Konzert

Gipfel der Klaviermusik: Botvinov auf Schloss Berleburg

Im Alter von neun Jahren bekommt Pianist Alexey Botvinov Noten von Bach geschenkt. Eine Liebe, die bis heute anhält.  

Im Alter von neun Jahren bekommt Pianist Alexey Botvinov Noten von Bach geschenkt. Eine Liebe, die bis heute anhält.  

Foto: Privat

Bad Berleburg.  Bei der Berleburger Musikfestwoche sorgt der ukrainische Pianist Alexey Botvinov für einen denkwürdigen Abend - mit seinem Lieblingskomponisten.

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Alexey Botvinov liebt Bach. Fast sein ganzes Leben lang. Neun Jahre war er alt, als er unter dem Weihnachtsbaum neben einigen Spielsachen auch Noten von Bach fand. Zwölf kleine Präludien. Fortan hat ihn Bach nicht mehr losgelassen. Diese Liebe zu dem bedeutendsten Komponisten der Musikgeschichte wurde auch am Mittwoch beim Festwochenauftritt des aus Odessa stammenden Pianisten deutlich. Auf dem Programm: Die Goldberg-Variationen aus dem Jahr 1742, Gipfelpunkt aller Klaviermusik. Ein denkwürdiger Abend.

Heldenklage statt Liebesnacht

Nicht minder interessant das Programm vor der Pause mit zwei Nocturnes von Frederic Chopin und der Musik aus dem Film „The Hours“ von Philip Glass. Das frühe Nocturne in b-moll, op. 9/1, ist ein Nachtgesang in Vollendung: Etwas klagend der Anfang und die geheimnisvollen Verzögerungen im zweiten Thema, die viermal wiederkehren – immer etwas leiser, bis nur noch ein Hauch bleibt. Das war klangliche Veredelung vom Feinsten, die Botvinov auf dem Steinway zelebrierte. Als Gegenstück dazu das Nocturne in c-moll, op 48/1, das von pathetischem Zuschnitt ist. Hier ist weniger von Liebesnächten unterm Sternenhimmel die Rede, sondern eher von einer Heldenklage. Botvinov haushaltete sehr klug mit den dynamischen Kräften, denen er erst in den letzten Takten freien Lauf ließ.

Ein interessanter Kontrast dazu die Musik aus dem Film „The Hours“ des amerikanischen Pianisten Philip Glass, ein Komponist, mit dem sich Botvinov seit einigen Jahren sehr intensiv befasst. Inspiriert von asiatischen Rhythmen und mit ausreichendem Abstand zur europäischen Avantgarde, entwickelte Philip Glass einen eigenen, höchst erfolgreichen Kompositionsstil.

Mehr als 300 Mal gespielt

Seit 1995 spielt Alexey Botvinov die Goldberg-Variationen. Mehr als 300 Mal hat er Bachs Variationswerk gespielt. Nirgends sonst sind die satztechnischen Künste so methodisch-bewusst und zugleich unterhaltsam zur Schau gestellt, sind die virtuosen Effekte auf so engem Raum zusammengedrängt und zum Eindruck eines blendenden, rasch vorübersprühenden Feuerwerks gesteigert worden. Häufig hat er die Goldberg-Variationen in Konzerten und sehr oft auch als Begleiter des Züricher Opernballetts gespielt, einem Tanzprojekt zu Bachs Musik.

Stellt sich da nicht Routine ein? Nein, bei Bach gibt es keine Routine. Wie aus einem Guss arbeitete sich Alexey Botvinov durch die Variationen mit ihren unglaublichen Kontrasten und Affektwechseln. Atemlose Tempi auf der einen Seite und der schier endlose Atem und die tiefste Versenkung in den langsamen Teilen. Und immer wieder zutiefst berührend der Anfang und das Ende: Die kunstvoll verzierte barocke Aria als Einleitung. Am Ende, nach dem Ritt durch die Variationen, kehrt die Aria noch einmal wieder – in vollendeter Schönheit. Beifall. Jubel. Und zwei Zugaben von Sergei Rachmaninow.

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