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Berliner polarisiert mit Partyhymne auf Wittgenstein

Friedrich Kallendorf

Friedrich Kallendorf

Foto: Nickel Vitali

Wittgenstein/Berlin.  „Der Junge vom Dorf widmet seiner Heimat einen Dancetrack“. Friedrich Kallendorf feiert mit seinem Youtube-Video seine Herkunft aus Erndtebrück.

Glatze, Vollbart und ein loses Mundwerk: Friedrich Kallendorf wirkt auf dem ersten Blick wie der klischeehafte Hipster aus Kreuzberg. Tatsächlich kommt Elmar Heinz Franz Kleinert – so der bürgerliche Name des 41-Jährigen – aber aus Erndtebrück und ist vor knapp 20 Jahren nach Berlin gezogen. Seitdem ist er als Friedrich Kallendorf unterwegs und möchte auch nur so in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. „Zuerst war ich Theaterschauspieler und Sprecher, dann wand ich mich der Musik und der Stand-up Comedy zu“, erzählt Kallendorf. Seine Wurzeln hat er trotzdem nicht vergessen. Ganz im Gegenteil: Er feiert sie. Sein neuestes Lied mit dem schlichten Titel „Wittgenstein“ hat er erst vor ein paar Tagen veröffentlicht und das dazugehörige Video bei „Youtube“ hochgeladen. Über 9200 Aufrufe gab es innerhalb knapp einer Woche – ohne Werbung, ohne Promibonus, ohne bezahlte Likes. Das ist Kallendorf wichtig.

Da muss selbst der Komiker lachen

„Der Junge vom Dorf widmet seiner Heimat einen Dancetrack“, schreibt Kallendorf unter das Youtube-Video. Heimat: Das ist für ihn Laufen über eine weite Wiese, Fichtenwälder, auf dem Traktor sitzen, im Schrebergarten tanzen und mit Freundinnen Bosch-Bier trinken. Klar, in jedes Musikvideo gehören attraktive junge Damen, die mitfeiern. In einer Szene steht Kallendorf an einem Schieferfelsen, den Rücken zur Kamera gedreht und lässt seinen Po im Takt der Musik mitwippen – da muss selbst der Komiker lachen.

Er nimmt sich selbst nicht allzu ernst, die Verbundenheit zu seiner Heimat allerdings schon: „Wo mein Herz schlägt, wo meine Heimat ist, wo ich zuhause bin, ich komm‘ zurück nach Wittgenstein.“ Deswegen fährt Kallendorf auch mindestens ein Mal im Monat von Berlin nach Erndtebrück. „Erndtebrück wird immer meine Heimat sein. Immer. Dagegen kommt Berlin nicht an. Früher wollte ich mal so ein cooler Großstädter sein mit veganem Latte Macchiato und Kürbissorbet zum Frühstück. Aber ich bin so nicht und werde auch nie so sein.“

Die Partyhymne polarisiert

„Wittgenstein“ ist eine Partyhymne für Kallendorfs Heimat – obwohl das Video bei Youtube ganz offensichtlich polarisiert: 124 „Daumen hoch“-Angaben stehen 128 „Daumen runter“-Klicks gegenüber. „Peinlich“, „Kack Musik“ oder „Fremdscham pur“ posten seine Kritiker unter das Video; negative Kommentare, denen Kallendorf die Ernsthaftigkeit entzieht, indem er sie mit „gefällt mir“ anklickt oder sie mit Danksagungen und Herzchen-Emojis beantwortet.

Dass derartige Äußerungen jedoch nicht spurlos an Kallendorf vorbeigehen, zeigt ein Post, den er auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Darin schreibt er: „Wie sich manche über mein neues Musikvideo empören, das zeigt nur, dass sehr viele ein riesiges Problem damit haben, zu akzeptieren, dass immer noch Meinungs- und Kunstfreiheit besteht. Auch eine negative Meinung über meine Musik, mein Aussehen oder meine Darstellungsweise berechtigt die Empörten nicht dazu, mich oder meine Freunde oder Familie zu bedrohen, zu verleumden, verbal anzugreifen, Unwahrheiten zu verbreiten oder auch nur zu denken, dass ihre subjektive Einschätzung meiner Kunst dazu beitragen könnte, dass ich das Musikvideo lösche oder mich dafür entschuldige.“

„Lustig, bunt, stark und einfach von Herzen“

Es gibt aber auch User, die die unkonventionelle Art von Kallendorf durchaus unterhaltsam und bereichernd finden: „Das Video brav den Eltern gezeigt. Die fanden es auch cool, endlich mal was anderes, das, was vielen ‚es war schon immer so‘-Leuten leider fehlt“, schreibt zum Beispiel ein Abonnent. Ein polarisierendes Video zu einem offensichtlich polarisierenden Thema. Das hätte Kallendorf selbst nicht für möglich gehalten. „Zwischen liebevoller Unterstützung und bösartigem Runtermachen war alles dabei“, erzählt er. Dabei wolle er mit seinem Lied lediglich zeigen, wie positive Heimatverbundenheit auch aussehen kann: „Lustig, bunt, stark und einfach von Herzen. Ich bin sehr vielen Freunden in der Heimat auf ewig dankbar. Denn egal wohin ich gehe, ich werde immer zurückkehren können, weil ich dort einen Anker habe.“

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