Grenzerfahrung

Wie Lisa Achatzi die Berge und Wüste in Kolumbien erlebt

Mal nicht in den Bergen unterwegs – ein ungewohntes Bild ihrer bisherigen Tour. Achatzi fährt auch Teile der Panamericana, ein 48.000 Kilometer verbundenes Netzwerk aus Schnellstraßen.

Mal nicht in den Bergen unterwegs – ein ungewohntes Bild ihrer bisherigen Tour. Achatzi fährt auch Teile der Panamericana, ein 48.000 Kilometer verbundenes Netzwerk aus Schnellstraßen.

Foto: Lisa Achatzi / WP

Ibagué.  Lisa Achatzi aus Bad Laasphe fährt für Kinderdörfer mit dem Rad durch Südamerika. Dieses Mal begegnet sie u.a. einem Polizisten mit Drogenhund.

Zwei Wochen ist es her, dass Lisa Achatzi von ihrer ersten Etappe berichtete. Es waren besonders die majestätischen Berge Kolumbiens und die Freundlichkeit der Einheimischen, die sie beeindruckten und trotz Radpannen und Stürzen immer wieder aufstehen ließen. Inzwischen hat Achatzi mit ihren 35 Kilo Gepäck weitere 1000 Kilometer auf dem Sattel verbracht. Geändert haben sich die Umstände, geblieben ist der Kampf mit den Höhenmetern.

Ritt durch Serpentinen

Als sich Achatzi das erste Mal per Sprachnachricht meldet, liegt ein Weg vor ihr, der von 1700 auf 3200 Meter Höhe führt. Sie zweifelt, ob sie die Route in Richtung der Großstadt Ibagué mitsamt Talfahrt und Zeltplatzsuche an einem Tag schafft, doch entscheidet sich schließlich für den Husarenritt. Zu Beginn läuft alles glatt, ab 2800 Metern Höhe ändern sich Verkehr und Laune dann aber schlagartig: „Es sind hier nur noch Serpentinen voller Busse und Lkws, weshalb ich immer innen fahren muss.“ Ein vorbeifahrender Trucker namens Uber erkennt die gefährliche Lage und bietet Achatzi seine Hilfe an.

Einen Wimpernschlag später liegt Achatzis Fahrrad zwischen Tonnen von Obst im Laderaum. Die Chemie zwischen ihr und Uber stimmt sofort. Dabei wird klar, dass er sie nicht nur von den Serpentinen, sondern vor allem vor der Fahrt ins Tal bewahren möchte: „Bergab ist die Straße so eng, dass sich beide Verkehrsrichtungen eine Fahrbahn teilen müssen. Das ist Wahnsinn, wenn du da herunterfährst!“ Achatzi wird klar, dass Uber es gut mit ihr meint. „Ein total herzlicher und lustiger Mann. Wir haben viel gelacht und vor allem über Musik geredet,“ sagt sie. Während der Fahrt lebt Uber seinen Musikgeschmack aus: von den Rolling Stones über Bob Marley bis ABBA ist alles dabei. Wohlbehalten sitzt Achatzi etwas später wieder auf ihrem Sattel. Zuvor noch ein letztes Foto mit Uber – ohne den alles hätte schlechter laufen können.

Schikane mit Hund

Kurz darauf wird sie von der Polizei angehalten. Achatzi denkt sich nur: „Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Was wollen die?!“ Ein Polizist mit Maschinengewehr im Anschlag stellt sich in den Weg: „Wo kommst du her? Wohin willst du? Hast du Marihuana geraucht? Kokain genommen?“ Das Spielchen geht weiter, ein Drogenhund wird an ihr Gepäck geführt: „Ganz sicher keine Drogen dabei? Warum reist du alleine?“ Achatzi antwortet: „Warum nicht?“ Daraufhin der Polizist: „Hast du einen Freund?“

Schlussendlich kann Achatzi weiterfahren. Alleine. Ohne Drogen, ohne Freund. Die Lockerheit, mit der Achatzi solche Situationen per Sprachnachricht schildert, klingt nicht gespielt. Es spricht eine Frau im Routine-Modus, die mit solchen Schikanen umzugehen weiß.

Tage und Kilometer vergehen. Sie schläft auf Sportplätzen und zeltet bei Raststätten, weil es dort kostenloses Duschen gibt. In der Baustelle einer Schnellstraße kämpft sie mal wieder mit Bussen und Lkws um ein paar Quadratmeter Platz und Sicherheit. Ein Polizist bringt sie mitsamt Fahrrad per Pick-up in den nächsten Ort.

Es folgen drei Tage Pause in Popayán. Ausruhen und Organisatorisches stehen auf der Agenda – zum Beispiel der Kontakt zu SOS-Kinderdörfern in Paraquay, Peru und Argentinien, bei denen der Besuch nun „so gut wie sicher ist“. Noch mehr freut sich Achatzi über die vielen Glückwünsche zu ihrem 31. Geburtstag und darüber, dass die 1000-Euro-Marke an Spendengeldern geknackt wurde.

Emotional überwältigt

Wieder unterwegs, beschäftigt sie ein gesellschaftliches Thema: „Es ist ein harter Kontrast hier zwischen Arm und Reich, zwischen Land- und Stadtbevölkerung. Hier die Pampa, wo die Zeit stehengeblieben ist, dort Einkaufszentren wie in Europa.“ Plötzlich ist ihre Stimme nicht mehr zu verstehen. Ohrenbetäubender Lärm von vorbeiheizenden Lkws peitscht durch die Ansage. Achatzi ruft: „Sorry! Sorry! Zu viel Verkehr hier. Ich sitze gerade mitten im Nirgendwo und esse ein Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwich“. Ende der Sprachnachricht.

Erst Stunden später meldet sich Achatzi wieder, in Deutschland ist es lange nach Mitternacht. Schon das schwere Atmen verrät, dass es heute alles zu viel war. 35 Grad Celcius in den Bergen der Panamericana-Route, gefühlt mit 5 km/h unterwegs, rechts Steilwände, links der Abgrund. Emotional überwältigt, sagt sie mit gebrochener Stimme: „Es ist nicht jeden Tag alles super, aber so ist das Leben. Ich habe seit Tagen mit niemanden mehr gesprochen. Vielleicht bin ich auch deshalb gerade so emotional“. Morgen geht es weiter.

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