Christo in Paris

Christo verhüllt den Triumphbogen mit Stoff aus Hamminkeln

So hat sich Christo das bereits im Jahr 1962 gedacht, mit dem Projekt „Arc de Triomphe, Wrapped“, das er im kommenden Jahr 2020 mit Stoff vom Niederrhein realisieren will.  ChristoPhoto: André Grossmann © 2019 Christo

So hat sich Christo das bereits im Jahr 1962 gedacht, mit dem Projekt „Arc de Triomphe, Wrapped“, das er im kommenden Jahr 2020 mit Stoff vom Niederrhein realisieren will. ChristoPhoto: André Grossmann © 2019 Christo

Hamminkeln.  Setex, die Textil-Profis vom Niederrhein, liefern zum 5. Mal den Stoff, aus dem Christo seine Kunstwerke schneidert, dieses Mal nach Paris.

Alle Welt kennt Christo, den berühmtesten Verpackungskünstler der Welt. Somit kennt alle Welt auch die Firma Setex aus Hamminkeln-Dingden. Denn die Textil-Profis vom Niederrhein liefern zum fünften Mal den Stoff, aus dem Christo seine Kunstwerke schneidert.

Im kommenden Jahr wird Christo in Paris den Triumphbogen - ein nationales Heiligtum von Frankreich - verhüllen, mit 25.000 Quadratmeter Polyesterstoff, wieder aus Dingden. Die NRZ hat die Firma Setex in Dingden besucht und mit Konrad Schröer (68), dem sympathischen wie engagierten Geschäftsführer des erfolgreichen Unternehmens gesprochen. Konrad Schröer ist ein kommunikativer, zugleich aber auch bodenständiger Unternehmer.

Dieser Auftrag lässt ihn nicht vom Boden abheben

Der mittlerweile fünfte Auftrag für Christo lässt ihn nicht abheben: „Das ist natürlich für unsere Firma immer ein schöner Marketing-Effekt“, sagt er, aber die Erfahrung aus der Vergangenheit habe gezeigt, dass er dadurch keine großartigen Sonderaufträge erzielen könne. Das letzte Projekt mit Christo liegt drei Jahre zurück. Damals hat Setex 100.000 Quadratmeter Stoffgewebe in gleißend gold-gelber Farbe für das spektakuläre „Floating Piers“-Projekt, für Christos schwimmende Stege in Norditalien am Iseo-See, geliefert.

Indirekt war Setex auch an der Verhüllung des Berliner Reichstags-Gebäudes (1995) beteiligt: Setex hat im Jahr 2013 die Firma Schilgen übernommen, die den Stoff für Christo nach Berlin lieferte. Schröer: „Und weil Christo erfreulicherweise lieferantentreu ist, hat er danach immer Stoffe bei jener Firma bestellt, die auch für den Reichstag geliefert hatte.“

Im Herbst des kommenden Jahres (vom 19.9. bis 4.10.20) will Christo den Arc de Triomphe, das massive Monument am Ende der Champs-Elysée auf dem Place de l’Etoile mit 25.000 qm eines bläulichfarbenen Stoffes 16 Tage lang dem Auge des Betrachters entziehen und mit einem sieben Kilometer langen roten festen Seil fest verschnüren. „L’Arc de Triomphe, Wrapped“ - so der offizielle Name dieses Projektes. Schröer: „Der Stoff kommt von uns, die Seile nicht.“ Knapp zwei Monate werde es dauern, bis der Kunststoff für Christos Stoffkunst tatsächlich gefertigt ist. Derzeit gibt es ihn noch nicht.

Zumal die Brandkatastrophe vom April 2019 am anderen nationalen Heiligtum der Grande Nation, der Kathedrale Notre-Dame, das Projekt am Triumphbogen mit verschärften Brandschutz-Anforderungen durcheinander gewirbelt hat. Vieles musste Christo ändern. Schröer: „Auch wir mussten die chemische Zusammensetzung des Gewebes noch einmal leicht verändern, um neue Auflagen zu erfüllen.“ Der ganze Event-Termin rutschte vom Frühjahr 2020 in den Herbst 2020.

Die Firma in Dingden steht jetzt „Gewehr bei Fuß“ und kann sofort loslegen, sobald es das Startsignal gibt. Vermutlich zur Jahresende 2019 werde man dann den Stoff an den Konfektionär liefern. Denn das Gewebe muss natürlich noch für die große Show in Bahnen und Form gebracht werden. Das machen nicht die Experten von Setex, sondern ein „Konfektionär“. Schröer: „Darüber sind wir gar nicht traurig, denn der Konfektionär muss dann am Ende auch den Stoff am Triumphbogen anbringen. Eine komplexe Sache. Dafür hätten wir gar keine Leute!“

Dann, am 4. Oktober 2020, endet die Verhüllung abrupt und der bläuliche Kunststoff vom Niederrhein verschwindet wieder von der Bildfläche und gibt die Sicht auf den Triumphbogen frei. „Unser Stoff wird komplett recycelt, nicht von uns. Was daraus wird, weiß ich nicht, vielleicht Plastikflaschen oder Parkbänke,“ sagt Schröer. Auf jeden Fall sei es ihm streng untersagt, den einen oder anderen Meter Stoff mal eben so nebenher an Freunde oder Bekannte herauszugeben. Anfragen dazu gebe es. Schröer: „In Italien bei den Floating Piers, wo ich übrigens Christo zum ersten Mal persönlich kurz die Hand gedrückt habe, gab es aus zehn Quadratmetern Stoff dann 500.000 kleine Schnipsel als Souvenirstücke für Besucher.“ So werde es vermutlich auch wieder in Paris sein.

Kunst, verwoben mit dieser Welt, in der wir leben

Eben noch massiv präsent vor den Augen des Welt, das völlig verhüllte Monument. Und dann plötzlich ist es wieder vom Stoffe befreit. Seine Kunst sei „verwoben mit der Welt, in der wir leben“, sagte der 83-jährige Christo im April 2019 im Gespräch mit der Zeitschrift Stern. Die Menschen würden etwas sehen und etwas erleben was es so nie wieder geben werde. Und Konrad Schröer mit seinem 1000-Mann-Unternehmen Setex aus Dingden wird bei diesem künstlerischen Spiel von Schein und Sein mal wieder eine wesentliche Rolle gespielt haben. Denn er liefert den Stoff, aus dem andere dann Kunst machen.

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