Interview

Zukunftsforscher Dr. Bruno Gransche über Angst und Technik

Dr. Bruno Gransche ist Zukunftsforscher am Forschungskolleg Zukunft menschlich gestalten (Fokos).

Foto: Hendrik Schulz

Dr. Bruno Gransche ist Zukunftsforscher am Forschungskolleg Zukunft menschlich gestalten (Fokos). Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Der Wissenschaftler der Universität Siegen untersucht neue Relationen von Mensch und Technik: Nimmt sie uns mehr ab, können wir weniger, sagt er.

Im neuen Jahr blickt man zurück – und in die Zukunft; oft sorgenvoll. Dr. Bruno Gransche ist Philosoph und Zukunftsforscher am FoKoS der Uni Siegen. Er erklärt, wie Angst, Zukunft und Technik zusammenhängen.

Warum haben die Menschen Angst vor der Zukunft?

Dr. Bruno Gransche: Das ist vor allem ein Diskurs, der in Deutschland geführt wird. Wir haben da zwei Dynamiken oder Strömungen. Das ist eine deutsche Eigenart, die „German Angst“. Ein Paradoxon, weil Deutschland als Nation von Technikern und Ingenieuren bekannt ist, mit einer Spitzenposition im Maschinenbau. Zum einen also sehr technikaffin und technikkompetent – und gleichzeitig mit einer gewissen Skepsis in der Bevölkerung.

Woher kommt diese Skepsis?

Ich bin kein Historiker, aber im 20. Jahrhundert gab es Regime, die sehr technisch auf die Bevölkerung eingewirkt haben – im Dritten Reich war der Volksempfänger ein wichtiges Propagandamittel, später in der DDR gab es die Abhörmaßnahmen. Technik wird vielleicht also im Orwell’schen Sinne als Repressions-Technik, in einem Missbrauchs-Kontext negativ besetzt.

Kam diese Umdeutung dann nach dem Krieg mit der Entnazifizierung?

Schon mit den Materialschlachten im Ersten Weltkrieg wurde deutlich, was Technik auch im negativen Sinne bewirken kann. Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte eine Technik-Euphorie – etwa die „unsinkbare“ Titanic, aus heutiger Sicht naiv. Zwischen 1914 und 1918 hat man dann gesehen, dass Technik vernichten kann. Das wurde im Zweiten Weltkrieg nochmal verstärkt.

Andere Nationen wie die USA stehen Technik ganz anders gegenüber.

Die haben andere Ängste. Angst ist eine spezielle Form von Zukunft, eine negative Vorstellung davon, was kommen wird oder kann. Sehr pauschal gesagt stoßen bestimmte technische Phänomene bei den Deutschen auf Skepsis, so etwas wie Strahlen: Atomkraft, Handystrahlen, Körperscanner. In Amerika gibt es das nicht. Aber echte Wachskerzen auf dem Christbaum gelten da als grob fahrlässig.

Was ist Angst?

Was wir uns als Zukunft, als Möglichkeit, vorstellen können – Angst, Hoffnung – , sind verschiedene Modi der Zukunftsreferenz, versehen mit einem Wert. Das hängt von Erfahrungen ab. Erfahrungen sind gewisse Formen von Wissenssedimentierung über Erlebtes. Die drei In­stanzen – das Vergangene (Erfahrung), das Gegenwärtige (Erleben) und das Zukünftige (Erwartung) – sind miteinander zyklisch verbunden: Was Sie erwarten, hängt von ihren Erfahrungen ab, wie Sie etwas erleben von Ihren Erfahrungen. Und was für Erfahrungen Sie machen, hängt davon ab, was Sie vorher erwartet haben. Jemand, der ängstlich ist oder eine Phobie hat, erlebt ein volles Konzert als traumatisch, macht die Erfahrung einer beengten Situation, während andere einen geilen Abend haben.

Kann man das durchbrechen?

Ich würde das nicht werten. Es handelt sich um eine geprägte Erfahrung, eine subjektive Position in der Welt. Deshalb unterscheiden sich zum Beispiel auch Zeugenaussagen stark voneinander. Jeder hat andere Erfahrungen und Erwartungen. Dieses gegenseitige Bestimmen hat Konsequenzen für unsere Handlungsentscheidungen. Wenn wir bei der Technik bleiben: Politische Entscheidungen werden in Deutschland eher als Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Hier muss zum Beispiel mit Studien belegt werden, dass ein Arzneimittel keine gravierenden negativen Nebenwirkungen hat. Dann darf es zugelassen werden.In Amerika ist es andersherum: Sie müssen beweisen, dass ein Medikament schädlich ist.

Wie kommt es zur Vorreiterrolle der USA in Sachen Innovation?

Auch da gibt es Mentalitätsunterschiede. Wir blicken in dem Bereich häufig neidisch auf Amerika. Die haben einen anderen Unternehmergeist, nach dem Motto „Wir machen einfach mal.“ Das hat auch mit Fehlerkultur zu tun. Für uns sieht das manchmal so aus, dass man dort sieben Firmen in den Sand gesetzt haben sollte, bis man ein erfolgreiches Unternehmen gründet.

Ist die Mentalität in Deutschland entwicklungshemmend?

Wir nehmen diese Mentalitätsunterschiede zur Kenntnis und schauen uns an, wie neue Technologien aufgenommen werden. Die forschungspolitische Perspektive ist da subjektiv eine andere als die Verbrauchersicht. Ein wissenschaftliches Urteil ist immer differenziert: In bestimmten Kontexten, für bestimmte Zielgruppen ist etwas positiv, für andere nicht. Man könnte auch fragen: Ist Technikeuphorie in anderen Ländern vielleicht naiv? Wir haben ja durchaus begründete Zweifel und entsprechende Erfahrungen aus der Geschichte. In Fragen wie den Atommüllendlagern gibt es wichtige Interessenskonflikte – da ist es vielleicht gut, skeptischer heranzugehen, um dem Problem gerecht zu werden.

Positiv umgedeutet: Wir sind keine Bedenkenträger, sondern gründlich.

Es ist bei Technik grundsätzlich so, dass es immer Schadens- und Nutzenpotenziale gibt, immer unterschiedlich für verschiedene Zwecke und Gruppen. Und sie sind immer anders, als man das vorher geplant hat. Technisches Handeln ist unsicher. Technik stellt immer mehr und weniger zugleich her, als ursprünglich beabsichtigt. Und genau das ist eine Quelle für Innovation, denn man kann einen tollen Nutzen feststellen. Es ist aber auch eine Quelle großer Risiken: Wenn man feststellt, dass es Katastrophenpotenzial hat.

So wie bei LSD...

Heroin konnten sie früher in der Apotheke kaufen. Wir wissen nie so genau, was herauskommt: Innovation und Lösung oder Risiko. Wenn wir zu skeptisch werden, tendieren wir dazu, eine Technik vielleicht lieber nicht weiter zu erforschen, weil sie schaden könnte. Damit verunmöglicht man aber auch das Nutzenpotenzial. Das ist die Goldfrage bei Technikentwicklung: Wie kann ich die Nutzenpotenziale optimieren, ohne unter den Schadenspotenzialen zu leiden.

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