Bundeswehr

Wenn Soldaten in den Auslandseinsatz ziehen

Abschied nehmen – zumindest auf Zeit: Wenn der Soldat in den Auslandseinsatz geht, bleibt die Familie allein zurück. Doch sie bekommt Hilfe.

Abschied nehmen – zumindest auf Zeit: Wenn der Soldat in den Auslandseinsatz geht, bleibt die Familie allein zurück. Doch sie bekommt Hilfe.

Foto: IMZ-Bildarchiv NRZ

Wesel.   Dann bleiben die Angehörigen allein zurück. Für manch einen ist es eine Trennung auf Zeit, für andere endet sie auch mit der Scheidung. Ein solcher Einsatz ist eine extreme Belastung - für den Soldaten, aber auch für seine Familie. Die Bundeswehr in der Schill-Kaserne in Wesel bietet dafür eine Familienbetreuung an.

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Sein Essen nimmt er im Feldlager in Mazar-e-Sharif ein, der nächste Einsatz führt ihn in den Kosovo, später geht’s vielleicht nach Bosnien. Weit weg von Frau und Kind, Mutter und Vater, Freunden. Sie sind in Deutschland, grübeln darüber, wie es ihrem Lieben dort irgendwo in der Welt geht und ob er lebend und gesund zurückkehrt. Doch die Angehörigen müssen mit ihren Ängsten nicht allein bleiben, die Bundeswehr hat ein soziales Netzwerk aufgebaut, das bei Fragen und Sorgen weiterhilft. Auch in der Schill-Kaserne gibt es ein solches Angebot – und es wird im kommenden Jahr ausgeweitet. Was jetzt noch eine Familienbetreuungsstelle ist, wird ab April 2014 ein Familienberatungszentrum. Mit mehr Platz, mehr Personal und mehr Betreuung (siehe Infobox).

Wie lebt mein Mann in Afghanistan? Wo wäscht er seine Wäsche? Womit verbringt er seine Zeit? Und: Wie kann ich ihm zu Weihnachten ein Paket schicken? Diese, ja, ganz alltäglichen Dinge, wollen Ehefrauen, Freundinnen und Eltern wissen. „Sie interessieren sich für die Basics“, weiß Hauptmann Hardy van Beek, Leiter der Familienbetreuungsstelle der Bundeswehr in der Schill-Kaserne. Regelmäßig betreut er mit seinem Team – Hauptfeldwebel Nenad Spacapan und Oberfeldwebel Artur Marker – die Angehörigen der Soldaten, die im Auslandseinsatz sind.

Auf die Rückkehr vorbereiten

Einmal im Monat stehen Veranstaltungen an, der Besuch beim Eishockeyspiel in Düsseldorf oder ein Grillnachmittag beispielsweise. Oder es gibt Informationsabende. So erzählte kürzlich ein Soldat wie eine Sicherheitsweste aussieht und wie eine Feldküche ausgestattet ist. In zwei Wochen kommt eine Militärpsychologin, die die Angehörigen auf die Rückkehr ihrer Soldaten vorbereitet. Denn oft verändern solche Einsätze die Soldaten – und auch die Familie. Oftmals müssen sie erst wieder zueinander finden.

Doch die Angehörigen wenden sich auch mit ganz alltäglichen Problemen an die Betreuungsstelle. „Von der Eheauflösung über Versicherungsfragen bis hin zum Termin in der Autowerkstatt haben wir schon alles gehabt“, sagt Hardy van Beek. Besonders viel zu tun hat sein Team, wenn in einem Einsatzgebiet etwas passiert, wenn zum Beispiel ein Anschlag in Afghanistan die Nachrichten füllt. Dann rufen die besorgten Angehörigen an und erkundigen sich nach den Soldaten. Nicht alle von denen, die anrufen, bekommen auch Informationen. Der Soldat entscheidet, welche Personen auskunftsberechtigt sind. Steht für den Soldaten ein Einsatz an, werden sie betreut, so lange bis der Soldat wieder zu Hause ist. In der Regel sind die Soldaten vier Monate im Ausland, doch die Betreuung beginnt oft ein bis zwei Monate früher. In der Schill-Kaserne werden nicht nur Angehörige von Soldaten betreut, die in Wesel stationiert sind, sondern aus ganz Deutschland, wenn sie in Wesel, im Ruhrgebiet oder am Niederrhein leben. Die Gruppe wechselt immer wieder. „Im letzten Jahr hatten wir viele junge Mütter mit kleinen Kindern, jetzt sind es viele ältere Personen“, sagt van Beek. Vor allem jüngere Frauen und Männer wissen oft nicht genau, was auf sie zukommt. Doch die Betreuungsstelle bereitet darauf vor. „Und manch einer möchte gar nicht mehr raus aus der Betreuung“, sagt van Beek lächelnd

Eine Trennung auf Zeit 

Die Bundeswehr trennt Familien. Sie trennt sie auf Zeit, bei Auslandseinsätzen. Und oft gibt es dauerhafte Trennungen, eine hohe Scheidungsquote. „Wie familienfreundlich muss die Bundeswehr sein?“, lautete die Fragestellung bei der Bundeskonferenz der Gemeinschaft katholischer Soldaten (GKS), ein freier Zusammenschluss engagierter Katholiken in der Bundeswehr, kürzlich in der Dingdener Akademie Klausenhof. Deutlich wurde: Der Bedarf zu handeln ist groß.

Der an NATO-Soldaten der Schill-Kaserne gerichtete Appell von Wesels Bürgermeisterin Ulrike Westkamp, „Teil dieser Gesellschaft“ zu sein, ist auch für deutsche Soldaten und ihre Familien oft nicht so leicht umzusetzen. Der mit einer Bundeswehr-Karriere verbundene häufige Standortwechsel bedeutet eine Belastung durch Wohnungs- und Jobsuche, Schulwechsel, Verlust bestehender und Aufbau neuer sozialer Kontakte.

Extreme psychische Belastungen

Die Veränderung des klassischen Familienbildes und gesellschaftlicher Strukturen mache die Sache noch komplexer, sagte Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck bei dem Dingdener Treffen, bei dem die GKS und die Vollversammlung des Katholikenrates zur jährlichen „Woche der Begegnung“ zusammenkamen. Hinzu kommen die Auslandseinsätze. Diese Soldaten sind extremen psychischen Belastungen ausgesetzt, „kommen anders nach Hause als sie sich verabschiedet haben“, wie Overbeck sagte. Während der Zeit der Auslandseinsätze fänden in Familien „Veränderungen der Persönlichkeit auf beiden Seiten“ statt.

„Familienfreundlich? Da muss ich erstmal ganz schön schlucken“, sagte Oberstleutnant Thomas Aßmuth, Vorsitzender des Katholikenrates beim Militärbischof, zur Situation. Vorgesetzte in der Truppe wünschten sich „funktionierende“ Soldaten. Störfaktoren könne man da nicht gebrauchen.

„Es gibt familienfreundlichere Berufe“, stellte GKS-Bundesvorsitzender Oberst Rüdiger Attermeyer nüchtern fest. Eine ganze Reihe von Rahmenbedingungen sei nicht familienfreundlich. Das sei durch die Aufgaben der Bundeswehr bedingt. Wie in manchen anderen Berufsfeldern auch, komme es darauf an, „das Umfeld so zu gestalten, dass es für Familien erträglich bleibt“. Er wünscht sich etwa eine Regelung, wonach Versetzungen von Soldaten nur zu Beginn eines Schuljahres erfolgen dürften.

Er wie Aßmuth und auch Militärbischof Overbeck setzen auf Hilfen durch Einrichtungen zur Betreuung der Soldaten und ihrer Familien, die auch praktische Unterstützung etwa im Haushalt anbieten. Definitiv lösen lässt sich das Problem nicht, mit Hilfestellungen indes möglichst abfedern. Oberst Attermeyer, 53 und vierfacher Vater, sieht das Thema Bundeswehr und Familie auch soldatisch: Das Bestehen dieser Herausforderung schweiße zusammen.

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