Energiewende

Siegener Wissenschaftler suchen neue Konfliktkultur

In Junkernhees wird der Protest gegen die neue Amprion-Höchstspannungsleitung sichtbar: Die Bürgerinitiative hat bewirkt, dass die Bezirksregierung den Netzbetreiber zum Nachbessern der Planung veranlasst hat.

In Junkernhees wird der Protest gegen die neue Amprion-Höchstspannungsleitung sichtbar: Die Bürgerinitiative hat bewirkt, dass die Bezirksregierung den Netzbetreiber zum Nachbessern der Planung veranlasst hat.

Foto: Jennifer Wirth / WP

Siegen.  Widerstand gegen Windräder und Stromleitungen ist nicht bloß egoistisch – die Uni Siegen ist bei einem Forschungsprojekt dabei.

Der Kampf um die Windkraft sorgt vielerorts in Deutschland für teils heftige Konflikte – da eskalieren Informationsveranstaltungen, werden Demonstrationen und Klagen gegen geplante Projekte organisiert und manchmal sogar Morddrohungen an Verantwortliche geschickt.

Die ZDF-Verfilmung des Bestsellers „Unterleuten“ von Juli Zeh hat dies am Beispiel eines fiktiven Dorfes in Brandenburg gezeigt: Geplante Windräder spalten dort die gesamte Dorfgemeinschaft. WissenschaftlerInnen der Universität Siegen sind an einem bundesweiten Forschungsprojekt zum Thema beteiligt. Ziel ist es, Lösungsstrategien für Energiewende-Konflikte zu entwickeln. Das Projekt wird von der Stiftung Mercator gefördert und ist im August 2019 gestartet.

Raum für Populisten

„Energiewende-Konflikte sind aus wissenschaftlicher Perspektive kein wirklich neues Phänomen. Jedoch ermöglichen die sozialen Medien neue Formen des Austauschs und Zusammenschlüsse kritischer Bürgerinnen und Bürger“, erklärt der Leiter des Siegener Teilprojektes, Dr. Jörg Radtke. In den vergangenen Jahren haben sich die Konflikte nach seiner Beobachtung verschärft: Der Ton sei rauer und unversöhnlicher geworden.

Jüngere Studien beobachten zudem, dass bei Energiewende-Kontroversen immer häufiger auch Populismus auftritt. „Wir kennen Populismus aus dem Wahlkampf, von politischen Parteien und einzelnen Persönlichkeiten. Aber auch komplexe Konflikte um den Netzausbau, den Kohleausstieg oder die Windkraft können von einzelnen Parteien oder Gruppierungen populistisch aufgeladen werden. Da geht es dann schnell nicht mehr nur um geplante Strommasten oder Windräder, sondern um größere Konfliktlinien.“

Nicht bloß egoistische Motive

Ziel des Siegener Teilprojektes ist es, in einzelnen Konflikt-Regionen in Deutschland jeweils eine detaillierte Analyse der Situation vorzunehmen: Welche Akteure, Gruppierungen und Parteien sind dort jeweils aktiv und von Bedeutung? Wie wirken sie zusammen, wie verständigen sie sich, wo kommt es zu Reibungen? Neben einer Auswertung einschlägiger lokaler Medienberichte möchten die Siegener Wissenschaftler die Akteure vor Ort auch persönlich befragen.

„Windräder und Strommasten werden aus den unterschiedlichsten Gründen abgelehnt“, erklärt Projektmitarbeiterin Emily Drewing. Es greife daher zu kurz, den Protestierenden egoistische Motive zu unterstellen oder sie als rückständig zu betrachten. „Es gibt sogar Fälle, in denen erst durch die Proteste ungenügende Planungen erkannt wurden, sodass wichtige Änderungen vorgenommen werden konnten.“

Strategien für faire Lösungen

Auf die Fallstudien zu einzelnen Regionen soll eine repräsentative, deutschlandweite Befragung folgen. Anhand der Erkenntnisse aus beiden Ansätzen möchten die Projektpartner anschließend Strategien entwickeln, die faire und ausgewogene Lösungen bei Energiewende-Konflikten erleichtern. Diese Strategien sollen schließlich in einem ausgewählten Konfliktfall praktisch erprobt werden. Dazu ist das Institut „Raum & Energie“ mit im Boot, das über langjährige Erfahrung im Bereich der Mediation verfügt.

Der Lehrstuhl von Prof. Dr. Sigrid Baringhorst, an dem das Siegener Teilprojekt angesiedelt ist, befasst sich bereits seit vielen Jahren mit Klimapolitik und der Erforschung von bürgerschaftlichen Initiativen, Vereinen und Verbänden. „Wir beobachten einerseits, dass sich viele Menschen immer mehr für Nachhaltigkeit und Klimaschutz interessieren und ihr eigenes Leben mitunter massiv umstellen. Auf der anderen Seite stehen Skeptiker, die Eingriffe des Staates und Veränderungen in ihrer Lebensumgebung ablehnen. Auch die gegenwärtigen Corona-Proteste zeigen das eindrücklich“, sagt Prof. Baringhorst. Die Polarisierung der Gesellschaft werde zunehmend zu einem zentralen Problem.

Es komme jetzt auf eine neue Konfliktkultur an, meint Dr. Radtke: „Deswegen sollten wir die Digitalisierung ernst nehmen und neue Formen der Vermittlung zwischen Politik und Bürgern finden. Die Energiewende ist nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für die Menschen eine große Chance: Sie können Einfluss ausüben und sich beim Thema Energieversorgung einbringen, so wie nie zuvor.“

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