Umweltschutz

Jäger im Raum Bad Laasphe müssen schon jetzt handeln

Bedeutet der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest, dass unsere heimischen Wildschweine zukünftig im wahrsten Sinne des Wortes „im Regen stehen“?

Bedeutet der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest, dass unsere heimischen Wildschweine zukünftig im wahrsten Sinne des Wortes „im Regen stehen“?

Foto: Wolfram Martin

Netphen/Wittgenstein.  Bei einer Infoveranstaltungen in Netphen sprachen Experten über die „Afrikanische Schweinepest“. Konsequente Maßnahmen bei Ausbruch durchgeplant.

Im Rahmen der Seminarreihe „Jagd und Ethik“ fand jetzt im Forsthaus Hohenroth eine Veranstaltung zum Thema „Afrikanische Schweinepest“ statt. Die über Asien nach Osteuropa eingeschleppte Afrikanische Schweinepest (ASP) hat Deutschland fast erreicht: Vor elf Monaten wurden zwei infizierte Wildschweine nur 60 Kilometer von der belgisch-luxemburgischen Grenze gefunden – aktuell sind es in Belgien 478 infizierte Tiere. In ganz Europa sind derzeit 16.827 Wild- und 2190 Hausschweine von der ASP betroffen. Entsprechend besorgt sind Veterinärbehörden, Jäger, Landwirte und die Fleischindustrie.

Bei dem Seminar informierten drei Referenten sowohl Interessenten als auch mögliche Betroffene weit über die Thematik „Schweinefleischproduktion und Marktrisiken“ hinaus und erörterten die Tragweite und mögliche Gefahren für Jagd, Jäger und Wild. Bereits in seiner Begrüßung stimmte der Organisator des Seminars, Leitender Forstdirektor Diethard Altrogge vom Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein, die zahlreichen Besucher auf die brisante Situation ein: Fünf Millionen tote Schweine in Asien und fast 800 positiv getestete Sauen in Belgien – wenn die ASP in Deutschland – dem größten europäischen Schweinefleischproduzenten – ausbreche, käme das einem Supergau gleich.

Die Verantwortung

Prof. Dr. Sven Herzog von der TU Dresden betonte, dass schon vor dem Ausbruch der Krankheit die Jägerschaft in der Verantwortung sei. Die Schwarzwildbejagung müsse vor diesem Hintergrund entgegen der allgemeinen Praxis und Empfehlung nicht großflächig in Form von revier- oder gar hegeringübergreifenden Drückjagden stattfinden, sondern lokal kleinflächig, damit die Sauen zu überschaubaren Streifgebieten und kleinen Einständen veranlasst werden. Denn nur dann kann man bei Ausbruch der Seuche die Rotten schnell „orten“ und im Rahmen der Tierseuchenbekämpfung eliminieren.

Der Schaden

Rolf Allmann (Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe) beschrieb mit seinem Vortrag die besondere Situation in NRW: So werden bei uns 7,5 Millionen Schweine gehalten, im Regierungsbezirk Münster allein 4,5 Millionen. Die großen Schlachthöfe in NRW mit 70.000 Schlachtungen pro Tag machen eine hohe Zahl an Tierbewegungen erforderlich, die bei Ausbruch von ASP äußerst stark erschwert würde, wenn nicht gar zum Erliegen käme. „Ein einziger ASP-Ausbruch“, so Allmann, „würde nach Berechnungen der Göttinger Agrarfakultät knapp eine Milliarde Euro an wirtschaftlichem Schaden in der Schweineindustrie verursachen“. Deshalb sei eine Früherkennung äußerst wichtig – und hier kommen die Jäger ins Spiel, denn mit dem Auffinden von verendeten Wildschweinen, deren Behandlung am Fundort und Weiterleitung an den Amtstierarzt beginnt praktisch schon das prophylaktische Seuchenszenario.

Das Ausbruchszenario

Dr. Ludger Belke, Leiter des Kreisveterinäramtes Siegen-Wittgenstein, beschrieb in seinem Referat ein Ausbruchszenario aus amtsärztlicher Sicht – und dabei wurde es bemerkenswert still im Saal. Auch wenn die Hausschweinebestände in Siegen-Wittgenstein mit 112 Betrieben und 686 Tieren vergleichsweise niedrig sind, läuft bei einem Kadaverbefund das jeweils gleiche Szenario ab: Über die Polizei, Benachrichtigung des Revierinhabers und Inaugenscheinnahme des Amtstierarztes gelangt der Kadaver nach Arnsberg zur Abklärung der Todesursache. Wird über Referenzlabore der Ausbruch der ASP bestätigt und amtlich festgestellt, kommt es zur Aktivierung des lokalen Tierseuchenkontrollzentrums (TiKo) unter Beteiligung des Krisenstabes unter Einbeziehung Betroffener und Mitwirkung von Eigenjagdbesitzern/Jagdpächtern, Landwirtschaft, Waldgenossenschaft, Kreisjägerschaft, Kreisjagdberater und andere mehr.

Die Maßnahmen

Über ein derartiges Übungsszenario im Raum Bad Laasphe informierte Dr. Belke weiter. So wird innerhalb kürzester Zeit ein „Kerngebiet“ rund um den Fundort von drei Kilometern Durchmesser; einem „gefährdeten Gebiet“ von 15 Kilometern und einer „Pufferzone“ von 30 Kilometern Durchmesser definiert und eingerichtet. In diesem Fall wären mit der Ausrufung der Pufferzone fast der gesamte Kreis Siegen-Wittgenstein sowie ein Teil Hessens betroffen. Im „gefährdeten Gebiet“ herrschen u.a. „eingeschränkte Betretungsrechte“, Leinenpflicht für Hunde, Verbot der Freilandhaltung von Hausschweinen, Einrichtung von Sammelstellen zur Entsorgung toter Wildschweine, zunächst generelle Jagdruhe. Das eigentliche Kerngebiet – 3 Kilometer rund um den Fundort – wird zur Hochrisikozone erklärt. Das Gebiet von rund 3000 Hektar wird schließlich umzäunt, damit infizierte Wildschweine nicht abwandern können. Außerdem gilt: Jagdruhe auf alle Wildarten, Ernte- und Betretungsverbot, Erfassung der Einstandsgebiete der Wildschweine, Kadaversuche unter Einsatz geeigneter Jagdhunde, Aufbau einer Durchfahrhygieneschleuse zur Ausschleusung von Einsatzfahrzeugen aus dem Kerngebiet und anderes mehr. Würden Windkraftanlagen innerhalb dieses Kerngebietes liegen, könnten diese möglicherweise nicht mehr angefahren und gewartet und müssten demzufolge abgeschaltet werden.

„Bei all diesen Maßnahmen“, so Dr. Belke, „reden wir von einem Zeitraum von ein bis drei Jahren und auch nur bei einem Kadaverfund von zunächst nur einem Tier“. Spätestens jetzt war allen Beteiligten klar, dass die Auswirkungen und Folgen der ASP in keiner Weise mit der klassischen Europäischen Schweinepest (ESP) vergleichbar sind. Und dass obwohl die ASP noch nicht in Deutschland angekommen ist, sich Jäger durchaus schon mit ihr befassen müssen.

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