Geschichte

Stolperstein in Tönisheide erinnert an Naziopfer Carl Kipper

Mit Blumen schmückten viele Tönisheider den Stolperstein in Erinnerung an das Schicksal von Carl Kipper.

Mit Blumen schmückten viele Tönisheider den Stolperstein in Erinnerung an das Schicksal von Carl Kipper.

Foto: Alexandra Roth / FUNKE Foto Services

Neviges. Die Diagnose war sein Todesurteil Tönisheider legten Blumen neben den Stein  In Tönisheide erinnert ein Stolperstein an das Nazi-Opfer Carl Kipper. Ur-Großneffe Tobias Glittenberg hat dessen Leidensweg mühevoll erforscht.

„Er gehört zur Familie wie jeder andere auch. Jetzt spielt er wieder eine Rolle, das war mir wichtig.“ Stunde um Stunde saß Tobias Glittenberg in diversen Archiven, hat vier Jahre lang Akten gewälzt, ungezählte Telefonate geführt. Der Lohn für seine Mühe: Eine kleine Bronzetafel vor dem Haus Neustraße 149 , die an das Schicksal seines Ur-Großonkels Carl Kipper erinnert. Der Künstler Gunter Demnig verlegte auf Initiative des engagierten Ur-Großneffen am Freitag, 24. Mai, den ersten Stolperstein in Tönisheide gegen das Vergessen. Carl Kipper wurde am 9. März 1940 in Brandenburg an der Havel von den Nazis vergast. Ermordet in einer der sechs Tötungsanstalten des NS-Terror-Regimes für Menschen, die den Machthabern nicht in die Gesellschaft passten. Weil sie krank, manchmal auch nur anders waren. Mit dem Stolperstein für Carl Kipper wird in Velbert zum zweiten Mal eines Euthanasie-Opfers gedacht.

Carl Kipper, geboren am 12. Juli 1902, durfte nur 37 Jahre alt werden. Nachdem er infolge einer massiven Mittelohrentzündung schwerhörig wurde, diagnostizierte ein Psychiater in der Provinzialheilanstalt Düsseldorf-Grafenberg bei dem Jugendlichen „angeborenen Schwachsinn“ – das Todesurteil für den gebürtigen Wülfrather, der 1917 mit seinen Eltern von der Stadtgrenze in die Neustraße zog. Von Grafenberg aus kam er im Oktober 1932 in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau, wurde entmündigt, zwangssterilisiert.

Acht Jahre lebte er dort, bis zum 8. März 1940. „Zusammen mit 323 Männern und zwölf Frauen kam er mit dem Bus nach Brandenburg, man hatte ihnen einen schönen Ausflug versprochen“, sagt Tobias Glittenberg, der an dieser Stelle tief Luft holen muss. Einen Tag später war Carl Kipper tot, vergast. Eines der Mordopfer der Aktion „T 4“, harmloses Kürzel für Tiergartenstraße 4 in Berlin: Hier besiegelten die Nazis den Tod von insgesamt 300.000 Euthanasie-Opfern. „Vor dem Tod wurde noch untersucht, bei welchen Menschen man die Hirne zu Forschungszwecken entnimmt.“

Was Tobias Glittenberg (36) über das Schicksal Carl Kippers erzählte, ließ niemanden kalt. Einige Tönisheider legten Blumen neben den Stein, andere verharrten still. CDU-Ratsfrau Marlies Ammann, die in Vertretung des Bürgermeisters Dirk Lukrafka kam, war sichtlich bewegt, als sich Tobias Glittenberg von Gunter Demnig mit den Worten verabschiedete: „Danke, dass du uns die Chance gibst, uns erinnern zu dürfen.“ Vertreter des Bürgervereins Tönisheide waren unter anderem da, Jutta und Jürgen Scheidtsteger vom Bergischen Geschichtsverein, Bärbel Emersleben, Leiterin der Tönisheider Grundschule, kamen ebenso wie Geschichtsforscher Frank Overhoff sowie Christoph Schotten, Leiter des Stadtarchivs Velbert, um nur einige zu nennen.

Im Stadtarchiv einen Familienbogen gefunden

Im Stadtarchiv Velbert begann auch 2015 die Spurensuche. Hier stieß Tobias Glittenberg, den Familienforschung seit jeher interessiert, auf einen so genannten Familienbogen – nichtsahnend, was für ein bewegendes Schicksal sich dahinter verbirgt. Im Personalbogen werden Todesfälle, Zuzüge und so weiter festgehalten. „Herrn Schotten kann ich nur in den höchsten Tönen loben, auch die Mitarbeiterin Frau Heiliger hat mir unheimlich geholfen“, sagt Tobias Glittenberg. „Als ich den Geburtsort Wülfrath hatte, bin ich erstmal dort ins Archiv.“ In einer Akte entdeckte er den handschriftlichen Vermerk, sein Ur-Großonkel sei in einer Anstalt in Linz verstorben. „Das stimmte aber nicht, damals wurden Tötungsakten bewusst vertauscht.“ Aber er bekam in Linz den wichtigen Hinweis, dass im Bundesarchiv in Berlin 30.000 Patientenakten archiviert seien. „Ich hab in Berlin angerufen, und die sagten: Ja, es gibt hier einen Carl Kipper.“

Was Tobias Glittenberg während der mühevollen Forschung lernte: „Für Euthanasie-Opfer gibt es keine öffentliche Datenbank. Die Familien sollen geschützt, die Rechte Dritter bewahrt werden.“

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