Digitales Lernen

Digitalisierung: Wo es an den Berleburger Schulen noch hakt

Digitalisierung an der Realschule Bad Berleburg: Rektor Manfred Müller im Gespräch mit Kollegin Sabine Sonneborn.

Digitalisierung an der Realschule Bad Berleburg: Rektor Manfred Müller im Gespräch mit Kollegin Sabine Sonneborn.

Foto: Lars-Peter Dickel / WP

Bad Berleburg.  Die Realschule Bad Berleburg hat alle Tafeln durch Activboards ersetzt. Digitales Lernen ist eine Chance, doch der technische Support fehlt noch.

Die Digitalisierung verändert das Leben und damit auch das Lernen und die Schule. Wir haben mit dem Rektor der Bad Berleburger Realschule, Manfred Müller, gesprochen. Auf dem Stöppel ist die Digitalisierung des Unterrichts schon weit fortgeschritten. Mit positiven wie negativen Effekten. Müller lässt uns in die Zukunft der Schule schauen und weiß auch, was sich trotz Computer und Tablet auf keinen Fall verändern sollte.

Wie hat Digitalisierung die Schule verändert?

Manfred Müller: Sie greift schon erheblich in schulische Abläufe ein. An unserer Schule beispielsweise ist die Kreidetafel verbannt. Alle Räume sind mit Activboards ausgestattet. Unsere Lehrer sieht man mit ihren Laptops durch die Schule laufen. Da hat auch die Schultasche mit den vielen analogen Dokumenten ausgedient.

Ist Digitalisierung Fluch oder Segen?

Ich bin davon überzeugt, dass sie schulisches Lernen weiterbringt. Sie effektiviert schulisches Lernen. Aber Digitalisierung darf in der Schule nicht alles sein. Wir brauchen in der Schule weiterhin – das steht für mich ganz oben – die Prozesse eines guten, eines wertschätzenden Miteinanders.

Also Grundwerte?

Ja. Wir brauchen Schule als einen Ort der direkten Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern, die wird mir in der Freizeit viel zu viel verlagert – nein, digitalisiert – um es auf den Punkt zu bringen. Ich halte zum Beispiel auch analoge Arbeitsweisen immer noch für sehr wichtig. Das Heft, das Blatt Papier, das wirklich handschriftlich von Schülerinnen und Schülern beschrieben wird, ist wichtig.

Handschrift hat heute nicht mehr den Stellenwert. Aber wie steht es mit dem alten Sprichwort ‘wer schreibt, der bleibt’? Gibt es einen Unterschied zwischen Handschrift und dem, was ich auf die Tastatur tippe?

Die Handschrift hat ganz deutlich an Bedeutung verloren. Wir kennen von früher her Schönschreibnoten, das ist völlig verloren gegangen. Aber für Schüler sind das auch Heute noch ganz elementare feinmotorische Erfahrungen. Und ich bin überzeugt davon, dass sie der Gesamtentwicklung von Kindern guttun. Wir müssen erkennen, das Handschriften von Schülern immer undeutlicher werden. Das ist schade, aber die Ursachen sind vielfältig.

Digitalisierung ist aber auch nur ein Aspekt dieser Entwicklung….

Wir haben heute die Situation, dass diese feinmotorischen Komponenten bei Kindern fehlen. Hier kann Digitalisierung durch das Eintippen auch im Positiven wirken, wenn Schriftbilder schlechter geworden sind.

Diese Schule ist im Computerzeitalter angekommen, ist mit Whiteboards ausgestattet. Nun birgt Technik aber auch Probleme. Eine Kreidetafel hat über Jahrhunderte ohne Update funktioniert. Ein Tablet hat Leistungsgrenzen oder ist irgendwann veraltet. Wie macht sich das bemerkbar?

Das Activboard für sich genommen bringt unheimliche Vorteile in den Klassenraum. Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte. Wir haben mit dieser Technik exzellente Möglichkeiten einer wirklich schülergerechten Visualisierung von nahezu allen Lerninhalten. Wir bringen Aktualität in den Klassenraum, weil die Activboards natürlich mit dem Internet verbunden sind.

Das heißt das Schulbuch, das nur eine gewisse Halbwertzeit hatte, wird von dieser Aktualität verdrängt?

Das sind alles aktuell Inhalte, die wir dort einfahren. Es bringt eine enorme Erleichterung, was die Unterrichtsvorbereitung der Kolleginnen und Kollegen angeht. Wir haben die Möglichkeit von unseren Rechnern aus Stundenbilder abzulegen, immer wieder zu optimieren, alte Tafelbilder in Wiederholungsphasen wieder reinzufahren.

Das visualisierte Gedächtnis greift sofort?

In der Zehn bereiten wir uns auf zentrale Prüfungen vor und ich fahre ein altes Tafelbild rein, heißt es: Genau so war’s und die Schüler sind wieder im Stoff. Es greift sofort und effektiviert Lernprozesse. Wir sind nun einmal im großen Stil Augentiere und da haben Activboards für mich enorme Vorteile. Wir sind flexibler und schneller und passen uns Entwicklungen an.

Es gibt aber auch Nachteile. Zum Beispiel das nach wie vor nicht überall nutzbare Breitband?

Wir sind vor einigen Jahren auch an die Grenzen gekommen. Wenn jedes Activboard im Internet war, reichten die Kapazitäten nicht aus. Wir haben relativ schnell gemerkt, dass das erweitert werden muss. Wir verfügen inzwischen über eine 400 Mbit-Leitung. Jetzt laufen unsere Tablets und Activboards. Ich sag’s mal salopp: Wenn wir so eine teure Technik hier oben haben, dann muss sie auch laufen.

Technik ist das eine, die Menschen sind das andere. Wie steht das Kollegium zum Thema?

Die Kolleginnen und Kollegen sind von den Geräten überzeugt und möchten sie nicht mehr hergeben. Das geht auch gar nicht anders. Es muss gewollt sein. Das haben wir im Haus aber abgestimmt. Das Ganze bedarf aus meiner Sicht aber auch eines vernünftigen Raumkonzeptes. Wir haben umgestellt auf das Lehrer-Raum-Konzept. Mit der Digitalisierung ist dieses Konzept eingezogen: Der Lehrer führt in seinem Raum Regie, dort wo die Technik installiert ist. Das geht auch gar nicht anders. Es kann nicht mehr sein, dass Lehrer mit Medienkisten durch die Schule tingeln.

Bandbreite ist nur ein Problem, wo liegen weitere Schwierigkeiten der Digitalisierung?

Wenn wir in Richtung digitales Klassenzimmer gehen, das wir teilweise verwirklicht haben, dann gibt es im Schulalltag auch jede Menge Schwierigkeiten zu überwinden. Du brauchst eine stabile Internetleitung. Tablets müssen funktionieren. Hier gibt es einen hohen Wartungsbedarf, wenn Schüler täglich mit den Geräten unterwegs sind. In die Zukunft gedacht: Digitalisierung wird dann gut funktionieren, wenn die Frage des technischen Supports wirklich geklärt ist. Ich bin der Meinung, wenn Schulen durchdigitalisiert sind, dann können das Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr leisten. Dann braucht es professionelle Unterstützung.

Das heißt, neben dem klassischen Hausmeister braucht Schule einen Systemadministrator oder Techniker?

Genau richtig: Den Systemadministrator wird man in Schulen der Zukunft dringend brauchen, damit die teure Technik einwandfrei und jederzeit läuft. Ich möchte ein Beispiel nennen. Wir verfügen über einen relativ alten Server. Wir haben zugleich Tablets verschiedener Generationen. Updates sind da gar nicht zu vermeiden. Updates kosten wertvolle Unterrichtszeit. Das soll zukünftig ein Server über Nacht leisten. Die Tablets werden nach ihren Bedarfen auch so eingerichtet, dass sie über den Server alle Software beziehen. Das ist Zielsetzung bei uns im Haus. Das muss optimiert werden.

Wie sehen diese Pläne konkret aus?

Wir überlegen, ob wir uns weiter einen hauseigenen Server hierhersetzen, oder ob wir auf Cloudlösungen zurückgreifen wollen. Die Cloudlösung bedeutet, es braucht kontinuierliches Internet, sonst kämen wir noch nicht einmal an unsere Daten oder Schülerbeiträge dran. Der hauseigene Server böte dies immer noch.

Ein hauseigener Server wäre teuerer, weil er auch der Wartung bedarf. Eine Cloudlösung hätte immer die neueste Software, aber Du bist fremdbestimmt...

Stimmt. Aber das sind so unsere Zielsetzungen für dieses Jahr. Eine weitere Zielsetzung ist, dass die Kommunikation unter den Kollegen und in der Verwaltung digitalisiert werden muss. Aktuell arbeiten wir mit Cloudlösungen, bei denen die Kollegen der Fachschaften untereinander verbunden sind. Wir sind dabei, Möglichkeiten zu verwirklichen, das alles unter einem Dach zu vereinen. Hier ist Logineo angekündigt...

Logineo ist was?

Das ist eine digitale Schulplattform, die dazu Möglichkeiten bieten soll. Es ist aber zu früh, dazu Einschätzungen abzugeben. Logineo ist gerade erst neu herausgekommen. Wir haben aber auch private Anbieter, die dieser staatlichen Möglichkeit Konkurrenz machen. Ich nenne nur einmal Google Education, für Schulen und Hochschulen gemacht. Das hat den Vorteil, dass es keine Speicherkapazitätsgrenzen hat. Die hat Logineo sehr wohl. Das macht es attraktiv. Und es ist kostenfrei für Schulen. Wir haben uns vorgenommen, für 2020 diese Möglichkeiten zu prüfen.

Zusammen heißt mit dem Schulträger, der Stadt Bad Berleburg?

Genau.

Bei der Stadt ist das Thema Smart City ja ein großes. In diese Stoßrichtung passt diese Idee.

Die Digitalisierung ist eine kommunale Aufgabe. Die Schulen allein sind da chancenlos. Vor zweieinhalb Jahren ist für unsere Schule bereits ein Konzept erstellt worden von IT.NRW, das peu à peu umgesetzt wird. Mir geht das nicht schnell genug, aber der Schulträger tut, was er kann. 2020 wird es die Veränderungen geben müssen. Bevor die IT-Infrastruktur nicht geschaffen ist, tut man sich mit der Beschaffung von Endgeräten schwer.

Sie verfügen über vier Klassensätze von Tablets, das sind 100 Geräte...

Die ältesten an unser Schule sind jetzt sieben Jahre alt und nicht mehr up to date. Hier merken wir einfach, dass die Entwicklung weiter gegangen sind. Aber die Stadt hat bereits die Beschaffung eines neuen Klassensatzes für dieses Schuljahr bewilligt. Hier sehen wir einen weiteren Effekt der Digitalisierung. Es ist alles schnelllebiger geworden und zieht Folgekosten nach sich.

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