Volkstrauertag

„Es gibt im Moment zu viele Kriegstreiber“

Kameradschaft Hellefeld Visbeck: Vorsitzender Dirk Bogatzki.

Kameradschaft Hellefeld Visbeck: Vorsitzender Dirk Bogatzki.

Foto: Matthias Schäfer / WP Sundern

Hellefeld/Visbeck. .  Kameradschaftsvorsitzender Dirk Bogatzki über den Auftrag, die Erinnerung zu wahren und für Frieden einzutreten

Als sich 1872 der heutige Kameradschaftsverein Hellefeld/Visbeck als „Beerdigungsverein der Veteranen und sonstigen vaterländischen Militärspersonen“ gründete, dachte niemand, dass beide Orte mal in unterschiedlichen Städten liegen. Heute ist der Verein interkommunal tätig und organisiert zum Volkstrauertag insgesamt fünf Gedenkfeiern in Hellefeld, Altenhellefeld, Linnepe, Berge und Visbeck. Unsere Zeitung sprach mit dem Vorsitzenden Dirk Bogatzki über die Arbeit des Vereins.

Was war denn 1872 die Aufgabe des Vereins?

Das war auch verstorbene Kameraden auf ihrem letzten Weg zu begleiten und sich auch um deren Witwen und Hinterbliebene zu kümmern. Allerdings wurde schon 1873 der Name zunächst in Kriegerverein Hellefeld geändert, weil er sich dem „Deutschen Kriegerbund“ in Berlin anschloss, was gleichzeitig mit einer Mitgliedschaft im „Preußischen Landeskrieger-Bund“ verbunden war. Seit 1957 wird das Vereinsleben als Kameradschaftsverein weitergeführt.

Wie ging es weiter?

Wechselhaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Verein zunächst verboten, 1952 wurde dann die Arbeit wieder aufgenommen. In den vergangenen Jahren haben wir die Satzung immer wieder der heutigen Zeit angepasst, so ist das berühmte „Gedient haben“ bereits seit 1995 Vergangenheit. Im Unterschied zu anderen Vereinen sind wir daher keine Soldatenkameradschaft. Wir bewegen uns auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und haben dies zum Nachdruck im Jahr 2012 auch in unserer Satzung verankert. In diesem Jahr wurde zudem gestrichen, dass man deutscher Staatsbürger sein muss. Nun muss man Staatsangehöriger eines Mitgliedslandes der EU sein.

Aber die Kameradschaft ist noch immer wichtig?

Das ist richtig, aber unsere Aufgaben sind vielfältig. Wir sprechen zum Beispiel auch Hinterbliebene an. Ein kleiner Erfolg: Einige nehmen an unseren Fahrten teil. Darüber und dass immer wieder Nichtmitglieder, Frauen wie Männer - teilweise sogar aus ganz anderen Ortschaften - teilnehmen, freuen wir uns sehr.

Was ist mit der Assoziation mit der ganz rechten Ecke?

Das wird oft verwechselt: So hat mich jetzt jemand angesprochen, als wir in Uniform an der Beerdigung eines Kameraden teilgenommen hatten, ob wir „von der AfD“ wären. Da musste ich dann die Person aufklären, dass wir uns dort ganz scharf abgrenzen und ein Kameradschaftsverein sind und damit nichts zu tun haben.

Wo liegen denn die heutigen Aufgaben?

Auf der einen Seite ist es die Denkmal-Pflege, also der Ehrenmale, dazu kommt die Organisation und Durchführung des Volkstrauertages in den fünf Orten. Dazu die jährliche Haussammlung für den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. und generell die Kameradschaftshilfe. Aber wir möchten auch die junge Generation zu einem Geschichtsbewusstsein bringen. Einige im Vorstand haben noch Zeitzeugen des Krieges in der Familie oder im Dorf erlebt. So können wir dies an die jungen Menschen weitergeben.

Mit Erfolg?

Ich denke schon, denn in den vergangenen zweieinhalb Jahren haben wir 22 neue Mitglieder werben können, viele Mitte 20 bis Anfang 30. Allein in diesem Jahr sind elf Personen eingetreten. Es haben sich sogar ausgetretene Kameraden zum Wiedereintritt entschlossen. Im laufenden Jahr haben wir aber auch leider fünf Kameraden verloren, stand heute 144 Mitglieder.

Was passiert noch in Ihrer Kameradschaft?

Wir planen jedes Jahr eine Fahrt: 2018 waren wir auf dem riesigen Friedhof in Ysselsteyn in der Nähe von Venlo, wo 31.598 Gefallene liegen. Damals war auch eine Dame aus Amecke mit ihrer Enkelin mit, um erstmals das Grab eines dort begrabenen Verwandten zu besuchen. Auch das ist unsere Aufgabe. Und ich bin stolz, dass wir diesen Besuch des Grabes ermöglichen konnten. In diesem Jahr haben wir die Möhnesee-Staumauer besucht, da wird das Grauen, das diese Katastrophe ganz in der Nähe von unserem Heimatort ausgelöst hat, noch greifbarer. Es ist ein Trauma für die ganze Region.

Worin sehen Sie in heutiger Zeit die wichtigste Aufgabe?

Das ist das Erinnern an den Schrecken der Kriege, deshalb auch der Einsatz an den Ehrenmalen. Jeder Verein mit diesem Ziel, trägt zum Frieden bei. Mein Ziel ist es, für eine friedliche Zukunft zu stehen, denn dazu braucht es lebendige Erinnerung. Das habe ich an der Möhnesee-Staumauer in meiner Rede zum Ausdruck gebracht. Mit jedem Jahrzehnt Entfernung zum Zweiten Weltkrieg machen sich die Menschen immer weniger Gedanken darüber.

Was ist Ihre größte Sorge?

Es gibt im Moment sehr viele Kriegstreiber auf der Welt. Und ich finde, Syrien und die Ukraine liegen nicht so weit von uns entfernt. Aber auch Handelskriege sind Kriege und haben schlechte Auswirkungen auf viele Menschen.

Was passiert am Wochenende?

Zunächst folgen wir vom Vorstand einer Einladung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Hövelhof, wo die zentrale Gedenkveranstaltung in NRW stattfindet. Redner sind Ina Scharrenbach und Thomas Kutschaty. Am Sonntag finden die Gedenkfeiern im Alten Testament statt: Auftakt ist in Hellefeld, dann geht es nach Altenhellefeld und nach Linnepe. Die Feiern in Berge und Visbeck organisieren die Kameraden von dort unter der Leitung von Bertin Feische.

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