Operazione Stige

Mafia-Kontakte: Warsteiner Europafreund in Italien verhaftet

Nach dem offiziellen Teil des Europatreffens 2012 hatte Cavaliere Nicola Flotta alle Gäste in sein Castello Flotta eingeladen, wo er ihnen im festlichem Ambiente ein opulentes elfgängiges Menü serviert. Zur Eröffnung des Dessert-Buffets schneiden die Bürgermeister die eigens für das Treffen kreierte Torte mit den Wappen der Partnerstädte an.

Foto: Susanne Löbbert

Nach dem offiziellen Teil des Europatreffens 2012 hatte Cavaliere Nicola Flotta alle Gäste in sein Castello Flotta eingeladen, wo er ihnen im festlichem Ambiente ein opulentes elfgängiges Menü serviert. Zur Eröffnung des Dessert-Buffets schneiden die Bürgermeister die eigens für das Treffen kreierte Torte mit den Wappen der Partnerstädte an.

Warstein/Pietrapaola.   Nicola Flotta soll Kontakte zur Mafia gehabt haben. Die Warsteiner Europafreunde sind geschockt. Das Porträt eines geheimnisvollen Mannes.

Er ist der „Boss delle Cerimonie“ – der Chef der Zeremonien. Italienisches Fernsehgesicht. Der Kavalier aus dem modernen Märchen „Schäfersjunge aus armen Verhältnissen zieht ins eigene Schloss.“ Ehrenmitglied der Warsteiner Europafreunde. Fulminanter Gastgeber für manch einen aus dem Möhnetal. Jetzt ist Nicola Flotta im Gefängnis.

Operazione „Stige“. Deckname der Ausnahme-Razzia in Kalabrien, Italien – dort, wo auch Pietrapaola liegt, Partnerstadt Warsteins. Die Polizei rückt aus. Gegen die „Ndrangheta“, die herrschende Mafia. Mehr als 170 Menschen werden festgenommen. Die italienische Zeitung „Il Quotidiani“ widmet Nicola Flotta einen Artikel. Dem Direktor der Gesellschaft „Tourist-Service ATRR Srl“ von Mandatoriccio und Besitzer der „Castello Flotta“, eines der beliebtesten Restaurants für Zeremonien und Hochzeiten, werden Kontakte zur Mafia vorgeworfen. In seinem Restaurant würden Dutzende Familien der „Ndrangheta“ feiern. Kein Freundschaftsdienst – er soll ein Prozent der Geschäftseinnahmen erhalten haben. Auch von gewaltsamen Erpressungen berichtet das Blatt: Angeblich habe er Hoteliers gezwungen, das Geld für Hochzeitsfeiern im Voraus an das Paar zurückzugeben, so dass diese in seinem „Castello Flotta“ gefeiert wurden.

Nicht hochnäsig, nicht arrogant

„Wir haben uns alle gefragt, wie der so ein gigantisches Schloss bauen konnte“, sagt Manfred Gödde. Mit den Europafreunden war er oft zu Gast in dem prunkvollen Festsaal. Er beschreibt Nicola Flotta als wunderbaren Gastgeber. Bescheiden. „Er ist kein hochnäsiger, arroganter Mensch. Viele im Ort haben ihn verehrt, weil er auch an die armen Menschen gedacht hat.“

Nicola Flotta lebte selbst als armer Mensch. Sein Vater, Leonardo, war Schäfer. Eines Tages, als er eines seiner Tiere retten wollte, erfasste ihn ein Zug, Leonardo starb. Mutter Rosa verlor Nicola Flotta früh und tragisch. Auf seinem Anwesen sieht man das Familienwappen, eine Rose über einem schattenhaften Hirten in wolliger Schafsherde. Die Initialen NF. Gekrönt mit diamantener Krone. Prunk sollte zu Nicola Flottas Schwäche werden.

Er lernt als junger Mann Koch, schuftet in Frankreich, Deutschland, in seiner Heimat. Ein Pastor wird sein Mentor. 1000 Mark Startkapital schenkt er ihm. Nicola Flotta richtet Schulspeisungen aus, lebt davon. Ein Großgrundbesitzer stellt ihn ein, um Hochzeiten auszurichten. Beim Geschäft mit der Liebe bleibt er bis zuletzt.

Bombastisches Jawort

In Italien werden Hochzeiten bombastisch, pompös inszeniert. Nicola Flotta beweist Geschäftssinn, eröffnet seine Diskothek. „Kleopatra“. Scharen von Gästen pilgern in seinen Club, um zu tanzen, zu trinken, zu feiern. Nicola Flotta erfüllt sich seinen Lebenstraum – die eigene Burg. Ein Protzbau an einem Berghang mit Meeresblick. Ein Wasserfall ergießt sich vor den ausladenden Treppen. Marmorne Böden und Wände, elegante Fresken an den Decken, goldener Stuck, Stühle wie Throne und silberne Messer und Löffel. Vier Festsäle für 350 Hochzeiten im Jahr. Im Garten betörende Frauenstatuen und eine Büste – Ebenbild des Nicola Flotta, Burgherr und „Boss de Ceremonie“.

„Junge Leute suchen eine alte Burg zum Heiraten. Eine alte Burg hatte ich nicht, da habe ich eine neue gebaut“, sagte er einmal gegenüber der WESTFALENPOST. Es klingt lapidar. Was ihn die Burg gekostet hat, verrät er nicht. Experten schätzen mindestens ein Dutzend Millionen Euro – bis jetzt.

Von dem Geld gibt er viel – für arme Menschen. Für Gäste, die er wie Freunde behandelt. Die Warsteiner bewirtet er mit allein sieben Vorspeisen bis tief in die Nacht hinein. „Wer das nicht gesehen hat, glaubt es auch nicht“, sagt einer.

Birgit Wüllner ist Vorsitzende der Warsteiner Europafreunde. Bilder der Razzia flimmern vor einigen Tagen über ihren Fernseher. Sie kennt sich durch viele Reisen in der Gegend aus. Erkennt hier eine Straßenecke, dort das vertraute Leuchtschild eines Restaurants. „Ich wusste direkt, dass betrifft unsere Gegend“, sagt sie.

Ein bescheidener Mann

So erfährt sie von Nicola Flottas Verhaftung, den Vorwürfen, den Mafia-Kontakten. So recht glaubt sie nicht daran – will es vielleicht auch nicht. „Ich hoffe, er wird bald wieder entlassen und diese Verdachtsmomente erweisen sich als falsch. Das sind ja hoffentlich nur Vermutungen.“

Sie erinnert sich an Nicola Flotta nicht als einen düsteren Mafia-Verbrecher wie man sie aus Filmen kennt, sondern als einen freundlichen, großzügigen und gleichzeitig sehr bescheidenen Mann, wie sie sagt. „Das Geld für das Schloss hat er von seiner Diskothek. Ich weiß von einem Warsteiner, dass er seine Hochzeit dort gefeiert und rechtmäßig bezahlt hat. Da ist nichts mit Mafiastrukturen.“

Sie will jetzt abwarten. Gucken, was die Ermittlungen ergeben. Diese dauern noch an. Ob Nicola Flotta wieder auf freiem Fuß ist, war bis Redaktionsschluss nicht bekannt.

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