Regierungskrise

Sprockhöveler Italiener diskutieren über „absurdes Theater“

Exil-Italienerin Sabina Maier (51), Inhaberin des Eiscafés Civetta, beobachtet die Nachrichtenlage in Italien genau.

Exil-Italienerin Sabina Maier (51), Inhaberin des Eiscafés Civetta, beobachtet die Nachrichtenlage in Italien genau.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

Sprockhövel.  Sprockhöveler Italiener bezeichnen die aktuelle Regierungskrise in Rom als absurdes Theater. Aber es wird auch Verständnis geäußert.

Einige italienische Medien sprechen von der „verrücktesten Krise der Welt“, die sich derzeit in Rom abspielt, wo der Innenminister versucht, die eigene Regierungskoalition zu stürzen und sich in Badehosen-Macho-Allüre oder wahlweise als Marienbild-Katholik inszeniert. Absurdes Theater, hört man von Exil-Italienern in Sprockhövel, mit denen diese Zeitung ins Gespräch gekommen ist. Aber es gibt auch Verständnis.

Interesse an Nachrichten aus der alten Heimat

Auch wenn viele der in Sprockhövel lebenden Italiener schon lange ihren Lebensmittelpunkt hier im Westfälischen gefunden haben, „die Nachrichten in der alten Heimat verfolge ich natürlich schon noch“, sagt Giancarlo Fresco, leicht identifizierbar mit italienischer Tageszeitung unter dem Arm. Dass die Koalition aus 5-Sterne-Partei und Lega nicht lange halten würde, sei dem 40-jährigen Handelsvertreter schon früh klar gewesen. „Ein Politiker wie Innenminister Matteo Salvini begnügt sich nicht mit der zweiten Reihe, als die Umfragen die Lega im Aufwind sahen, bekam er Lust auf mehr.“ Insofern sei das doch nachvollziehbar, auch wenn er sich eine solche Situation in der deutschen Bundespolitik nicht vorstellen könne.

Unterschiedliche Mentalität in Italien und Deutschland

„Sie müssen sich den Charakter der Italiener betrachten“, sagt Sabina Maier, Inhaberin des Eiscafés Civetta an der Hauptstraße. „Wir sind zwar fleißig und auch gemütlich, aber in der Politik neigen Italiener zu chaotischem Verhalten“, sagt sie. „Zuerst lassen sie sich von den Kandidaten alles Mögliche versprechen, aber sobald die dann an der Macht sind, wird nur noch geschimpft.“ Ähnlich wie der frühere Milliardär und viermalige Ministerpräsident Berlusconi sei auch der derzeitige Innenminister ein „pathetischer Selbstdarsteller“, sagt Giancarlo Freso. „Insbesondere die männlichen Italiener lieben das, sie identifizieren sich weniger mit den konkreten politischen Inhalten als mit den Persönlichkeiten.“ Und irgendwo möchten doch viele Italiener ein „so toller Hecht“ sein wie Berlusconi oder Salvini.

Verständnis für Salvinis Flüchtlingspolitik

Dessen Dauerwahlkampf umfasst lediglich die beiden Themen Ausländer und EU – und damit hat er die Popularität seiner Lega (den Zusatz Nord hat er längst ausgeblendet) aktuell in dem Umfragen auf 37 Prozent gesteigert. Was sagen Sprockhöveler Italiener zur Flüchtlingspolitik Salvinis? Giuseppe Casalino, ein 58-jähriger Monteur, sagt mit großer Geste: „Wie soll er sich anders verhalten? Die Lebensretter mit ihren Schiffen setzen Italien unter Druck. Die schlimme Flüchtlingspolitik der EU, die die Mittelmeerländer im Stich lässt, hat Salvini nicht zu verantworten.“ Casalino: Als Minister habe er Schaden vom italienischen Volk wie die „Dauerzuwanderung über das Meer“ fernzuhalten, da sei für Moralisieren kein Platz.

Kritik an Haltung der EU

Sabina Maier hat da grundsätzlich eine andere Meinung: „Flüchtlingen muss man helfen, das muss ich hier als Einzelperson in Sprockhövel, das muss mit seinen wirkungsvolleren Mitteln auch Minister auch Matteo Salvini in Italien.“ Aber wie Casalino ist auch sie der Meinung, die EU müsse Italien bei diesem Thema deutlich zur Seite springen. „Salvini kämpft mit den Folgen einer falschen Politik.“ Der Student Marco Manfredi, der erst zwei Jahren in Deutschland lebt, versteht die Fragezeichen seiner deutschen Ansprechpartner, wenn es um aktuelle Politik in seiner Heimat geht. „Hier ist alles sehr stabil, da muss Rom wie ein absurdes Theater wirken.“ Hier in Sprockhövel habe man den Eindruck, eine ganze Stadt engagiere sich in der Flüchtlingshilfe. „Da muss einem ja die breite Zustimmung für Politiker wie Salvini fremd bleiben.“

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