Medizin

Wittener Palliativmediziner nennt Ärzte-Appell „Durchbruch“

Der Anästhesist und Palliativmediziner Matthias Thöns ist glücklich über den gemeinsamen Appell der Ärzte.

Der Anästhesist und Palliativmediziner Matthias Thöns ist glücklich über den gemeinsamen Appell der Ärzte.

Foto: Walter Fischer /FFS

Witten.  215 Ärzte haben ein Manifest gegen das „Diktat der Ökonomie“ in Krankenhäusern unterzeichnet. Darunter auch der Wittener Mediziner Dr. Thöns.

„Rettet die Medizin! Gegen das Diktat der Ökonomie in unseren Krankenhäusern.“ Das ist der Titel eines Ärzte-Appells, der am Donnerstag (5.9.) als Titelgeschichte im Stern erschienen ist. 215 deutsche Ärzte und mehrere Organisationen – darunter der Deutsche Ärztinnenbund, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin und die Landesärztekammer Westfalen-Lippe – haben das Manifest unterzeichnet. Darunter auch der Wittener Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns. Er kritisiert schon seit Jahren, dass der finanzielle Profit im Fokus vieler Ärzte und Kliniken stehe. Umso glücklicher ist er nun über den gemeinsamen Appell. Er ist sicher: „Das ist der Durchbruch!“

Für sein Buch „Patient ohne Verfügung“ gab es viel Kritik

Nach der Veröffentlichung seines Buches „Patient ohne Verfügung“ vor drei Jahren, in der Thöns Übertherapie am Lebensende anprangert, hatte der Wittener viel Kritik von Kollegen einstecken müssen. Er würde übertreiben, das seien doch alles nur Einzelfälle, hieß es damals. „Ich hatte das Gefühl, dass mir zwar ganz viele Kollegen Recht geben. Aber es hat sich bisher kaum jemand getraut, das auch in der Öffentlichkeit zu sagen“, so der 52-Jährige.

Dass nun über 200 Mediziner dem Manifest unterschrieben haben, mache ihn „stolz und glücklich“. „Das ist der Hammer – und der erste Stein, der nun hoffentlich eine Lawine ins Rollen bringt.“

Er habe nie damit gerechnet, dass sich so viele Kollegen – und dann noch so namhafte wie Frank-Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärztebundes – an dem Appell beteiligen würden. Thöns: „Ich hätte eher mit 20 gerechnet.“ Auch die scharfen Formulierungen, auf die sich die vielen verschiedenen Unterstützer einigen konnten, überraschen den Wittener.

Da heißt es etwa: „Das Fallpauschalensystem (...) bietet viele Anreize, um mit überflüssigem Aktionismus Rendite zum Schaden von Patienten zu erwirtschaften.“ Manche Ärzte ordneten sich zu bereitwillig ökonomischen und hierarchischen Zwängen unter. „Wir rufen diese auf, sich nicht länger erpressen und korrumpieren zu lassen“, so steht es in dem Manifest.

Der „Stern“ druckt nicht nur den Appel. Er berichtet auch über die fundamentalen Auswirkungen des „Diktats der Ökonomie“ auf die Krankenhausmedizin. Außerdem erzählen sieben Ärzte an sehr konkreten Fallbeispielen, wie der hohe wirtschaftliche Druck ärztliche Entscheidungen beeinflusst. Matthias Thöns ist überzeugt, dass sich nach dieser Veröffentlichung noch viel mehr Kollegen trauen werden, das Manifest zu unterzeichnen. „Bis gestern waren es 215, bald werden es 1000 sein.“

Jetzt müsse die Politik endlich reagieren

Dann müsse die Politik endlich reagieren. Die lange verschwiegenen Bonusverträge der Ärzte müssten endlich auf den Tisch kommen, die finanziellen Fehlanreize für die Kliniken abgeschafft werden. Thöns: „Es kann doch nicht sein, dass ein Arzt nichts bekommt, wenn er einen Patienten 24 Stunden beatmet, dann aber 25.000 Euro für 25 Stunden kassiert – es ist doch klar, dass der Patient so länger am Gerät bleiben soll.“

Besonders kritisch sieht der Palliativmediziner die Behandlung von Sterbenskranken. Studien zeigten, dass 50 bis 90 Prozent der intensivmedizinischen Leistungen am Lebensende übertherapiert seien, so der Anästhesist. „Und ich spreche hier nicht von einer überflüssigen Zahnreinigung, sondern von Beatmung, Kathetern und Festzurren.“ Oft laut Thöns gegen den Willen des Patienten: „So was nenne ich Folter.“

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