Serie "24 Stunden"

Tankstelle in Bad Laasphe: Leuchtende Oase in der Nacht

24 Stunden Südwestfalen: Silke Henning (53) aus Erndtebrück übernimmt regelmäßig Nachtschichten an der Tankstelle in Bad Laasphe. Gerade unter der Woche sind die Nachtschichten sehr ruhig.

24 Stunden Südwestfalen: Silke Henning (53) aus Erndtebrück übernimmt regelmäßig Nachtschichten an der Tankstelle in Bad Laasphe. Gerade unter der Woche sind die Nachtschichten sehr ruhig.

Foto: Britta Prasse

Bad Laasphe.   1 Uhr: Silke Henning arbeitet an der Aral-Tankstelle in Bad Laasphe, die einzige in Wittgenstein, die 24 Stunden geöffnet hat. Ein Nacht-Besuch.

24-h-Südwestfalen

Reportage zum Tag der Arbeit.
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Kaffee. Mitten in der Nacht. Um wach zu bleiben. Die grell-blau leuchtenden Anzeigen stechen wie eine Oase in der schwarzen und stillen Nachtwüste hervor. Fast unwirklich. Aber Wirklichkeit für Silke Henning. Die 53-Jährige arbeitet seit ein paar Jahren an der Aral-Tankstelle in Bad Laasphe, die einzige Tankstelle in Wittgenstein, die 24 Stunden geöffnet hat. Morgens, nachmittags und nachts. Immer im Wechsel. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt Silke Henning. So gut, dass sie auch um 1 Uhr nicht mehr auf Kaffee angewiesen ist, um die Augen offen zu halten.

Für das Projekt „24 Stunden Südwestfalen“ begleitet die Redaktion Silke Henning in der Zeit von 1 bis 2 Uhr an ihrem Arbeitsplatz. Sie erzählt, wie die Nachtarbeit an der Tankstelle aussieht, warum ihr der Job so viel Spaß macht und in welchen Situationen sie auch mal Überzeugungsarbeit leisten muss.

1.01 Uhr: Ab 22 Uhr werden Kunden nur über den Nachtschalter bedient. Auch die Reporterin muss erst mal ihren Presseausweis an die Scheibe halten, damit sie überhaupt Zutritt zu dem Verkaufsraum bekommt. „Bis 6 Uhr ist man hier ganz alleine, da gibt uns die Bedienung über den Nachtschalter per Headset Sicherheit“, erklärt Silke Henning. Nicht immer können das alle Kunden nachvollziehen. „Wir hatten auch schon welche hier, die sich nachts eine Kiste Bier kaufen wollten. Das passt dann natürlich nicht mit der Herausgabe“, so Henning. Oder Kunden, die „nur mal eben schnell“ auf die Toilette wollten – geht nicht. „Ich darf niemanden hier rein lassen nachts.“

1.06 Uhr: Und, wie viele Kunden kommen nachts überhaupt an die Tankstelle? „Das ist ganz unterschiedlich, an den Wochenenden natürlich mehr als unter der Woche“, sagt Henning. Heute sei sehr wenig los. Jetzt gerade sehr, sehr wenig. „Aber es ist ja nicht so, dass man gar nicht arbeitet. Ich kontrolliere das Zigarettenregal und fülle gegebenenfalls auf, mache den Bistrokühlschrank und die Oberflächen sauber, fülle die Kühlregale auf und fange so gegen 2.30 Uhr mit dem Backen an.“ Auch nachts käme nämlich der Hunger.

1.11 Uhr: So wie bei dem ersten Kunden. Er nimmt zwei Schokobrötchen und zwei belegte Baguettes aus der Auslage neben dem Nachtschalter. Geld in das Ausgabefach legen, Wechselgeld und Brötchen ins Fach legen, nach draußen schieben, fertig. „Das kommt häufiger vor, dass die Kunden nachts nur mal eben schnell was zu essen haben möchten“, sagt Henning.

1.21 Uhr: Leerlauf. Es ist so leise, dass man Hintergrundgeräusche viel intensiver wahrnimmt. Das Brummen der Kühltruhen, der leichte Wind, der an den Außenwänden vorbeirauscht, das Summen der LED-Leuchten über dem Kühlregal. Und – Musik. „Wenn ich hier nachts alleine bin, schalte ich immer leise das Radio ein. Sonst erschrickt man sich gleich bei jedem kleinen Geräusch draußen“, erzählt Silke Henning.

1.30 Uhr: Auch der zweite Kunde in dieser Nacht hat es nur auf Essen und Trinken abgesehen. Drei Flaschen Bier und zwei Brötchen. Auch wenn nicht viele Worte fallen: Er ist dankbar, dass er um diese Uhrzeit noch etwas bekommt.

1.42 Uhr: Zwei Schachteln Zigaretten werden ins Ausgabefach gelegt. Dafür gibt‘s einen Daumen nach oben vom Kunden. „Der war jetzt zum Beispiel einfach froh, dass es hier noch eine 24-Stunden-Tankstelle gibt, an der er Zigaretten kaufen kann.“ Das Glück liegt bekanntlich in den kleinen Momenten.

1.49 Uhr: Die einzige Kundin bisher, die auch gleich ein Klischee bricht: Sie kauft eine Bockwurst mit Senf, dazu ein Baguette. Am Wochenende sei das besonders beliebt, „wenn die ganzen Spezialisten aus dem ‚Fame‘ kommen und erst mal im großen Stil Bier und etwas zu essen wollen“. Klar fallen da im Alkoholrausch mal ein paar Sprüche. „Aber da muss man auch auf Durchzug schalten können“, meint Henning.

1.59 Uhr: Der letzte Tankstellen-Kunde während des Redaktionsbesuchs. Für ihn soll es schlicht ein Käsebaguette sein. „Das ist auch das Schöne hier, dass man die Leute mittlerweile kennt und auch weiß, was sie wollen“, erzählt Henning. Selbst die Polizei komme regelmäßig mit einem Streifenwagen vorbei und frage, ob alles soweit ruhig wäre. „Und dann freuen sie sich über frische Brötchen.“

2.02 Uhr: Müde und seltsam in Gedanken versunken geht‘s mit dem Auto wieder nach Hause. Silke Henning muss noch vier Stunden bis zur Schichtübergabe arbeiten. Dann kann auch sie das Headset ablegen und hoffentlich schnell einschlafen.

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