Zeitgeschichte

Schülerinnenstreik in Siegen 1968: „Was machten die Jungs?“

Aufnahme aus der Zeit des Schülerinnenstreiks: War die Aktion von den Mädchen selbst organisiert? Bode sagt: Nein

Aufnahme aus der Zeit des Schülerinnenstreiks: War die Aktion von den Mädchen selbst organisiert? Bode sagt: Nein

Foto: Geschichtswerkstatt Siegen

Siegen.  Christoph Bode, vor 50 Jahren Schülersprecher des Siegener Jungengymnasiums berichtet im Stadtarchiv Siegen vom Schülerinnenstreik am Lyzeum.

„Das ist ja ein richtiges Klassentreffen hier“, ist zu hören, als sich die Herren mit mehr oder weniger ergrautem Haar in die Arme fallen. In der Mitte: Dr. Christoph Bode, emeritierter Professor für Anglistik und vor 50 Jahren der „Kopf“ des „Schülersprecher-Kollektivs“ des damaligen Jungengymnasiums, heute Löhrtor. Er hat seit dem 1. Januar 1969 Tagebuch geführt, gerade auch in der Zeit des Schülerinnenstreiks am Mädchengymnasium. Im Stadtarchiv wird nun die Frage gestellt: „Und was machten die Jungs?“

Rund 25 Zuhörer etwa sind dabei, überwiegend männliche Weggefährten von damals, aber auch einige der „Mädels“. Rund 50 Minuten hat sich Bode vorgenommen, will aus seinem Artikel vorlesen, der im aktuellen Band der „Siegener Beiträge“ zu finden ist (wir berichteten).

Streik zur Hälfte eine Aussperrung

Nach einer guten Dreiviertelstunde hat sich der Redner aber schon so in unterhaltsamen Einzelheiten und Erinnerungen verloren, dass er noch nicht beim Kerngeschehen angekommen ist. Nach dem Blick auf die Uhr überspringt Bode die ersten Blätter, am Ende werden es zwei Stunden bis zum offiziellen Ende, danach geht es in kleinen Gruppen weiter.

In gewisser Weise hat sich der damalige Streik ähnlich entwickelt wie der spontane Ablauf des Abends. Eher ungeplant. Da geht es natürlich um das Verhalten von Schulleiterin Dr. Ursula Erfurt, die sich jeder Diskussion verweigerte, am Ende die Schule schloss, weil kein vernünftiger Betrieb mehr möglich sei. „Der Streik war mindestens zur Hälfte eine Aussperrung“, folgert der Referent.

Erfurt habe mit „vorauseilendem Gehorsam“ ihr Ende mehr oder weniger unbewusst selbst in die Wege geleitet, als sie die Schülerinnen vor die Tür setzte. Auch vorher schon, als die „kesse Klassensprecherin“ Eva der Schule verwiesen werden sollte, die überhaupt nichts mit den Protesten zu tun gehabt hatte. Weil sie als Unruhestifterin galt, der alles zuzutrauen war.

Unterschiedliche Atmosphären an den Siegener Schulen

Manches, was er damals getan und geschrieben habe, lasse ihn heute nur den Kopf schütteln, sagt Bode lächelnd in die Runde, „ich weiß nicht, ob ich damals immer so angenehm war“. Die Wiederbeschäftigung mit seinen Tagebüchern sei eine wirkliche „Zeitreise“ gewesen.

Die Jungen leisteten Hilfe, aber komplett bestreikt wurde deren Schule nicht. Dass nur maximal 200 von rund 1000 Schülern dem Aufruf Wolfgang Leipolds folgten, sieht Christoph Bode letztlich in den unterschiedlichen Atmosphären an beiden Schulen begründet. Möglicherweise sei Schulleiter Dr. Frotscher vom Typ her Dr. Erfurt nicht einmal völlig unähnlich gewesen, habe sogar eine Vergangenheit auf einer NS-Eliteschule gehabt. Aber insgesamt sei es am Jungengymnasium doch liberaler zugegangen.

Harte Lektion fürs Leben am Siegener Lyzeum gelernt

Dr. Frotscher habe den Dialog gesucht, die ihm nicht bekannte Anwesenheit der politischen Polizei auf seinem Schulhof verurteilt und später dazu beigetragen, dass es kein juristisches Nachspiel für einen der Jungen gegeben habe. Bei den damaligen Bundestagsdebatten hätten die Schüler frei – und die Gelegenheit bekommen, „diese am Transistorradio zu verfolgen“. Dr. Frotscher habe ebenso indirekt allen freigegeben, um gegen den NPD-Parteitag 1968 demonstrieren zu können, so Bode.

Der seinerzeitige Studentenpfarrer Manfred Zabel erinnert, dass er die schließlich freiwillig zurückgetretene Schulleiterin durchaus in religiösen Kreisen als erstaunlich fortschrittlichen Charakter wahrgenommen habe. Was die Ansicht verstärkt, dass vor 50 Jahren vieles aus der Situation und akutem menschlichen Versagen erwachsen ist. Trotzdem sei es schlimm gewesen, sagt eine ehemalige Schülerin, die ihre Zeit am Lyzeum buchstäblich als Überleben bezeichnet. Was aber für ihre eigene spätere Arbeit als Lehrerin sehr wichtig gewesen sei.

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