Brauchtum

Zwei Mal im Jahr klingen Glocken in Kallenhardt anders

Festlich eingeläutet: Zum Jahreswechsel pflegen die Kallenhardter Glöckner den alten Läute-Brauch des Beierns.Hier steht Josef Schmidt am Seil, Norbert Fechner hält als Gast die Glocke fest, Hans-Josef Mekus (rechts) passt auf.

Foto: Armin Obalski

Festlich eingeläutet: Zum Jahreswechsel pflegen die Kallenhardter Glöckner den alten Läute-Brauch des Beierns.Hier steht Josef Schmidt am Seil, Norbert Fechner hält als Gast die Glocke fest, Hans-Josef Mekus (rechts) passt auf. Foto: Armin Obalski

Kallenhardt.   Zum Jahreswechsel und zu Pfingsten wird in Kallenhardt anders geläutet als sonst. Dann wird gebeiert. Kommen Sie mit auf den Kirchturm.

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Das Beiern in Kallenhardt ist kein Brauch, den alte Leute pflegen, es handelt sich um einen alten Läute-Brauch, der Generationen übergreifend aufrecht erhalten wird. Und das nur an besonderen Festtagen: Gepflegt wird er zum Jahreswechsel und an Pfingsten. Dann wird zugleich das Schützenfest eingeläutet.

Zwei Tipps für den Besuch in der Glockenstube der St. Clemens-Kirche: Der Gast sollte eine gute Unfallversicherung haben und Ohrstöpsel nicht vergessen. Tipp eins betrifft den Aufstieg. Strack hängt die Leiter an der Turmwand, fünf Meter sind in die Höhe zu klettern, bis die eigentliche Tür erreicht ist. Und dann: Ausfallschritt links und der Besucher steht wirklich in der Öffnung. Halt gibt bei dem waghalsigen Experiment nur ein dürrer Handgriff. Wer das geschafft hat, den kann der Rest nicht schrecken: Über ausgetretene Steinstufen und hölzerne Stiegen geht es im Halbdunkel bis zu den Glocken.

Schwerste der drei Glocken wiegt 1,2 Tonnen

Hier warten bereits die Glöckner, die sich aus dem Familien Schmidt und Mekus rekrutieren. Josef Schmidt ist der älteste von ihnen. Sein gleichnamiger, 1982 gestorbener Vater war der Letzte, der noch regelmäßig beierte. Die Glocken werden dabei einzeln mit an den Klöppeln befestigten Seilen angeschlagen, so dass sich Melodien ergeben.

Bis in die 1960er Jahre war dies in Kallenhardt das Alltagsgeläut. „Die Glocken durchgezogen wurden nur für das Hochamt“, berichtet Josef Schmidt. Durchgezogen heißt: Dann wurde unten im Kirchturm an den Seilen gezogen, die die Joche mit den Glocken zum Schwingen bringen. Das Beiern diente sogar der Nachrichtenübermittlung. So konnten die Kallenhardter aus der Tonfolge beim Totengeläut heraushören, ob ein Kind, eine Frau oder ein Mann gestorben war – eine Art SMS früherer Tage.

Fünf Glöckner und sechs Gäste haben sich dieses Mal versammelt, um unter anderem die Clemensglocke, mit 1,2 Tonnen die schwerste der drei, zu hören. Johannes Bünner ist das erste Mal dabei. Er gehört dem Kirchenvorstand an und findet: „Es ist toll, dass diese Tradition gepflegt wird.“ Udo Biene aus Rüthen hat seine Söhne Paul (11) und Max (9) mitgebracht. Er selbst interessiert sich für Glocken und ihr Geläut, doch besonders beim 9-jährige Max hält sich die Begeisterung in Grenzen. Er wäre doch lieber Kettcar gefahren, räumt er auf Nachfrage ein. Doch dann unterbindet das Vollgeläut zum Abschluss des Beierns vorerst jede weitere Unterhaltung.

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