Ökologie

Start-up Scientibus: Nachhaltige, faire Mode aus Siegen

Der Name Scientibus spielt auf das Motiv – Beethovens 5. Sinfonie – und das Produkt selbst und die Herstellungsbedingungen an: Emissionsreduzierung, Arbeitsbedingungen, Einbeziehung behinderter Menschen.  

Der Name Scientibus spielt auf das Motiv – Beethovens 5. Sinfonie – und das Produkt selbst und die Herstellungsbedingungen an: Emissionsreduzierung, Arbeitsbedingungen, Einbeziehung behinderter Menschen.  

Foto: Scientibus

Siegen.  Leidfreie Kleidung: Die T-Shirts der Studenten Philip Schultz und Thomas Kehren werden in der EU produziert, sind emissionsarm und plastikfrei.

Das Brandenburger Tor, „Eis“ mit liegenden „E“, oder, Verzeihung, „Titties“: Das Logo des jungen Siegener Modelabels „Scientibus“ bietet ziemlich viele Interpretationsmöglichkeiten. „Teils super abwegig“, sagt Thomas Kehren grinsend. Der 23-jährige Musikstudent hat das Logo erfunden, jetzt wird es auf T-Shirts gedruckt, die in Sachen Nachhaltigkeit ihresgleichen suchen. Zusammen mit seinem Kommilitonen Philip Schultz, 24, BWL, hat Kehren Scientibus gegründet. Und das Logo? Steht für Beethovens 5. Sinfonie. Aber der Reihe nach.

L wie Logo: Das stand ganz am Anfang. Es sind keine Buchstaben, kein Bauwerk, sondern stilisierte Notenzeichen. Drei Achtelnoten, ein Taktstrich, eine Viertelnote – Tatatataaaaa. Das Anfangsmotiv der „Schicksalssinfonie“, eine der berühmtesten Melodien der Welt. Musik ist eine universelle Sprache. Die Interpretationen finden Schultz und Kehren super. Gerade aus künstlerischer Sicht, eben weil es so viele Leerstellen lässt. Kehren fand sein Logo so gut, dass er es irgendwo draufdrucken wollte. Philip Schultz fand die Idee auch gut. Nach Visitenkarten und Aufnähern landeten die beiden schnell bei T-Shirts.

Produkte ohne erhobenen Zeigefinger

N wie Name: Scientibus bedeutet „Die Wissenden“. Für die, die wissen, was drinsteckt, ist ein Shirt ein Statement, eine Aussage, findet Kehren. Für alle anderen ist es schlicht ein normales Shirt. Auch okay. „Wir möchten alles, was wir ökologisch leisten können, in die Produkte stecken“, sagt Kehren. „Aber wir wollen das nicht unbedingt plakativ draufschreiben. Es ist auch schlichte Kleidung, die man einfach so tragen kann.“

D wie Druck: Drucken ist nicht gleich drucken. Vieles beginnt nach ein paar Mal waschen abzublättern, wird rissig. Kehren und Schultz beschäftigten sich intensiv mit Druckverfahren. Foliendruck ist günstig – das Logo wird im Grunde vereinfacht, ausgeschnitten und draufgepresst – aber das Logo sollte die „Pinselstrichoptik“ behalten. Gelandet sind sie schließlich bei Siebdruck: „Der Stoff wird temperaturbehandelt“, so Philip Schultz. Die Farbe haftet nicht nur auf der Faser, sondern zieht ein. Gut für Flexibilität und Deckkraft. Nach der Idee mit dem Logo verbrachten sie das ganze Jahr 2018 damit, Produzenten auszusieben. Und als sie sich erst einmal intensiver damit beschäftigten, wie T-Shirts entstehen, unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden, stand für Schultz und Kehren schnell fest: So wie die Massenfertiger wollen sie das nicht machen.

2300 Liter Wasser pro Shirt – statt 8000 in der Massenfertigung

N wie Nachhaltigkeit: Ein Scientibus-T-Shirt kostet 35 Euro. So viel, wie Kleidung bekannter Marken auch. „Wir wollen eine echte Alternative für die Kunden sein“, sagt Schultz. Die Biobaumwolle kommt aus Griechenland, daraus werden in Portugal T-Shirts. „Unter EU-Arbeits- und Kinderrechtsbedingungen“, sagt er -- ohne Kinderarbeit. „In Asien ist das ganz anders.“ In der portugiesischen Manufaktur arbeiten erfahrene Näherinnen, die pro Stunde bezahlt werden – in Asien gibt es mitunter nur 1 bis 3 Cent pro Shirt. 8000 Liter Wasser werden für die Produktion eines durchschnittlichen Shirts verbraucht – bei Scientibus sind es 2300. Statt aus Asien mit immensen Emissionen verschifft zu werden, bleiben ihre Shirts vom ersten Schritt an in der EU. „Wir tun etwas für die Umwelt, auch wenn wir natürlich ebenfalls Ressourcen verbrauchen“, sagt Schultz. Der Gewinn fällt halt kleiner aus. „Unsere Kleidung ist dafür leidfrei“, sagt Schultz. „Wir wollen kein Teil dieser Industrie sein.“

Q wie Qualität: Dass die Produktion wertiger ist, merke man, sagt Schultz: Es gebe kaum Ausschussware, bei zwei bis drei von 100 Shirts sei mal eine Naht verzogen. Der Stoff ist schwer und weich, die Nähte dick und stabil, mit minimalstem Chemieeinsatz gefärbt – unter strengen Sicherheitsauflagen, im Sinne der Mitarbeiter. „Das alles ist über die entsprechenden Zertifikate auf unserer Homepage nachvollziehbar“, betont Schultz. Das ist ihnen wichtig: Sie legen alles offen, totale Transparenz.

Mitarbeiter der AWO-Werkstätten in Deuz verpacken

T wie Transport: Der Nachhaltigkeitsgedanke gilt auch für Logistik. Die ist komplett plastikfrei. Die Kleidungsstücke kommen unverpackt bei den AWO-Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Deuz an, mit denen Scientibus kooperiert. Dort wird die Kleidung in Kartons aus Gras-Zellulose und Recyclingpapier verpackt. „Kein einziger Baum ist für uns gestorben“, sagt Thomas Kehren. Nicht einmal fürs Klebeband. Dieses Produkt mussten sie auch eine Weile suchen. Vom Siegerland aus gehen die T-Shirts dann zum Kunden. Ein Lager gibt es nicht.

C wie Crowdfunding: 24.500 Euro braucht Scientibus für die erste Marge T-Shirts – ungefähr 700 Stück zum Preis von je 35 Euro. Inklusive Versand. Auf der Internetseite Startnext können Kunden die Shirts bestellen – oder andere Produkte wie Sticker und Postkarten aus recycelter Baumwolle, „für nachhaltige Urlaubsgrüße“, sagt Philip Schultz. Auch Spenden ist möglich. Oder Gutscheine für die nächste Kollektion kaufen. Wer Scientibus unterstützen möchte, kauft etwas, ist die Gesamtsumme erreicht, geht die Produktion los. Stichtag ist der 23. September. Klappt es nicht, bekommen alle Kunden ihr Geld zurück, dafür sorgt Startnext. Zu erreichen: https://startnext.com/scientibus

Nachhaltigkeitsservice für Unternehmen

V wie Varianten: Im Onlineshop gibt es das Scientibus-Logo in mehreren Varianten; groß, klein, als Teil eines „Respekt“-Schriftzugs. Die Shirts sind schwarz oder weiß, für Männer oder Frauen. An der nächsten Kollektion sollen die Kunden beteiligt werden. Schultz und Kehren freuen sich über jede Anregung, jeden Vorschlag zu Farben, Schnitten, Logos, Stoff. Sie sind für alles offen. Außer bei der Nachhaltigkeit. „Da gehen wir keinen Schritt zurück.“

S wie Service: Der Umsatz für nachhaltige Textilien ist in den vergangenen drei Jahren um das Fünffache gestiegen, sagt BWL-Student Schultz. „Der Markt wächst stetig und stark.“ Es gebe viele verschiedene Aspekte an ihrer Kleidung, die die Kunden wertschätzen könnten: Herstellungsbedingungen, Ressourcenschonen, Stoffqualität, Optik. Daran sollen alle teilhaben können. Schultz und Kehren haben die Produktions- und Transportwege gefunden, die sie nun auch Unternehmen zur Verfügung stellen, wenn die zum Beispiel nachhaltige Firmenshirts suchen. Von T- über Polo-Shirts bis zu Kapuzenpullovern, Aufdruck, Gestaltung: „Die Kunden sind völlig frei. Wir organisieren alles“, sagt Schultz. Hauptsache nachhaltig.

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