Serie: „Unser Bier“

Schermbecker Kneipe ist seit 110 Jahren in Frauenhand

Alexandra Schult vor der „Säule“ – nach diesem Platz in der Gaststätte hat sich ein Stammtisch benannt.

Alexandra Schult vor der „Säule“ – nach diesem Platz in der Gaststätte hat sich ein Stammtisch benannt.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Schermbeck.  Die Gaststätte Overkämping im Herzen Schermbecks feiert im kommenden Jahr ihr 110-jähriges Bestehen. Alexandra Schult führt den Familienbetrieb.

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Wer durch die große Tür kommt, betritt fast schon historischen Boden. Im nächsten Jahr werden hier an der Mittelstraße im Herzen von Schermbeck 110 Jahre Kneipengeschichte gefeiert. So lange gibt es die Gaststätte Overkämping schon – und ebenso viele Traditionen haben mit ihr die Jahrzehnte überdauert.

Wie die Säule fast in der Mitte des Gastraums, an dem auch schon Euro-Fighter und Ex-Nationalspieler Olaf Thon sein Pils trank. Und nach der heute ein eigener Stammtisch benannt ist. Oder die lange Holztheke, an der neben vieler Schermbecker Generationen schon mehr oder wenige prominente Fußballer und sogar schon Gäste aus New York und Los Angeles die besondere Atmosphäre genossen.

Oder die Wurlitzer-Jukebox neben dem Eingang zum großen Saal. Oder die Herrencreme zu besonderen Familienfeiern. Und der Helgoländer als Abräumer nach dem Pils: Himbeersirup, ein Schuss Pfefferminzlikör und Korn obendrauf. „Wir sind eben eine unnormale Gastronomie“, schmunzelt Inhaberin Alexandra Schult.

Die 43-Jährige leitet das Overkämping nun schon in der vierten Generation – und immer waren hier Frauen am Ruder. Weil die Männer der Wirtsfrauen früh verstarben und die Frauen die Verantwortung nicht scheuten. Das war bei Uroma Alwine, Oma Maria und Mutter Elisabeth so – und ist bei Alexandra Schult nicht anders.

Vielleicht das Geheimnis, warum Kneipe hier in Schermbeck noch funktioniert. Während in anderen Orten und Städten am Niederrhein die Gaststätten reihenweise schließen, setzt man im Overkämping auf Familientradition. „Die Schermbecker sind gesellig, gehen eben noch gerne aus“, sagt Alexandra Schult. In der Flächengemeinde finden sich heute noch rund 15 Gaststätten – von der Kneipe um die Ecke bis zum Speiserestaurant.

Fußball-Fachkompetenz kommt in Schermbeck zusammen

Natürlich profitiert auch das Overkämping vom Movie-Park und dem zunehmenden Fahrradtourismus, aber in erster Linie von den vielen (Sport-)Vereinen im Ort, von den Familienfeiern und von der nach wie vor regelmäßig ausgebuchten Kegelbahn. „Die Schermbecker sind von einem besonderen Schlag“, glaubt die Chefin und schließt dabei auch auch die „sehr offenen Jugendlichen“ ein.

Und am Samstagnachmittag wird die Gaststätte dank des Sky-Abos zum Mittelpunkt der Schermbecker Fußball-Fachkompetenz. Sicherlich von Vorteil ist es dann, wer den königsblauen Schalkern die Daumen drückt, wie die Fan-Utensilien an der Wand belegen. „Aber beim Derby saßen hier wie so oft schon Schalker und Dortmunder Seite an Seite zusammen“, erinnert sich Alexandra Schult an das Remis im Oktober. Die Stammgäste sind zwischen 16 und 96 Jahre alt, jeder bekommt im Overkämping seine Friko oder sein Schnitzel.

Nur mittwochs ist die Gaststätte geschlossen, sonst ist täglich ab 15 Uhr geöffnet. Mal geht’s bis um Mitternacht, auch mal bis in den frühen Morgen. „In der Woche Altenheim, am Wochenende Jugendheim“, fasst Alexandra Schult die Kneipenwoche zusammen. „Aber am Montag und Dienstag geht auch heute kaum einer raus.“ Mal was Neues einführen? Hat Alexandra Schult probiert – mit Cocktails. Ist schön, müssen wir aber nicht haben, sagten die Gäste damals.

Schermbeckerin war mit dem Kreuzfahrtschiff unterwegs

Alexandra Schult hatte ursprünglich ganz andere Pläne, gar nicht den Wunsch, die Gaststätte von ihren Eltern zu übernehmen. Zehn Jahre lang ging sie auf Reisen, machte ihre Ausbildung im Hotelfach und eine Kochlehre. Während dieser Zeit war die Schermbeckerin in ganz Deutschland unterwegs, am Ende zog sie es dann auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa in die weite Welt hinaus. „Das war super, ich habe dadurch auf der ganzen Welt Freunde“, erinnert sich die Overkämping-Chefin noch gerne an die Zeit zurück. Als Alexandra Schult zwischendurch mal wieder zu Hause war, um auszuhelfen, entdeckte sie ihre Vorliebe für den Familienbetrieb. „Es war immer ein großer Spaß, Menschen um sich zu haben, nie ein Zwang dahinter.“

Doch was einmal nach ihr kommt, ist ungewiss. Alexandra Schult hat keine Kinder, die einmal in ihre Fußstapfen treten könnten. Bruder und Schwester haben sich beruflich anders orientiert. Personal zu finden werde ohnehin immer schwieriger. „Freizeit ist heute für die Menschen das Wichtigste. Da kann auch kein erhöhter Stundenlohn locken.“ Die Einstellung der Menschen zur Arbeit habe sich verändert, während für Alexandra Schult immer noch gilt: Alles unter 12 Stunden Arbeit am Tag ist Freizeit.

Doch Alexandra Schult macht Spaß, was sie macht, das sieht man ihr an. Und schon jetzt freut sie sich auf den Tag vor Heiligabend, wenn gegenüber auf dem Parkplatz die Jugendlichen von Einklang Schermbeck Musik machen und Weihnachtslieder anstimmen.

Und alle danach ins Overkämping kommen. Auch so eine schöne, alte Tradition.

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