Engagement

Caritas Siegen-Wittgenstein mit Jahreskampagne für Ehrenamt

Matthias Vitt ist Caritas-Vorstand.

Foto: Steffen Schwab

Matthias Vitt ist Caritas-Vorstand.

Siegen.   Matthias Vitt, Vorstand des Kreisverbands, im Interview über nötige Veränderungen, neue Aufgaben und „Hilfe durch dich“.

„Hilfe durch dich“ heißt die Kampagne, mit der die Caritas in diesem Jahr ehrenamtliches Engagement in den Mittelpunkt stellt — jeden Monat mit neuen Beispielen. Erkennungszeichen ist eine abgewandelte mathematische Formel: Das „durch“ ist der Bruchstrich, das Ergebnis ein Herz, das sich mit der hochgestellten 2 sozusagen mit sich selbst multipliziert. Matthias Vitt ist Vorstand des Caritasverbands Siegen-Wittgenstein. Über die Kampagne „Hilfe durch dich“ spricht er mit Steffen Schwab.

Was ist „Hilfe durch dich“?

Matthias Vitt: Die herzigste Formel der Welt. Wenn ich mich für einen anderen engagiere, ist das viel herzlicher, als wenn ich das für Geld mache. Es geht darum, dass zunächst Sperriges wie etwa Mathematisches zu etwas sehr Herzlichem werden kann.

Was ja schon fast gehobene mathematische Kenntnisse voraussetzt...

Auch. Es ist aber auch eine Inspiration, sich hiermit auseinanderzusetzen, eine spannende Idee, um Menschen anzusprechen. Man muss vielleicht erklären, man kommt aber ins Gespräch.

Warum ist das Ehrenamt für Sie aktuelles Thema?

Wir stellen auf allen gesellschaftlichen Ebenen fest, dass Ehrenamt sich verändert. Die Menschen engagieren sich nicht mehr vom 15. Lebensjahr an und bleiben bis zur Rente dabei. Viele haben ein Thema, für das sie sich über einen bestimmten Zeitraum oder mit einer eingegrenzten Aufgabe einsetzen möchten. Wenn ich zum Beispiel beim Mittagstisch mitarbeite, will ich Essen ausgeben und mit Menschen reden, aber nicht alles organisieren müssen und für die Finanzen verantwortlich sein. Auch Kirchengemeinden müssen viel lernen. Vieles, was an sicheren Rahmenbedingungen da war, verändert sich. Auch Ehrenamt wird nicht mehr nur auf eine Gemeinde bezogen sein, sondern auf größere Zusammenhänge, zum Beispiel eine ganze Stadt oder einen Stadtteil.

Es geht aber nicht nur um das Wie, sondern auch um das Wer.

Das ist auch ein Nachwuchs-Thema. Die Kirchengemeinden werden älter. Wenn wir Menschen neu ansprechen wollen, müssen wir neue und aktuelle Themen finden. Wir müssen unsere Aufgaben anders darstellen. Wir machen deutlich, dass Engagement willkommen ist. Wenn man uns den kleinen Finger reicht, nehmen wir den kleinen Finger und nicht die ganze Hand, darauf soll ich mich als Ehrenamtlicher auch verlassen können. Wenn es Spaß macht, darf man gerne mehr tun.

Sie sagen, dass Ihnen die Studierenden 2015 ein Beispiel gegeben haben, als auf einmal sehr viele Geflüchtete zu betreuen waren.

Genau, das gilt zwar für die ganze Region, aber die Studierenden haben gezeigt, dass Ehrenamt nicht am Ende ist. Man sieht ein Thema, nimmt das Herz in die Hand, wird aktiv und verändert etwas. Wir machen uns jetzt auf den Weg, neue Felder oder blinde Flecken zu entdecken und auch andere Formen zuzulassen.

Wo brauchen Sie Ehrenamt?

In den Besuchsdiensten der Caritas. Etwas, was oft gar nicht wahrgenommen wird. Da ist jemand, der allein ist, krank ist, Besuche und Kontakt braucht, die auf einmal nicht mehr stattfinden. Das ist eine sehr zufriedenstellende, teilweise auch menschlich sehr nah gehende Tätigkeit. Ein wichtiger, sehr inspirierender Dienst, der aber auch mit einer hohen Schwelle versehen ist, weil er organisiert und begleitet sein muss. Ein anderes Beispiel ist die Hospizarbeit, die für gelungenes neues Ehrenamt steht: Wir qualifizieren Ehrenamtliche, wir bereiten sie auf ihre neue Aufgabe vor, wir begleiten sie dauerhaft, es gibt Reflexionsmöglichkeiten, und es ist eine überschaubare Tätigkeit.

Wie sieht in der Praxis die richtige Anerkennung für das Ehrenamt aus?

Ich denke Wertschätzung ist der Schlüssel, sowohl gesellschaftlich als auch von Seiten der Träger. Wichtig ist, dass Engagement wahrgenommen wird und nicht selbstverständlich ist. Wenn nie etwas zurückkommt, wird es schwer, sich dauerhaft zu engagieren. Wir werden zum Beispiel am 1. September 2018 einen Caritas-Tag zum Thema „Hilfe durch dich“ gestalten – einen Tag rund ums Ehrenamt in der Caritas, dazu wird es die Ausstellung „Mensch, Jesus“ geben.

Gewinnt man im Ehrenamt eigentlich auch etwas für sich selbst?

Zum Beispiel ganz viel Glück und Zufriedenheit, wenn man sieht, dass man anderen geholfen hat oder dass sich etwas verändert. Sicherlich gibt es je nach Tätigkeit auch Kompetenzgewinn mit weiterem Nutzen wie Gesprächsführung, Konfliktmanagement, demokratische Strukturen leben, Öffentlichkeitsarbeit, Team- und Konfliktfähigkeit. So entsteht ganz viel Mehrwert: Den kann ich mitnehmen, vielleicht auch beruflich, und das ist auch legitim.

Mensch, Jesus – worin unterscheidet sich Ihr Ehrenamt von dem, was andere Träger begleiten?

Es gibt Unterschiede bei dem, was uns antreibt, wenn ich mich zum Beispiel aus einer christlichen Grundhaltung heraus engagiere. Sicher sind Caritas-Themen andere als die der Feuerwehr. Uns geht es um Gerechtigkeit, Gesellschaftliche Teilhabe und die Option für Arme.

Wie kommen Ihre Ehrenamtlichen zu Ihnen?

Wir versuchen, neue Wege zu finden. Wir gehen mit Ehrenamtlichen auf Wochenmärkte oder andere öffentliche Orte. Wir möchten ja die Menschen ansprechen, die wir bisher nicht gewinnen konnten. Viele Berufstätige lieben ihren Job, aber sie wissen, dass sie in der Zeit danach etwas anderes tun wollen, das sie anders anspricht – Sport, Jugendarbeit oder Feuerwehr. Wir sind auch offen für Themen, die von Engagierten an uns herangetragen werden – schließlich geht es auch darum, Gesellschaft zu verändern und zu verbessern. Und es geht darum, die zu unterstützen, die etwas ändern wollen. Daher bietet der Caritasverband zu verschiedenen Themen auch hauptberufliche Unterstützung für Ehrenamtliche.

Welche Rolle spielt die Uni?

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich viele Studierende gerne engagieren möchten. Zum Beispiel Flüchtlingshilfe: Wir freuen uns, dass es nach wie vor Studenten gibt, die sich bei uns melden und sagen, ich möchte etwas machen. In Konversationsgruppen schaffen wir gemeinsame Erlebnisräume für Einheimische und Geflüchtete. Das ist ein Privileg einer Universitätsstadt: Es gibt Menschen, die von außen kommen — die bringen immer ihre Geschichte mit, Motivation und Interesse.

Kann man Ehrenamt lernen?

Ja – kann man. Ich glaube aber auch, dass jeder Mensch bereit ist, sich für Gesellschaft, sein Hobby oder Benachteiligte zu engagieren. Oft ist das ist wie mit kleinen Pflänzchen: Man muss sie gießen, und manchmal muss man auch die Tür aufstoßen, dass Licht hereinkommt. Wir wollen Erlebnisfelder schaffen, wo ich mich ausprobieren kann — denn wenn ich keine Berührungspunkte mit Ehrenamt habe, kann ich es auch nicht als hilfreich, inspirierend oder zufriedenstellend erleben.

Wer hier aufwächst, lernt, dass man alles kaufen kann und dass es nichts umsonst gibt. Wie begründen Sie, dass das nicht stimmt?

Wir können überzeugen, dass es sehr sinnvoll ist, wenn der Staat nicht für alles aufkommt oder aufkommen muss. Wir haben ein Subsidiaritätsprinzip – der Staat soll eigentlich nur das selbst tun, wo es aus der Gesellschaft niemanden gibt. Staatliche Leistungen sind in der Regel normiert und werden gleichmäßig an alle Berechtigten weitergeben. Das nimmt aber Formen der Individualität und wird regionalen Unterschiedlichkeiten und Bedarfen nicht gerecht. Außerdem genießt man im Ehrenamt viele Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten.

Wo stehen Sie heute in einem Jahr?

Woran wir den Erfolg festmachen? Bei aller neuen Form des Ehrenamts: Eine Kirchengemeinde, eine Caritaskonferenz lebt auch davon, dass sich jemand kontinuierlich engagiert. Wir sind deshalb auch auf der Suche nach Mitgliedern in den ehrenamtlichen Caritaskonferenzen, die den Caritasverband tragen. Denn wenn keiner den Faden in der Hand hat, wird es irgendwann zu Ende sein. Es geht darum, beide Formen von Ehrenamt miteinander zu verbinden, so wird daraus ein Zukunftsmodell. Sowohl im Sozialraum oder in der Kirchengemeinde verankert und gleichzeitig bedarfs- und themenorientiertes Engagement, nicht nur entweder oder. Und da sähe ich dann gern drei, vier neuartige Projekte, wo sich Menschen auf die Socken gemacht haben, in ihrem Umfeld etwas zu verändern – unterstützt und verankert im Caritasverband oder in den Konferenzen vor Ort.

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