Sport

Forensik-Run: Hobbyläufer erkunden LWL-Zentrum in Eickelborn

Beklemmende Atmosphäre zwischen hohen Zäunen: Beim Forensik-Run im LWL-Zentrum Lippstadt dürfen Hobbyläufer zusammen mit Patienten antreten.

Beklemmende Atmosphäre zwischen hohen Zäunen: Beim Forensik-Run im LWL-Zentrum Lippstadt dürfen Hobbyläufer zusammen mit Patienten antreten.

Foto: Privat

Lippstadt.  Beim Forensik-Run im LWL-Zentrum Eickelborn kommen Patienten und andere Hobbyläufer zusammen – für alle Starter eine ganz besondere Erfahrung.

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„Wenn ihr mich wieder raus lasst, laufe ich mit.“ Mit diesem Scherz gibt Peter Wallmeier seinem Sportsfreund Mirko Stellmacher die Zusage für den 10-Kilometer-Forensik-Run im Eickelborner LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie.

15 Patienten, mehrere Beschäftigte und 40 externe Läuferinnen und Läufer treten dabei gegeneinander an: Insgesamt 17 Laufrunden innerhalb des Sicherheitszauns der Fachklinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) warten auf die Teilnehmer. Sporttherapeut Mirko Stellmacher hat den Lauf zum zweiten Mal mit seinen Kollegen aus der Sport- und Ergotherapie organisiert.

Taschenkontrolle mit Metalldetektoren

Als Wallmeier etwas gehetzt am Besuchereingang der Forensik ankommt – der große Pulk der Läufer hat die Eingangskontrollen schon passiert –, merkt er aber doch: Es ist kein gewöhnlicher Lauf, an dem er teilnimmt. „Das ist ja wie am Flughafen hier“, sagt er verwundert, „mit Taschenkontrolle und Metalldetektor.“

Als Bad Waldliesborner sei er bisher noch nicht groß mit dem Thema Forensik in Berührung gekommen, er habe sich im Vorfeld gar nicht so viele Gedanken gemacht. Nun folgt er einer Klinikmitarbeiterin über das parkähnliche Klinikgelände und schaut auf die zusätzlichen Zaunanlagen rund um die Behandlungshäuser. „Ganz schön groß hier - und auch ein bisschen beklemmend mit den hohen Zäunen überall“, beschreibt der 52-Jährige seine Eindrücke.

Patienten schauen durch Innenzäune zu

Am Start angekommen, erwarten ihn die üblichen Abläufe: Anmelden, Startnummer abholen, Laufklamotten anziehen. Sporttherapeut Stellmacher ist bereits am Mikro und informiert über die Streckenführung. Die Laufstrecke ist 600 Meter lang und verläuft zwischen den Behandlungshäusern. Gut verteilt stehen Klinikbeschäftigte als Streckenposten. Durch die Stabgitter der Innenzäune schauen vereinzelt Patienten auf das Geschehen, einige stehen als Zuschauer am Startfeld.

Die Läufer machen sich warm und versammeln sich allmählich hinter dem Startbanner. „Wenn der Läufer nicht zum Lauf kann, dann holen wir den Lauf zu uns“, steht darauf. Einige Patienten seien sogar innerhalb der Klinik schon Marathon gelaufen, erklärt Stellmacher. „Aber weil sie nicht die notwendige Ausgangsstufe hatten, konnten sie nie an einem Laufevent teilnehmen und sich mit anderen messen“, so der Sporttherapeut weiter. „ Das wollten wir ändern!“

Justizbulli verzögert Startschuss

Auch Wallmeier hat sich inzwischen in das 60-köpfige Startfeld eingereiht. Er rechnet mit einer Zeit von rund einer Stunde. „Ich bin halt Hobbyläufer“, sagt er augenzwinkernd. Er sei eher der Rennradfahrer, gemeinsam mit Stellmacher hat er die Sunday-Riders gegründet. Pünktlich beginnt der Sporttherapeut die letzten zehn Sekunden zum Start herunterzuzählen, doch plötzlich: „Stopp!“ rufen die Kollegen.

Ein Justizbulli biegt auf die Laufstrecke ein und verschwindet um die Ecke. „Sowas kann einem in der Forensik immer passieren“, grinst Stellmacher und beginnt den Countdown neu. Nach dem Start zeigt sich schnell, dass es einige Läufer wirklich wissen wollen: Der spätere Sieger der Männer Markus Elbracht läuft eine Zeit von 37:15 Minuten, die schnellste Frau Carolin Bresser-Stellmacher braucht 46:40 Minuten.

Fussballmannschaft tritt fast komplett an

Moderator Stellmacher findet für jeden Läufer ermunternde Worte und freut sich, dass außer vielen Vertretern der örtlichen Lauftreffs auch fast eine komplette Fußballmannschaft von Grün-Weiß Benninghausen zum Laufen angetreten ist – und vier Kampfsportler von Team Tiger aus Lippstadt.

Auch die Patienten halten sich wacker, der schnellste geht mit einer Zeit von 39:51 Minuten durchs Ziel. Für Stellmacher zählt beim Laufen aber vor allem der soziale Aspekt: „Sich gegenseitig unterstützen, anderen einen Erfolg gönnen, etwas durch eigene Leistung erreichen – darum geht es bei der Lauftherapie“, erklärt er.

Ganz andere Welt hier drinnen

Hobbyläufer Wallmeier hat beim Laufen vor allem die Frage beschäftigt, was das für Menschen sind, die ihm da hinter den Zäunen zugeklatscht haben. „Das ist eine ganz andere Welt hier drinnen, das ist ja normalerweise alles nicht sichtbar“, sagt er. Nach dem Zieleinlauf hängt ihm Stellmacher die hölzerne Teilnahmemedaille um, gefertigt von Patienten in der Holzwerkstatt.

Es sei schon skurril, sagt Wallmeier, innerhalb einer solchen Zaunanlage zu laufen. Er habe beim Laufen schon überlegt, wer Patient sei, aber eigentlich sei das auch nicht wichtig gewesen. „Cool, dass du mit diesem Event so eine Brücke nach drinnen baust“, klopft er seinem Sportsfreund Mirko auf die Schulter. Nächstes Jahr sei er gerne wieder dabei, sagt Wallmeier, aber: „Jetzt bin ich auch erst mal froh, wenn ich gleich wieder raus gehen darf.“

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