Gedenken

Opfern der Euthanasie die Menschenwürde zurück geben

Gedenkfeier für die Opfer der Euthanasie an der Treisekapelle mit Autor Robert Domes

Gedenkfeier für die Opfer der Euthanasie an der Treisekapelle mit Autor Robert Domes

Foto: Tanja Frohne

Suttrop.  iI Erinnerung gebracht werden die Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen der Euthanasie deportiert und ermordet wurden, in jedem Jahr an der Treisekapelle auf dem Gelände der LWL-Klinik. Gastredner war in diesem Jahr Autor Robert Domes.

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Kein Opfer ist je vergessen – in Erinnerung gebracht werden die Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen der Euthanasie deportiert und ermordet wurden, in jedem Jahr an der Treisekapelle auf dem Gelände der LWL-Klinik. „Es geht darum, die Opfer zu ehren und ihnen ihre Würde zurückzugeben“, betonte Robert Domes, Autor des Romans „Nebel im August“, der bei der 31. Gedenkfeier nachdenkenswerte Worte sprach. „Erinnern heißt nichts anderes als lernen.“ Man erinnere sich an die Fehler von gestern, damit man heute nicht die gleichen Fehler machen würde.

Ein Mensch, den Domes vor dem Vergessen gerettet, in die Erinnerung gebracht hat, ist Ernst Lossa, die Hauptfigur seines Romanes und eines von 200 000 bis 350 000 Opfern, genaue Zahlen gibt es nicht, die die Euthanasie gefordert hat. Domes erklärt, was ihn angerührt hat, dessen Geschichte niederzuschreiben: „Wenn ich sein Foto ansehe, sehe ich die Sehnsucht nach Respekt. Er wollte er selbst sein, akzeptiert und geliebt werden, so wie er ist – das hat er mit allen Kindern gemein.“

Eine exemplarische Geschichte, denn das Geschehen in der Heilanstalt Kaufbeuren, das er schildert, ist ähnlich überall in Deutschland geschehen. Bereits 1933 mussten Ärzte und Krankenschwestern Patienten melden, die abseits der Norm waren. Schon damals habe der Krieg gegen das eigene Volk begonnen, betonte Domes. „Der Krieg begann gegen die Schwächsten, gegen Alte und Kranke.“ Pflegeanstalten heilten nicht mehr, sondern ließen ihre Schutzbefohlenen deportieren und vergasen, ließen sie verhungern oder vergifteten sie.

Probelauf für den Holocaust

Diese letzten Phasen der Euthanasie gab es an der ehemaligen Provinzial-Heilanstalt in Warstein nicht mehr, an der Klinik in Kaufbeuren, an der Domes recherchierte, allerdings schon. „Die Euthanasie war ein Probelauf für den Holocaust.“ Die Vergasungsmaschinerie sei zunächst an den Patienten ausprobiert worden. Viele Namen, die im Zusammenhang mit der Ermordung der Patienten im Zusammenhang standen, tauchten später auch in den Konzentrationslagern auf.

Dass diese Menschen, wie auch die 1575, die aus Warstein deportiert wurden, unendliches Leid erfahren mussten, betonte auch Bürgermeister Dr. Thomas Schöne. Misshandelt, deportiert, ermordet – schwer sei es, sich dem damaligen Geschehen, der Unmenschlichkeit unserer Vorfahren zu nähern. „Es ist bedrückend, sich mit der Situation der Opfer vor Ort auseinanderzusetzen.“ Kaum vorstellbar sei, welchem Terror sie ausgeliefert waren.

Umso wichtiger seien Gedenktage wie an der Treisekapelle, denke man doch im Alltag viel zu wenig über das damalige Geschehen und die Opfer nach. „Ihr Tod und Leid mahnt uns, immer wachsam zu sein, damit so etwas nie wieder geschehen kann.“ Dem Vergessen gelte es entgegen zu treten.

Anonymen Brief erhalten

Ein sichtbares Zeichen, dass das ganze Jahr über zur Erinnerung mahnt, ist der Prellbock, der in diesem Jahr vor die Treisekapelle verlegt wurde. Durch diesen „noch lebenden Zeitzeugen“, wie ihn Dr. Josef Leßmann, Ärztlicher Leiter der LWL-Klinik, nannte, sei „die Schmach der Euthanasie nun noch augenfälliger“ als sie durch die Gedenkstätte in der Treisekapelle schon sei. Bewusst habe man den Prellbock so aufgestellt, dass die Schienen in die Richtung zeigen, in die die Patienten deportiert wurden.

Ebenfalls ging Dr. Leßmann auf die Dreharbeiten für „Nebel im August“ auf dem Klinikgelände ein. Zum Drehbeginn habe er ein anonymes Schreiben erhalten, dem Schriftbild nach von einer älteren Frau, die das Filmvorhaben „einfach widerlich“ fand. „Warum etwas so Grausames wieder aufleben lassen?“, fragte die Briefeschreiberin. 70 Jahre Frieden seien schließlich ein Grund zur Freude. Doch eben dieser herrsche nicht überall, betonte Leßmann. „So etwas Grausames, dessen wir hier gedenken, was im Roman beschrieben wird, so etwas oder ähnlich Grausames ereignet sich auch heute hier und da in der Welt.“ Umso wichtiger ist das Gedenken – im kommenden Jahr zum 32. Mal.

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