Foodsharing

So können Wittgensteiner Lebensmittel vor dem Müll retten

Die Initiative Foodsharing rettet Lebensmittel vor dem Müll: Die sogenannten Foodsaver holen Lebensmittel, die sonst in der Abfalltonne landen würden, bei Kooperationsbetrieben ab und verteilen sie an die Öffentlichkeit. Hier: Malte Niessing bei der Abholung von Brot in der Bäckerei Koch mit Claudia Hofmann-Gerloff.

Die Initiative Foodsharing rettet Lebensmittel vor dem Müll: Die sogenannten Foodsaver holen Lebensmittel, die sonst in der Abfalltonne landen würden, bei Kooperationsbetrieben ab und verteilen sie an die Öffentlichkeit. Hier: Malte Niessing bei der Abholung von Brot in der Bäckerei Koch mit Claudia Hofmann-Gerloff.

Foto: Hendrik Schulz / WP

Siegen-Wittgenstein.  65 Tonnen Lebensmittel retten die Foodsharer in Siegen in drei Jahren. Malte Niessing erklärt, wie man auch in Wittgenstein zum Foodsaver wird.

„Das Ziel von Foodsharing ist, dass es Foodsharing nicht mehr geben muss.“ So beschreibt Malte Niessing das Hauptanliegen der Initiative gegen Lebensmittelverschwendung. Der 30-Jährige engagiert sich seit Mai 2016 in der Szene der Lebensmittelretter in Siegen. Zwei Monate, nachdem Foodsharing in Siegen ins Leben gerufen wurde, kam er dazu und konnte gleich zwei Kooperationsbetriebe für das Projekt gewinnen: Das Café Bienenstich am Bahnhof und den Biomarkt an der Koblenzer Straße.

Innerhalb der vergangenen drei Jahre hat die Foodsharing-Bewegung in Siegen bis zu 65 Tonnen Lebensmittel gerettet, resümiert Niessing. Mittlerweile ist er überwiegend als medialer Botschafter für Foodsharing aktiv und hält Vorträge zu Themen wie Konsum und Lebensmittelverschwendung unter anderem in Volkshochschulen.


Der Anfang

In Wittgenstein ist die Initiative der Foodsharing-Organisation bisher noch nicht angekommen. Ein Grund für uns im Rahmen der WP-Serie „Bin eben kurz die Welt retten“ bei Niessing nachzufragen, welche Schritte Interessierte gehen müssen, um Foodsharer in Bad Berleburg, Bad Laasphe oder Erndtebrück zu werden: „Am Anfang braucht man eine kleine Gruppe an Personen, die sozusagen den Startschuss geben“, erklärt Niessing.

Auf der Plattform foodsharing.de könne

man dann das Verwaltungsteam von Foodsharing Deutschland kontaktieren, das einen Beauftragten schickt, der vor Ort erklärt, worum es geht und Tipps für die weitere Herangehensweise gibt. „Im Folgenden wird dann ein neuer Foodsharing-Bezirk angelegt, in dem die Aktiven unterwegs sind.“

Danach gilt es, Betriebe wie Bäckereien, Obst- und Gemüseläden, Restaurants oder Supermärkte zu finden, die gerne mit den Foodsharern kooperieren möchten. Ein verantwortlicher Foodsaver vereinbart zuverlässige Abholtermine und Uhrzeiten, die sowohl den Betriebsalltag nicht stören als auch von den Foodsavern regelmäßig bedient werden können. „Wenn wir kooperieren, stellen wir sicher, dass wir das auch leisten können“, so Niessing.


Der höhere Sinn

Der erfahrene Foodsaver weiß, dass auch die örtlichen Tafeln einen wichtigen Beitrag leisten, um der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenzusteuern. Seine Motivation geht aber noch über das Retten der Lebensmittel hinaus: Er möchte in der Gesellschaft ein größeres Bewusstsein schaffen. „Die eigentlichen Probleme sind die Überproduktion und der

Konsum in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem“, erklärt Niessing.

„Mittel zum Leben“ – wie es im Wortlaut heißt – seien die Lebensmittel schon lange nicht mehr. Stattdessen ginge es vielmehr um wirtschaftliche Gewinnmaximierung.

Durch die mediale Aufmerksamkeit, die die Foodsharing-Initiative erhält, erhofft sich der Foodsaver, dass auch auf politischer Ebene etwas ins Rollen kommt. Denn nur so könne sich langfristig und effektiv etwas ändern.


Die Herausforderungen

Trotz des gemeinsam-erklärten Ziels sei die Zusammenarbeit innerhalb des heterogenen Foodsharer-Teams nicht immer einfach. Der 30-Jährige erklärt: „Obwohl wir alle eigentlich das gleiche Ziel verfolgen, gibt es auch Neid und Missgunst untereinander.“

So sei er sehr erschrocken gewesen, als sich teilweise um die vermeidlich besten Lebensmittel gestritten wurde. In solchen Fällen stellt er fest, dass sich einige nur engagieren, weil es etwas umsonst gibt.

Wer aber von der Arbeit und dem Sinn dahinter überzeugt sei und gut im Team sowie mit Menschen arbeiten kann, der habe auch viel Freude dabei und kann mitmachen. „Viel mehr bedarf es auch nicht“, sagt Niessing. Vom Studenten bis zum Rentner sei in Siegen und den anderen bereits teilnehmenden Städten die ganze Gesellschaft unter den Ehrenamtlern abgebildet.

„Jeder und jede kann mitmachen und genau so viel Zeit für Foodsharing aufwenden, wie er oder sie es gerne möchte. Es ist vollkommen in Ordnung nur eine Abholung in der Woche oder im Monat zu machen, man kann sich aber auch mehr engagieren – nach oben gibt es kein Limit“, erklärt Niessing den Umfang und die Bandbreite des möglichen Engagements: „Der Kreativität sind da auch keine Grenzen gesetzt.

Manche machen Schnibbel-Partys, andere halten Vorträge, ich habe auch schon Projekttage an einer Schule betreut, wieder andere kümmern sich um Strukturen und organisieren Treffen; Facebook und Instagram wird ebenfalls gepflegt. So ist für jeden und jede eine Nische dabei, wenn man denn will.“

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