Kunst

Sigmar Polke im Siegener Museum für Gegenwartskunst

Die Kamera war immer dabei: In den 1970er Jahren fotografierte Sigmar Polke laufend, ließ sich aber auch fotografieren.

Die Kamera war immer dabei: In den 1970er Jahren fotografierte Sigmar Polke laufend, ließ sich aber auch fotografieren.

Foto: Estate Sigmar Polke/VG Bild-Kunst, Bonn

Siegen.   Am Sonntag eröffnet die neue Austellung „Sigmar Polke und die 1970er Jahre“. Im Fokus stehen vor allem private Fotoaufnahmen des Künstlers.

Die Fotokamera soll Sigmar Polke in den 1970ern immer dabei gehabt haben. Die Sammlung Lambrecht-Schadeberg hat vor einiger Zeit 85 Fotos aus den Jahren 1973 bis 1978 erworben, um die herum das Museum für Gegenwartskunst nun eine Ausstellung entwickelt hat: „Sigmar Polke und die 19970er Jahre“. Am Sonntag ist Eröffnung.

„Wir wollten herauskitzeln, was in diesen Fotos angelegt ist“, sagt Museumsleiterin Dr. Eva Schmidt. „Wie können wir das weiterspinnen, wie können wir Kontexte herstellen?“ Die Bilder stammen aus dem Besitz von Polkes Ex-Partnerin Katharina Steffen. Viele zeigen sie, viele zeigen Polke und Künstlerkollegen. Es sind meist private Aufnahmen. Gleichzeitig sind sie es aber auch nicht: Denn der Privatmensch Polke, so der Eindruck, war vom Künstler Polke ebenso wenig zu trennen wie sein Privat- von seinem Arbeitsleben. Es ist dabei nicht die Art von Verschränkung, die Workaholics kennzeichnet, die alles Persönliche dem Beruflichen unterordnen – sondern eine Art organischer Durchdringung, in der es eine Trennung gar nicht gibt, weil beide Pole letztlich eins sind.

Ausdruck einer Aufbruchstimmung

Polke spielt, posiert, inszeniert, dokumentiert – und seine Weggefährten tun es ebenso. Außer dem eigenen Konvolut zeigt das MGK weitere 100 Fotografien Polkes und rund 100 weitere von Künstlerlinnen und Künstlern aus seinem Netzwerk, außerdem 35 Gemälde und Arbeiten auf Papier sowie einige Filme. Auf den ersten Blick sind es oft Schnappschüsse: Menschen in geselliger Runde; Menschen, die herumalbern; Menschen, die sich in Alltagssituationen befinden oder die sich in alltäglichen Settings in Szene setzen.

Angesichts von Polkes vielen Kooperationen und Kontakten sind Dutzende anderer Künstlerinnen und Künstler zu sehen, „ein Who is Who“, wie Eva Schmidt sagt. Aber darum gehe es gar nicht so sehr, sondern um „die künstlerische Haltung, die da zum Ausdruck kommt“, und die vom Zeitgeist der 1970er geprägt ist – und diesen Zeitgeist prägte. „In dieser Aufbruchstimmung war es den Leuten wichtig, sich zu fotografieren“, sagt die Museumschefin. „Die Aufbruchstimmung, die eigene Rolle dabei war ihnen bewusst.“

Gesellschaft in Bewegung

Die Räume der Ausstellung sind thematisch angelegt, sind Orte wie Willich (wo Polke den Gaspelhof, eine Künstlerkommune, bewohnte), Katharina Steffens Wohnort Zürich mit seiner freien, eher subversiven Kunstszene oder Bern als Kernort des Schweizer Kunstmarkts gewidmet. In anderen Ausstellungsbereichen stehen Kooperationen, Experimente oder Polkes Reisen im Mittelpunkt. Das Politische, das Neue, die Bewegung in der Gesellschaft sind dabei greifbar, weil der Geist der 70er das Geschehen vor und hinter der Kamera – das sich überdies gar nicht voneinander trennen lässt – bestimmt.

Unter anderem kam Polke in der Schweiz mit dem Feminismus in engere Berührung, und das Spiel mit Geschlechterrollen, Machtverhältnissen und Identitäten fließt in seine Arbeit ein – einschließlich deutlicher Sexualisierung, aber mit der typischen ironischen Attitüde. Zudem löste Polke sich vom klassischen Konzept der Autorenschaft. Fotos, auf denen er zu sehen ist, weil andere auf den Auslöser drückten, können trotzdem zum Fundus seiner Werke gehören, weil sie im Labor Teil seines künstlerischen Prozesses wurden.

Um – im engeren Sinne – schöne Fotos ging es ihm dabei offensichtlich nicht. Die Fotos sind häufig unscharf, extrem grobkörnig, fleckig, blass, der Kontrast ist zu schwach, sie sind doppelbelichtet oder wirken beschädigt. Auch darin zeigt sich, dass es Polke um mehr ging als um Dokumentation; vielleicht auch um weniger – wie man’s eben nimmt.

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