Serie: Auf eine Tasse Kaffee

Die „Tafel“ ist Manfred Baasners Lebensinhalt geworden

Manfred Baasner spricht mit der WAZ über sein Leben „auf eine Tasse Kaffee“. Foto:Gero Helm

Manfred Baasner spricht mit der WAZ über sein Leben „auf eine Tasse Kaffee“. Foto:Gero Helm

Wattenscheid.   Der Chef wird heute 75 Jahre alt. Nach einem Unfall beschloss er, Menschen zu helfen. Im Jahr 2000 gründete er mit Engagierten den Verein.

75 Jahre wird er heute, Manfred Baasner. Und das am „Tag der Deutschen Einheit“, am 3. Oktober. „Ich bin ein Teil der Gesellschaft, der auch mal seine Meinung sagt“, kommentiert er den besonderen (Geburts-)Tag. WAZ-Redakteurin Ellen Wiederstein traf sich „auf eine Tasse Kaffee“ mit Manfred Baasner, Gründer und Chef der Wattenscheider und Bochumer und der ersten Kinder-Tafel in Deutschland.

Der „Tag der Deutschen Einheit“ war nicht immer Ihr Geburtstag, lediglich das Datum. Schildern Sie kurz Ihre Biografie.

Manfred Baasner: Ich wurde in Ostpreußen geboren. Gegen Kriegsende verschlug es mich und meine Familie, Mutter und vier Geschwister, an die Ostsee nach Schleswig-Holstein. Mein Vater ist im Krieg geblieben. Nachdem 1954 ein weiterer Umzug nach Gelsenkirchen folgte, beendete ich dort auch die Schule. Die Ausbildung zum Schlosser gab mir die Möglichkeit, als Handwerker zu arbeiten. 1968, zur Zeit der Rezession, beendete ich meinen Wehrdienst und stand einer schlechten Arbeitsmarktsituation gegenüber. Dennoch gelang es mir, mit einem Partner ein Unternehmen zu gründen. Ein schwerer Arbeitsunfall warf mich mit 54 Jahren aus der Bahn.

Wie kamen Sie auf die Tafel-Idee?

Nach dem Unfall musste ich viele Jahre in ärztliche Behandlung, brauchte aber auch eine Aufgabe. Mein Sohn Andreas, heute 48 Jahre alt, hat mich Ende der 97er Jahre zum „Betreuten Mittagstisch“ mitgenommen, wo er damals tätig war. Ich habe mitgemacht, fand die Idee, den Grundgedanken zu helfen, fantastisch.

Das klingt wie ein Neuanfang.

Es war einer. Und ich habe erfahren, wie wichtig es ist, eine Arbeit, einen Auftrag, eine Bestimmung und eine Vision zu haben.

Sie haben etwas daraus gemacht.

Ja, 1998 habe ich angefangen, Lebensmittel und Hilfsgüter zu sammeln, regelrecht zu rekrutieren. Die Caritas gab mir Räume an der Hohensteinstraße, wo sie damals selbst ein Hilfe-Zentrum hatte. Die kleine Idee der Tafel wuchs, wurde immer größer. Im Jahr 2000, am 13. April, habe ich mit 53 Engagierten den Verein „Wattenscheider Tafel“ gegründet. Wir mussten die Räume an der Hohensteinstraße hergeben. Durch einen Zufall erhielten wir die Möglichkeit, das Gebäude des ehemaligen Farben- und Teppichhandels Gross an der Laubenstraße zu bekommen.

Und dann ist die Tafel an die Laubenstraße gezogen.

Na, wenn das mal so einfach gewesen wäre. Die Gebäude mussten instandgesetzt werden. Und auch hier gab es Hilfe. Wir haben uns schon an der Hohensteinstraße um Aussiedler, vor allem aus Russland, gekümmert. Die haben uns nicht vergessen und geholfen, weil wir ihnen geholfen haben, die deutsche Sprache zu lernen. Bis 2005 arbeiteten wir an der Laubenstraße im Vollprovisorium. Aus der Sprachschule ist übrigens ein vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) anerkanntes Bildungszentrum entstanden. Ich bin ehrenamtlicher Geschäftsführer.

Aber Sie hatten Unterstützer.

Immer. Und dafür bin ich sehr dankbar. Ob Politiker wie Heinz Wirtz, damals SPD-Landtagsabgeordneter aus Wattenscheid, der Geld vom Land für uns locker gemacht hat, die Baumaschinenfirma Heinz Kopsch und, natürlich, Klaus Steilmann.

Die Tafel wurde zu Ihrem Lebensinhalt – und ist es bis heute.

Unbedingt. Das Projekt hat unglaublich Fahrt aufgenommen. Wir haben schnell Spenden bekommen, Unterstützung und Lieferungen, heute sogar von großen, namhaften Firmen. Aber vor allem auch von regionalen Einzelhändlern. Ich bin morgens ab etwa 5.30 Uhr da und gehe, wenn die Arbeit getan ist. Ich hab’ auch schon oft an der Laubenstraße übernachtet. Wenn Hilfstransporte kommen, müssen sie abgenommen werden. Aber ohne meine Frau Larisa und die vielen Engagierten wäre das alles nicht möglich.

Eine Erfolgsgeschichte. Sie, bzw. die Tafel, wurde(n) selbst zum Arbeitgeber.

Wie beschäftigen zehn Festangestellte, getragen durch das Integrationszentrum, und 35 Mitarbeiter in Maßnahmen oder im Euro-Job. Hinzu kommen rund 120 Ehrenamtliche.

Haben Sie vor, ganz langsam den Hut weiter zu reichen?

Ja, an meine Frau. Ich will mich nicht sofort, sondern ganz langsam zurückziehen.

Was wünschen Sie sich zum Geburtstag? Und wo feiern Sie?

Gesundheit und Sponsoren. Mehr braucht man nicht. Und weiter arbeiten. Das hält jung und fit im Kopf. Natürlich feiere ich heute – an der Laubenstraße.

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