Wahlkampf

SPD-Bundestagskandidat Heiko Becker stellt sich vor

Heiko Becker (l.), SPD-Bundeskandidat für Siegen-Wittgenstein, im Gespräch mit WP-Redakteur Lars-Peter Dickel.

Foto: Britta Prasse

Heiko Becker (l.), SPD-Bundeskandidat für Siegen-Wittgenstein, im Gespräch mit WP-Redakteur Lars-Peter Dickel. Foto: Britta Prasse

Bad Berleburg.   Der 33 Jahre alte Heiko Becker aus Erndtebrück will für die SPD in den Bundestag, findet aber auch CDU-Mann Norbert Blüm prägend. Warum, das verrät er auf einen Kaffee im Interview.

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  • Heiko Becker ist nicht politikverdrossen. Er will die Nachfolge von Willi Brase im Bundestag antreten.
  • Der 33-jährige Erndtebrücker ist Spitzenkandidat der SPD in Siegen-Wittgenstein.
  • Politische prägende Persönlichkeiten sind für ihn Willy Brandt und Norbert Blüm.

Die SPD in Siegen-Wittgenstein hat sich entschieden. Der in Womelsdorf geborenen Heiko Becker soll die Nachfolge von Willi Brase im Bundestag antreten und geht als Kandidat in den Wahlkampf 2017. Becker hat uns erzählt, woher sein Interesse für Politik kommt, was er an der SPD schätzt, warum er den früheren CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm beeindruckend findet, wie er zur Energiewende steht und wann die ersten Autos über die Route 57 fahren.

Sie kommen aus Womelsdorf, leben inzwischen in Kreuztal und arbeiten für eine Bundestagsabgeordnete aus dem märkischen Sauerland, was unterscheidet die drei Wittgensteiner, Siegerländer und Sauerländer?

Heiko Becker: Früher hätte man da sicher ganz viele Dinge gefunden, wie Glaube, Sprache und selbst die Kleidung. Aber gerade bei den jüngeren Generationen gibt es da kaum Unterschiede.

WP-Interview mit Heiko Becker (SPD)

Heiko Becker geht als Kandidat für die SPD Siegen-Wittgenstein in den Bundestagswahlkampf 2017. Der 33-Jährige hat uns erzählt, woher sein Interesse für die Politik kommt und warum er Norbert Blüm schätzt.
WP-Interview mit Heiko Becker (SPD)
Video: Hartwig Sellmann

Was verbindet sie?

Alle drei verbindet der Ideenreichtum, mit dem die Probleme der Region angepackt werden. Nur so haben wir es in Südwestfalen geschafft, die stärkste Industrieregion in NRW zu werden.

Warum sind Sie in die SPD eingetreten?

Ich wollte nicht nur meckern, sondern die Probleme unserer Gesellschaft aktiv anpacken. Als Sohn einer Arbeiterfamilie, mein Vater ist seit 45 Jahren in der IG Metall, war der Weg zur SPD für mich kurz. Ich bin dann über das Internet eingetreten, weil ich damals noch niemanden in der Partei so richtig kannte. Das hat sich dann aber sehr schnell geändert.

Welche politische Persönlichkeit aus einer anderen Partei hat Sie am meisten beeindruckt und warum?

Norbert Blüm. Weil er bis heute zur umlagefinanzierten Sozialversicherung steht. Und er hat Recht, wenn er sagt, dass es kein besseres System gibt. Man muss nur auch die starken Schultern mit einbeziehen, wenn man den Schwächeren helfen will.

Welcher SPD-Politiker ist der bessere Spitzenkandidat: Martin Schulz oder Sigmar Gabriel?

Ich würde mich freuen, wenn man diese Frage auch wirklich an die Mitglieder der SPD richten würde und einen Mitgliederentscheid macht. Das scheint aber leider bisher nicht geplant zu sein. Deshalb beschäftige ich mich lieber mit den Problemen vor Ort und versuche die Menschen in Siegen-Wittgenstein von meinen Lösungen zu überzeugen. Wenn es doch zu einer Ur-Abstimmung über den Spitzenkandidaten kommen sollte, werde ich mir die Ideen der Bewerber anhören und mir dann eine Meinung bilden.

Wer ist Ihr liebster Koalitionspartner für eine mögliche Bundesregierung und warum?

Mir ist der Partner am liebsten, der mit uns an dem Ziel der Sozialen Demokratie in Deutschland und Europa arbeitet. Dem die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität genauso wichtig sind, wie der SPD in Siegen-Wittgenstein. Wenn wir uns die Programme anschauen, kommen da wohl nur die Linke und die Grünen in Frage. Letztlich entscheiden aber die Wähler als der Souverän über die Regierung. Dem will ich nicht vorgreifen, weil ich das anmaßend finde.

Wenn Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident wird, kommt die First-Lady aus dem Siegerland, wie können wir das positiv nutzen?

Auch hier sage ich: Erstmal muss der neue Bundespräsident gewählt sein. Ich finde aber Elke Büdenbender ist auch so als Persönlichkeit eine sehr gute Werbung für ihre Heimat.

Zu den größten Problemen des an sich wirtschaftlich sehr starken Südwestfalen gehören die Verkehrswege. Wann können wir über eine ausgebaute Route57 fahren?

Die Arbeit fängt ja jetzt erst richtig an. Planungen, Ausbaugesetze, Umweltgutachten. Es gibt viel zu tun. Ziel muss es sein das Gesamtprojekt bis zum Ende des aktuellen Bundesverkehrswegeplanes 2030 in die Umsetzung zu bringen. Wir dürfen aber auch die Schwerlastrouten und die Schienenwege nach Wittgenstein nicht vergessen. Das zusätzliche Aufkommen an Güterverkehr kann nicht nur von den Straßen aufgefangen werden.

Ein weiterer Fakt ist der demographische Wandel? Mit welchem Rezept kann man Fachkräfte in der Region halten oder auch von andernorts anlocken?

Zu aller erst müssen unsere Kinder eine gute Bildung erhalten. Dann muss die Region ihnen aber auch Perspektiven bieten. Da sollte auch jemand eingestellt werden, der eine Lücke im Lebenslauf hat oder dessen Qualifikation nicht zu 100 Prozent auf die ausgeschriebene Stelle passt. Gegenüber Hochqualifizierten muss das ein oder andere Unternehmen professioneller werden. Ich habe in meinem Freundeskreis schon haarsträubende Dinge gehört. Das hat dazu geführt, dass jemand nicht in die Region zurück kommt obwohl er das gerne würde. Sicher muss sich Wittgenstein auch darüber Gedanken mach, wie man beispielsweise junge Menschen aus dem Ruhrgebiet gewinnen kann, wo die Arbeitslosigkeit nach wie vor hoch ist. Auch da könnte es ja Schulpartnerschaften geben.

Die Steuerkraft des Bundes ist so stark wie selten zuvor und wir haben Vollbeschäftigung. Trotzdem reicht das Geld in den Kassen der Kommunen nicht aus. Wie können Bund und Länder die Kommunen entlasten?

Den Kommunen geht es schlecht, weil der Bund im Rahmen der Agenda 2010 massiv Steuern gesenkt hat. Gleichzeitig wurden die Soziallasten auf die Kommunen abgewälzt. Seit 2013 hat sich die Politik des Bundes dank der SPD schon deutlich verbessert. Trotzdem müssen wir da noch nachlegen. Bei neuen Gesetzen muss darauf geachtet werden, dass die Kommunen keine zusätzlichen Ausgaben haben. Außerdem würde es allen helfen, wenn wir endlich die Steuerschlupflöcher für Großkonzerne schließen und die Steueroasen trocken legen. Hier sprechen wir von Summen zwischen 30 und 130 Milliarden Euro, die dem Staat jedes Jahr entgehen, während die Lasten vom Mittelstand getragen werden müssen. Mit der CDU ist das aber offenbar nicht möglich.

Der Atomausstieg wird teurer als erwartet, gleichzeitig ist die Akzeptanz von erneuerbaren Energien vor allem in Wittgenstein so niedrig wie nie zuvor. Was sagen Sie zur Diskussion zwischen Befürwortern und Gegner von Windkraftanlagen?

In der Vergangenheit war unsere Region an der Stromproduktion nicht wirklich beteiligt. Man hat die Vorteile genossen, musste aber kaum die Nachteile, vor allem für die Gesundheit, ertragen. Der Atomausstieg ist konsequent und richtig. Das wird auch für den Kohleausstieg gelten. Jetzt liegt es an der ganzen Gesellschaft sich an der Stromerzeugung der Zukunft zu beteiligen. Ob das mit so vielen Windrädern in den Wäldern geschehen muss, wage ich zu bezweifeln. Ich finde auch Abstände von weniger als einem Kilometer zur Wohnbebauung zu gering. Wie es aber gehen kann, zeigt Womelsdorf. Durch Photovoltaik und die Mühle wird dort schon heute mehr Strom produziert als benötigt wird. Mit dem Nahwärmenetz gemeinsam mit Birkelbach wird der Ort in Zukunft fast vollkommen unabhängig. Wir sollten unseren Beitrag also besser damit leisten, dass wir unseren Ideenreichtum nutzen. Damit erhalten wir unsere wunderschöne Natur, haben die Wertschöpfung trotzdem hier vor Ort und leisten unseren Beitrag zu einer nachhaltigen Energieversorgung.

Interkommunale Zusammenarbeit ist ein in Wittgenstein viel diskutiertes Thema, weil die erhofften finanziellen Ergebnisse für die Kommunen ausbleiben. Wie sehen Sie den inzwischen offenen Streit von Bad Berleburg, Bad Laasphe und Erndtebrück?

Henning Gronau und ich haben schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass für eine engere Zusammenarbeit erst mal die technischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Ohne Dokumentenmanagementsystem kann das nicht funktionieren. Hier muss die kommunale Datenzentrale liefern. Den Industriepark sehe ich als großen Erfolg. Auch wenn bei den kommunalen Steuern die Erträge nicht so hoch sind, konnten dort schon einige Arbeitsplätze geschaffen werden. Das trägt zum Wohlstand der Region insgesamt bei. Generell sollten die Verantwortlichen nicht die Köpfe hängen lassen sondern einfach weitermachen und sich auf die gemeinsamen Ziele konzentrieren.

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