Interview

Schluss mit dem Rauchen: Entwöhnung durch VR-Technik

Dr. Alla Machulska arbeitet an der Uni Siegen im Projekt Antares. Das Team hat ein Virtual-Reality-Training entwickelt, dass Menschen dabei unterstützen soll, sich das Rauchen abzugewöhnen.

Dr. Alla Machulska arbeitet an der Uni Siegen im Projekt Antares. Das Team hat ein Virtual-Reality-Training entwickelt, dass Menschen dabei unterstützen soll, sich das Rauchen abzugewöhnen.

Foto: Florian Adam

Siegen.  Im Antares-Projekt entwickeln Forscher der Universität Siegen ein Rauchentwöhnungstraining in Virtual Reality.

In virtueller Realität will ein Team des Forschungskollegs der Universität Siegen (FoKoS) Rauchern den Weg zum Zigarettenverzicht erleichtern. Kern des Projekts „Antares“ ist ein VR-Training, das den automatisierten Griff zur Kippe bewusst machen und damit aushebeln soll. Dr. Alla Machulska erläutert im Gespräch mit Florian Adam Hintergründe und Konzept der Studie.

Rauchen Sie?

Dr. Machulska: Nein. Das fragen mich auch viele Teilnehmer der Studie.

Warum nicht?

Rauchen hat mich schon als Kind gestört. Ich habe immer die Zigaretten meines Lieblingsonkels versteckt. Mit 17 Jahren habe ich dann zwei, drei Mal an einer Zigarette gezogen. Aber es brachte mir nichts.

Manchen Leuten bringt’s was. Habe ich gehört.

Die Forschung geht davon aus, dass es auch von einer genetischen Prädisposition abhängt, wie stark man reagiert und als wie positiv man Rauchen empfindet. Es ist aber nicht so eindeutig. Es gibt nicht das eine Raucher- oder Suchtgen. Wir wissen aus Untersuchungen, dass mehrere Gene im Zusammenspiel dazu führen können, dass Menschen für das Rauchen anfälliger sind, dass es schwieriger für sie ist, aufzuhören, und dass man eher mit Rückfällen rechnen muss.

Ist das beruhigend für die Betroffenen – oder eher frustrierend?

Wir haben in unserem Projekt ein Infogespräch vorab, in dem wir erklären, dass es eine genetische Grundlage gibt – auch wenn die nicht ganz geklärt ist. Das hilft vielen Betroffenen, es besser zu verstehen: Weil es zeigt, dass es nicht unbedingt etwas mit Willensschwäche zu tun hat, wenn sie nicht so einfach aufhören können. Was aber nicht heißt, dass man nicht aufhören kann.

Nicht-Süchtige unterstellen Betroffenen – egal, wovon sie nun abhängig sind – ja häufig genau das: Willensschwäche.

Ich glaube nicht, dass Sucht mit Willensschwäche zu tun hat. Das können sich Leute, die diese Schwelle nicht überschritten haben, oft nur ganz schlecht vorstellen – auch diese inneren Kämpfe. Gut gemeinte Tipps wie ,Hör doch einfach auf, das ist doch schlecht’ machen es den Leuten wirklich nicht leichter.

Wie wollen Sie Rauchern mit dem Antares-Projekt helfen?

Wir gehen davon aus, dass zwei Prozesse das Suchtverhalten steuern: rational-bewusste und impulsiv-unbewusste, die Verhalten gleichermaßen beeinflussen. Man geht davon aus, dass impulsive Prozesse die ganze Zeit im Hintergrund laufen – und ein solcher kann der Griff zur Zigarette sein. Es gibt also in manchen Situationen einen automatischen Annäherungsprozess. Den kann man durch Gespräche allein schlecht verändern, weil er eben unbewusst läuft.

Wie geht’s dann?

Wir versuchen, das in Virtual Reality umzuprogrammieren.

Da denke ich direkt an Spiele, wo man irgendwo im virtuellen Raum steht und mit irgendetwas wirft.

Da liegen Sie nicht ganz so falsch. Die Leute werden mit verschiedenen Objekten konfrontiert und sollen sehr schnell entscheiden, ob sie diese an sich heranziehen oder von sich wegschieben möchten. Das eine sind rauchaffine Objekte: Zigaretten, Aschenbecher, Feuerzeuge. Das andere sind Alternativobjekte wie Obst oder Sportgeräte. Das Ziel ist, dass aus der automatischen Annäherung eine automatische Abwehrhaltung wird.

Und das läuft in Virtual Reality, weil das Werfen mit realen Aschenbechern in realen Räumen logistisch auf Dauer unangenehm würde?

Nun – auch. Wir haben ein solches Training vorher mit einem Joystick am PC gemacht. 2013 wurde so etwas erstmals in der Alkoholismustherapie angewandt. Damals gab es niedrige Rückfallquoten, teilweise wird es heute in Kliniken in die Therapie eingebaut. Wir haben das für unser Projekt zum Thema „Rauchen“ bei einer Gruppe von Psychiatriepatienten eingesetzt. Das wirkt auch, wir konnten den Zigarettenkonsum reduzieren. Aber wir haben gesehen, dass es noch viel mehr Potenzial gibt. Das Training am Joystick wurde von vielen Teilnehmern als monoton erlebt: 15 Minuten 2D-Bilder heranziehen oder wegschieben, das hat vielleicht nicht ganz so viel mit der Realität zu tun. 3D-Objekte in einer VR-Umgebung sind da viel realitätsnäher und interessanter.

VR-Training erreicht die Menschen also besser, weil es mehr Spaß macht?

Viele Teilnehmer finden Virtual Reality sehr spannend. Diese Rückmeldung hatten wir beim Joysticktraining nicht.

Wie oft schicken Sie die Leute denn ins VR-Training?

Sechs Mal in zwei Wochen für je 15 Minuten.

Und das wirkt?

Fast alle Teilnehmer haben ihren Zigarettenkonsum reduziert. Etwa ein Drittel hat aufgehört. Das Programm dauert mit allen Gesprächen neun Wochen, bisher haben es 20 bis 25 Leute abgeschlossen. In einem halben bis einem Jahr werden wir noch einmal nachfragen, wie es mit dem Zigarettenkonsum steht.

Sie wollen demnach nicht aus allen Teilnehmern Nichtraucher machen?

Unser Anliegen ist es, Raucher bei der Abstinenz zu unterstützen – und dabei neue Medien einzusetzen. Wir machen aber keine Vorgaben. Die Probanden entscheiden selbst.

Schon eine Reduzierung des Konsums ist ein Erfolg?

Natürlich.

Gespräche führen Sie aber auch?

Ja, aber wir haben das reduziert. Im Einführungsgespräch geht es um das Rauchen an sich und um Strategien zur Entwöhnung. Wir geben den Teilnehmern auch das Buch „Endlich Nichtraucher“ von Allen Carr mit. Die Standardtherapie spricht nur den rationalen Teil an, wir zusätzlich insbesondere den impulsiven. Unser Vorgehen ist eine Erweiterung der Standardtherapie. Es gibt eben beide Dimensionen, die bewusste und die unbewusste.

Aber Erfolg mit sechs Trainings und einem Vorgespräch? Das klingt irgendwie zu schön, um wahr zu sein.

Wie genau es wirkt, wissen wir noch nicht. Im Moment wissen wir nur, dass es eine positive Wirkung hat. Eine Hypothese ist, dass das Training Menschen dabei unterstützt, nicht im Autopilot nach der Zigarette zu greifen, sondern etwas Zeit zu gewinnen, um bewusst nachzudenken und zu entscheiden, ob sie das machen wollen. Eine andere Hypothese ist, dass die Teilnehmer sich eine automatisch negative Bewertung des Rauchens antrainieren. Das wäre dann eher eine Konditionierung. Wir sehen dabei, dass das Training gerade Menschen hilft, die sehr impulsiv auf rauchaffine Objekte reagieren. Das erkennen wir anhand der Reaktionszeiten.

Sie sitzen an der Uni. Sind Ihre Probanden sehr jung?

Die meisten sind Mitte 40 bis Mitte 50, etwa gleich viel Männer wie Frauen. Das ist eine typische Altersgruppe für den Wunsch, sich das Rauchen abzugewöhnen. Junge Leute am Anfang einer Abhängigkeit hätten mehr Möglichkeiten, aufzuhören. Aber die Motivation ist oft nicht so stark, weil man negative Folgen noch nicht so merkt. Mit zunehmender Dauer der Abhängigkeit wird es dann umgekehrt: Die Motivation steigt, aber das Aufhören wird schwieriger.

Zur Person

Dr. Alla Machulska, 31, wohnt in Bochum.

Sie hat an der Ruhr-Universität Bochum ihren Doktor in Psychologie gemacht und bildet sich dort derzeit zur Psychotherapeutin weiter.

An der Uni Siegen ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Antares-Projekt am Lehrstuhl Klinische Psychologie bei Prof. Tim Klucken.

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