Olaf Willert (51) aus Wingeshausen erfüllt sich einen Traum und arbeitet auf einer Alpenvereins-Hütte in Tirol/Österreich. Für die Sommersaison tauscht der selbstständige Maurermeister seinen Job mit dem eines Helfers auf der Berliner Hütte im Zillertal. 

Foto: Olaf Willert / WP

Wingeshausen/Tirol.  Olaf Willert aus Wingeshausen erfüllt sich einen Traum und arbeitet auf einer Alpenvereins-Hütte in Tirol/Österreich.  

Keine Frage: Olaf Willert ist ein Freund der Berge. Der Wingeshäuser hat schon mehrfach Bergwandertouren im Nachbarland Österreich oder in der größten Gebirgskette Zentraleuropas, den Alpen, unternommen. Aber sein Wunsch war es immer schon, mal hinter die Kulissen einer Alpenvereinshütte zu schauen, das Hüttenleben, die Organisation, die dahintersteckt, genauer kennenzulernen. „Nach 36 Jahren auf dem Bau wollte ich mal was anderes sehen und machen.“

Die Entscheidung

Und wie der Zufall es wollte, las Willerts Tochter Senta im Internet eine Anzeige, dass für die diesjährige Sommersaison auf der Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen noch Personal gesucht wird. Das wär doch vielleicht was für dich, schickt sie ihrem Vater eine Nachricht aufs Handy. Der selbstständige Maurermeister überlegt: Soll ich? Soll ich nicht? Aber dann: „Wenn man davon träumen kann, kann man das auch machen!“ Der Spruch seiner jüngsten Tochter Nele gab den Ausschlag die Sache anzugehen.

Der Vorbereitungen

Der 51-Jährige ruft Kerstin Schöneborn an, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Rupert Bürgler die Berliner Hütte in den österreichischen Alpen bewirtschaftet. Die Hüttenwirtin ist übrigens sein Jahrgang und gebürtig aus Berghausen. „Setz dich ins Auto und komm hier hoch! Wir brauchen Leute!“ Willert bespricht sich mit seiner Familie, bekommt grünes Licht von seiner Frau Heike: „Wenn du es willst, mach

es!“ Und bereits eine Woche später sitzt er „mit mulmigem Gefühl“ im Auto Richtung Zillertal, wo sein knapp dreimonatiges Abenteuer startet.

Zuvor hieß es natürlich Koffer packen. Für Wandertouren weiß Olaf Willert genau, was einzupacken ist. Aber was muss mit, wenn man eine Saison auf einer Hütte leben und arbeiten will? (Arbeits-)Kleidung, klar. „Auch was Warmes!“, rät Kerstin Schöneborn am Telefon. Und Wandersachen, „das ist da oben die einzige Freizeitaktivität.“

Die Ankunft

Mit Sondergenehmigung darf Olaf Willert bis zu einer Schranke unterhalb der Hütte fahren, es folgen noch 45 Minuten Fußweg. Wanderer parken normalerweise unten im Tal, bevor es drei Stunden lang hinauf auf 2042 Meter Höhe geht. Dort liegt sie, die Berliner Hütte: groß, imposant, 1879 erbaut, aufwändig renoviert und erweitert, mit Ski- und Materialhaus, innen viel mit Holz vertäfelt. „Es ist riesig dort!“, staunt der Wittgensteiner. Die 220 Schlafplätze, Betten und Matratzenlager sind in dieser Saison coronabedingt auf die Hälfte reduziert.

Der Arbeitsalltag

Willert hat ein eigenes Zimmer, „geschätzt 1,80 mal 3,20 Meter, mit Bett, Schrank, Schreibtisch“. Ansonsten gibt es Gemeinschaftsdusche und Personalraum“ für die neun bis elf Angestellten, die aus Österreich, Deutschland und Un­garn kamen. Einige Kollegen waren Schüler und Studenten, manche blieben nur 14

Tage, andere sechs Wochen oder die ganze Saison. Alle bekamen den österreichischen Grundlohn „plus Trinkgeld“, Kost und Logis frei. „Das ist nichts zum Reichwerden.“ Doch darum ging es Willert ja auch gar nicht. „Außerdem gibt man ja kaum was von dort oben.“ Keiner konnte abends nach Hause fahren, runter ins Dorf oder nach Mayrhofen. „Eben mal ist da gar nichts“, erklärt Olaf Willert, „das ist wie auf ‘nem U-Boot.“

Bereits morgens vom Bett aus hatte er bei überwiegend gutem Wetter einen fantastischen Blick auf die umliegenden Berge und Gletscher. Doch Ausschlafen ist nicht, seine Arbeitskraft wird gefordert. Erst im Service, beim Austragen von Essen und Getränken, dann hinter der Theke, später in der Küche. „Ich koche gern und Gastronomie hat mich immer interessiert.“ Da kamen ihm Frittatensuppe, Zillertaler Brettljause, Bergsteiger-Essen, Germknödel und Co. gerade recht. Er durfte mithelfen, Neues kennenlernen.

7 Uhr: Dienstbeginn in der Spülküche. Frühstücksgeschirr und alles säubern, was die Köche zum Zubereiten der warmen Mahlzeiten brauchen. Tagsüber war der Wittgensteiner oft draußen beschäftigt: Mäharbeiten, Zaun repariert. Außerdem im Haus Reparaturarbeiten: verstopfte Klos, klemmende Türen. „Die waren heilfroh, dass ich handwerkliche Aufgaben übernehmen konnte.“

Ansonsten half er in der Küche beim Abendessen vorbereiten. „Da gibt es in der Stoßzeit Dauerfeuer“, sagt Willert, bevor ab 20.30 Uhr Ruhe herrsche. „Wenn bei Nebel mit fünf Meter Sicht wenig los war, hieß es: Kühlschrank sauber machen oder Ähnliches, wo man sonst nicht zu kommt. Zu tun gibt es immer was.“ So hatten die Tage ihren Rhythmus. Nachmittags zwei Stunden Zimmerstunde, donnerstags frei. Willert: „Es war schon eine andere Arbeit. Ich hab’ gesagt: eine ,selbst auferlegte Kur’.“

Das Essen und das Wetter

Dienstags wurden Getränke und Lebensmittel von der Lastenseilbahn mit Kettenfahrzeug „Tuck-Tuck“ zur Hütte befördert. „Jeder Kasten Bier oder jegliches Essen muss fünfmal angefasst werden, bis es in der Hütte ist“, berichtet Willert. Trotzdem seien die Preise human. Positiv sei auch das leckere Essen mit österreichischen Spezialitäten wie Apfelstrudel, Germknödel, Wiener Schnitzel mit Preiselbeeren. Natürlich wurden auch – außerhalb der Dienstzeit – Enzian und Zirbenschnaps probiert.

Zwei Drittel der Saison reichten Willert kurze Hose und T-Shirt. „Aber spät abends wird es kühl, draußen sitzen bei zwölf Grad ist dann nicht.“ Geschneit hat es an der Berliner Hütte nicht. Aber etwas höher, auf rund 2500 Metern, waren die Hänge gepudert.

Die Wanderungen

In der Freizeit übernimmt Willert kleinere oder größere Wanderungen, bei schlechtem Wetter hört er Radio. Oft führt sein Weg in den Freistunden zum 20 Minuten entfernt liegenden alten Zollhaus, in dem die Wassergewinnung untergebracht ist. Einmal kam Willert dort mit dem Wassermeister aus Innsbruck ins Gespräch – und ab diesem Zeitpunkt schaute er dort ehrenamtlich ab und zu nach dem Rechten, drückte Knöpfchen oder las etwas ab und ersparte dem „Kollegen“ eine fünfstündige Anreise.

Von der Hütte aus, aber auch bei seinen Wanderungen auf einigen Etappen des „Berliner Höhenweges“ belohnten Willert sagenhafte Ausblicke und ein fantastisches Panorama. „Und du lernst jede Menge nette

Leute kennen. Es ist genial! Ich habe ‘ne tolle Zeit gehabt!“ Sicher: Er hätte jederzeit vorzeitig abbrechen können, „aber ich wollte mir auch etwas beweisen. Schaffe ich das? Halte ich das aus?“ Geholfen hat sicher auch, dass es zwischendurch mal Besuch aus der Heimat gab.

Aber das Leben auf der Hütte war kein Problem. „Wenn man knapp drei Monate mehr oder weniger den ganzen Tag zusammen ist, muss allerdings die Chemie stimmen.“ Natürlich gab es auch mal etwas lautere Worte. Zum Ende der Saison kommt der Hüttenkoller, wissen die Wirte aus Erfahrung. „Man musste auch schon mal aufpassen, was man sagt und zwischendurch schlucken.“

Der Blick zurück

Olaf Willert, der um zahlreiche Erfahrungen reicher geworden ist, weiß, wem er das zu verdanken hat: seiner Familie und den Hüttenpächtern. „Rupert und Kerstin sind ein super tolles Team“, lobt er seine Chefs. Es gehe auf anderen Hütten teilweise rabiater zu, berichteten ihm Kollegen. „Und wir wurden bestens verköstigt“, das sei auch nicht selbstverständlich. Der „Hilfskoch“ durfte zwischendurch sogar auch mal Personal-Essen kochen – unter anderem Erbsensuppe, Kartoffelgratin oder Kasnockerln. „Die kannte ich zum Beispiel nicht.“ Das Rezept hat Willert bereits daheim mit vollem Erfolg nachgekocht.

Apropos zu Hause: Wie sieht es aus mit Gedanken an das Zillertal, die Berliner Hütte, die Kollegen? „Ich vermisse die Berge“, gibt der Rückkehrer zu, denn sein Dienst ist zu Ende, die Hütte seit dem 27. September bis zur nächsten Saison geschlossen. Auf die Frage: Gibt es ein zweites Mal?, nickt Olaf Willert: „Ja! Aber nicht so lange. Und es muss wieder von zu Hause passen.“

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