Welthospiztag

Trauerarbeit in Wittgenstein: „Leid zu teilen hilft sehr“

Damit die Sonne wieder lacht: Tanja Baldus wirbt um weitere Ehrenamtliche für den Ambulanten Hospizdienst. Die Diplom-Sozialpädagogin findet, dass man Trauernden zum Beispiel Wege zurück ins Leben aufzeigen sollte.

Damit die Sonne wieder lacht: Tanja Baldus wirbt um weitere Ehrenamtliche für den Ambulanten Hospizdienst. Die Diplom-Sozialpädagogin findet, dass man Trauernden zum Beispiel Wege zurück ins Leben aufzeigen sollte.

Foto: Eberhard Demtröder

Bad Berleburg.  Hospizdienst-Leiterin Tanja Baldus: „Leider sind wir im Umgang mit Trauer ,verkümmert’.“ Stichwort Demenz: „Darüber reden ist sehr wertvoll.“

Am heutigen Samstag ist der Welthospiztag. Anlass für ein Gespräch mit Diplom-Sozialpädagogin Tanja Baldus, beim Diakonischen Werk Wittgenstein Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes Wittgenstein. Dabei geht es um Trauer und Trauerbegleitung, aber auch um das besondere Engagement für Menschen mit Demenz.

Eine Wanderung für Männer und Frauen in Trauer ab Stünzel, angeboten vom Ambulanten Hospizdienst Wittgenstein – wie war da Anfang Oktober die Beteiligung, das Interesse?

Die Wanderung wurde gut von Männern und Frauen in Trauer auf dem Stünzel angenommen. Bei kaltem, allerdings trockenem Wetter haben sich 18 Teilnehmer auf dem Stünzelplatz eingefunden. Während der Wanderung haben wir mit Diakoniepfarrerin Simone Conrad den Teilnehmern Impulse mit auf den Weg gegeben, die zum Nachdenken, zum Reden und zum Wahrnehmen anregten. Unser Ziel in der Trauerbegleitung ist es, Menschen wieder Wege in das Leben aufzuzeigen. Im Frühjahr werden wir ein solches Angebot wiederholen.

Und was läuft in den beiden „Lebenscafés“ Bad Berleburg und Bad Laasphe? Warum gibt‘s eigentlich keines in Erndtebrück, im „Klöneck“ an der Siegener Straße zum Beispiel?

Beide Lebenscafés werden gut besucht. Manche Gäste kommen nur ein oder zweimal, und wiederum andere kommen immer wieder gern, um gemeinsam die Trauer und gemeinsam das Leben zu teilen. Jeden Monat bereiten die Mitarbeiterinnen des Lebenscafés bestimmte Themen für die Nachmittage vor, um die Begegnungen zu fördern, die Trauer zuzulassen und das Leben zu bejahen. Eine gute Frage, warum es das Lebenscafé nicht in Erndtebrück gibt. Unser Wunsch ist es, in den nächsten Jahren auch dort eines zu etablieren, wenn wir noch mehr ehrenamtliche Mitarbeiter gewinnen können. Selbstverständlich ist jeder Erndtebrücker aber auch nach Bad Berleburg oder Bad Laasphe eingeladen.

Wie kann man ehrenamtlicher Hospizhelfer werden?

Wir bieten alle zwei Jahre einen Befähigungskurs zur ehrenamtlichen Begleitung am Lebensende an. Der nächste Kurs startet 2021.

Im Mai 2017 gingen 7082 Euro aus dem LEADER-Fördertopf an den Zusammenschluss „Lebendige Trauerkultur in Wittgenstein“, der seine ehrenamtlichen Trauerbegleiter noch besser für ihren kräftezehrenden Job ausbilden und vorbereiten will. Diese Maßnahme allein kostet 10 896 Euro. Was ist aus dem Projekt geworden?

Das Projekt läuft noch. Zwei ,,Qualifizierte Trauerbegleiterinnen“ haben in diesem Rahmen ihre Weiterbildung im Sommer abgeschlossen und zwei weitere absolvieren derzeit die Qualifizierung zum Trauerbegleiter nach Richtlinien des Bundesverbandes für Trauerbegleitung im St.-Bonifatius-Bildungszentrum in Elkeringhausen.

Neben den Lebenscafés möchten wir die Trauerbegleitung weiter ausbauen, zum einen immer wieder neue Angebote für Männer und Frauen sowie auch für Kinder und Jugendliche in Trauer ermöglichen. Zum anderen möchten wir vermehrt Einzelbegleitungen anbieten. Die Trauerarbeit wird leider nicht von Krankenkassen oder aus anderen Fördertöpfen refinanziert. Deshalb sind wir sehr dankbar, dass die Weiterbildung durch die LEADER-Förderung zu 65 Prozent und zu 35 Prozent vom unserem Förderverein Freundeskreis Diakonischer Arbeit refinanziert wurde.

Es ist ein großes Dilemma, denn der Bedarf, Menschen in Trauer zu begleiten, ist mehr als da und zwingend erforderlich. Trauer muss einen Platz in unserer Gesellschaft haben. Jeder von uns wird im Laufe seines Lebens Verlust-Erfahrungen haben – und leider sind wir im Umgang mit Trauer „verkümmert“.

Welche Rolle spielt der Betreuungsverein Arche im Rahmen der Hospizarbeit?

Der Betreuungsverein Arche spielt eine wichtige Rolle in der Hospizarbeit. Gerade Menschen, die eines gesetzlichen Betreuers bedürfen, haben meist keine Zugehörigen, die sich kümmern können – deshalb steigen wir meist sehr früh als Unterstützung in die Begleitung der Betroffenen ein.

Wie steht es mit dem Engagement ehrenamtlicher Hospiz-Mitarbeitern? Reicht deren Zahl für Wittgenstein derzeit aus?

Derzeit arbeiten 50 Ehrenamtliche bei uns im Hospizdienst mit, darunter zwei Männer. Auf den ersten Blick hört sich diese Zahl hoch an, allerdings benötigen die Mitarbeiter auch zwischen den Begleitungen wichtige Erholungsphasen in der Arbeit und sind dadurch nicht immer einsatzfähig. Im November schließen wir mit 16 Teilnehmerinnen den diesjährigen Hospizkurs ab und freuen uns, dass wir weitere Mitarbeiter mit Herz für diese wertvolle Arbeit gewinnen können.

Wie sieht es derzeit mit den Angeboten in Wittgenstein rund um Demenz-Betroffene und deren Angehörige aus? Aber auch für diejenigen, die tagtäglich beruflich mit Demenz-Erkranken arbeiten?

Es gibt verschiedene Angebote für Menschen mit Demenz hier in der Region. Neben den stationären Einrichtungen bietet die Diakonie eine Demenz-Wohngemeinschaft und eine Tagespflege in Bad Laasphe an. Außerdem gibt es im Erndtebrücker „Klöneck“ an der Siegener Straße und in Bad Berleburg bei der Diakonie an der Schützenstraße jeweils eine Tagesbetreuung für Betroffene. An der Schützenstraße treffen sich außerdem die Angehörigen monatlich zum Stammtisch für einen gemeinsamen Austausch. Und: Jährlich bieten wir gemeinsam mit dem Altenheim „Haus am Sähling“ eine Fachtagung zu Demenz an, um für dieses Thema zu sensibilisieren.

Stichwort „Demenz“: Wie entwickelt sich die Zahl der Betroffenen in der Region Wittgenstein?

Derzeit leben etwa 1,7 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland. Infolge der demo­grafischen Veränderungen wird die Zahl der Menschen mit Demenz kontinuierlich auch hier in der Region zunehmen. Dafür müssen wir gute ambulante und stationäre Versorgungsstrukturen weiterentwickeln.

Sie sagten noch im Oktober 2018: „Eine genaue Zahl lässt sich nicht ausmachen. Wir bewegen uns dabei in einer Grauzone. Viele sprechen nicht darüber oder überspielen ihre Situation.“ Warum ist das immer noch so ein Tabu? Und warum wären Gespräche genau da so wichtig?

Mein Eindruck ist, dass ein Mensch mit einer Demenz oder einer anderen Beeinträchtigung keinen Platz in der leistungsorientierten Gesellschaft hat. Müssen wir als Gesellschaft nicht mehr Sorge für den Anderen tragen? Gemeinsam Leid zu teilen hilft sehr – und deshalb ist darüber reden sehr wertvoll.

Der Umgang mit Demenz-Erkrankten kann bisweilen anstrengend sein. Wie sollten Betreuer sich darauf einstellen?

Der Betreuende sollte sich gut einfühlen können und aus den Augen des Betroffenen schauen. Außerdem ist Humor sehr heilsam für die Begleitung von Menschen mit Demenz.

Die Themen „Demenz“ und „Trauer“ gehören zu Ihrem Arbeitsalltag. Was tun Sie, um etwa nach einem Arbeitsalltag abzuschalten? Oder: Aus welchen Aktivitäten schöpfen Sie Ihre Kraft fürs Berufsleben?

Meine Familie und Freunde sind meine natürlichen Kraftquellen.

Sie selbst engagieren sich auch im Förderverein „Zukunft Odebornskirche Schüllar-Wemlighausen“. Mit welchem Ziel?

Unser Ziel ist zunächst, die wunderbare Kirche in Schüllar-Wemlighausen zu erhalten. Der Wunsch besteht, eine „ÜberLEBENSkirche“ für Menschen in besonderen Lebenssituationen – insbesondere nach dem Verlust eines lieben Menschen – weiterzuentwickeln und sie durch diese besondere Ausrichtung attraktiver zu gestalten.

Mit Tanja Baldus sprach Eberhard Demtröder.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben