Historie

Oechelhausens Dorfgeschichte mit Schnaps und Bananen

Reinhard Gämlich, der pensionierte Stadtarchivar, macht einige Entdeckungen in der Dorfgeschichte von Oechelhausen.

Reinhard Gämlich, der pensionierte Stadtarchivar, macht einige Entdeckungen in der Dorfgeschichte von Oechelhausen.

Foto: Steffen Schwab

Oechelhausen.   „Huchhilnhusen“ ist nicht „Huchelhuß“. Wie der pensionierte Stadtarchivar Reinhard Gämlich das Dorf Oechelhausen um seine 750-Jahrfeier bringt.

Wer schuld ist? Zu allererst vielleicht Ortsvorsteher Friedrich Wilhelm Schmidt, als er den Stadtarchivar zu einem Vortrag über die Geschichte Oechelhausens einlud. „Es gibt kein Buch über Oechelhausen“, stellt Reinhard Gämlich fest. Heute immer noch nicht. Und damals, 2008, eben auch nicht.

Der Irrtum:675 statt 750

Als er am 18. März 2008 im Bürgerhaus seinen Vortrag hielt, hatte der Archivar schon ein komisches Gefühl. „Ich wusste, dass die Urkunde in Braunfels war. Aber plötzlich war sie nicht mehr da.“ Gämlich erzählte ein letztes Mal, dass „Huchhilnhusen“ am 21. August 1265 erstmals in einer Urkunde erwähnt wurde. Keine sechs Wochen später bekam er die Bestätigung aus dem Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden: Gertrud von Wilnsdorf, Tochter der Heiligen Elisabeth von Thüringen, und ihr Ehemann Hermann hatten gar keine Güter im heutigen Oechelhausen.

Ihr „Huchilnhausen“ lag in der heutigen Gemeinde Ehringshausen, viel näher am Kloster Altenberg, dem das Ehepaar seine Güter 1265 vermachte. Dem Hilchenbacher Ortsteil ging der Anlass für die 2015 vorgesehene 750-Jahrfeier verloren. „Das kommt dabei raus, wenn man anfängt zu forschen“, sagt Reinhard Gämlich, dem das Ganze dann aber anscheinend doch etwas unangenehm war: Den Oechelhausenern hat der im vorigen Sommer pensionierte Archivar ihre Geschichte nun doch einmal aufgeschrieben. Das kleine Bändchen wird als Jahresgabe des Hilchenbacher Geschichtsvereins veröffentlicht und zugleich von der Dorfgemeinschaft Oechelhausen, die sich 2006 als Verein gegründet hat. 2019 können sie nun ihre 675 Jahre feiern: Im Mann- und Güterbuch aus dem Jahr 1344 der Herren von Bicken – die von der Haincher Wasserburg – erscheint „Huchelhuß“ zum ersten Mal. Für das verpatzte Jubiläumsfest bitte er die „Bewohner von Oechelhausen um Entschuldigung“, schreibt Gämlich in seinem Schlusswort. „Es konnte keiner damit rechnen…“

Der Stadtarchivar wusste natürlich, wo er suchen musste, um den 75 Oechelhausenern – kleinster Hilchenbacher Stadtteil ist übrigens Oberndorf – , die noch nie ein Dorfjubiläum gefeiert haben, zur richtigen Ortsgeschichte zu verhelfen. Da sind die Hausnamen, die Gämlich längst in vier Bänden für das gesamte Stadtgebiet erforscht hat, die Bauakten, die Flurbezeichnungen, die Grenzbeschreibungen, die Grundstücksgeschäfte. Und die Protokolle des Gemeinderats, die sich Stadtdirektor Dr. Hans Christhard Mahrenholz sofort aushändigen ließ, als Oechelhausen 1969 nach Hilchenbach eingemeindet wurde. Alles das halt an Geschichte, die es selbst im kleinsten Dorf gibt, um die die Weltgeschichte einen großen Bogen macht. Aber auch noch ein bisschen mehr. „Ich habe halt Sachen herausgesucht, die noch nicht so bekannt waren“, sagt Reinhard Gämlich.

Die Wiedergutmachung:Sieben Mal Oechelhausen

1. Oechelhausen und Netphen: 1623 kam Oechelhausen unter die Herrschaft von Graf Wilhelm von Nassau-Siegen, der Hilchenbach zum Hauptort seines neu geschaffenen Landesteils machte und die Wilhelmsburg als seine Residenz ausbauen ließ. Vorher gehörten Oechelhausen und der etwas größere Nachbarort Ruckersfeld in das Amt Netphen im fortan katholischen Johannland. An der Orientierung änderte das nichts: Der Ausbau der Dreisbachtalstraße hinauf zur „Kronprinzen-Eichen-Straße“ von 1892 bis 1899 war das größte Straßenbauprojekt, nicht etwa der „Ausbau des Weges nach dem Ferndorfthal“, der 1867 „in einem desolaten Zustande“ war. Auch für den Strom schoss sich Oechelhausen – wie auch Ruckersfeld, Vormwald, Grund, Helberhausen und Oberndorf, dem „Zweckverband Gewerkschaft für Licht und Kraft Netphen“ an.

2. Oechelhäuser, bekannt als Siegener Likör- und Schnapsmarke, heißt eigentlich Stötzel und trägt den Vornamen Peter. Dessen Sohn Johannes erscheint nach 1634 in Siegener Akten als „Johan Stützel genandt Ichelheuser“, dessen Sohn wiederum als Johann Oechelhäuser. Das erfolgreiche Unternehmen verdrängt, zumindest mit seinem Namen, eine andere Verwandtschaft: Maria Stötzel (1646-1736) war die Urgroßmutter von Johann-Heinrich Jung-Stilling, der 1740 im Nachbartal in Grund zur Welt kam.

3. Oechelhausen in Kamerun: „Ich dachte erst, das ist ein Aprilscherz“, erzählt Reinhard Gämlich. Ein Oechelhausener ist in Besitz der Landkarte, die die Kakaoplantage in Victoria/Kamerun zeigt, wo Dr. Justus Wilhelm Oechelhäuser, Urururururururenkel von Peter Stötzel, sich 1898 einkaufte – 5000 Mark für 2000 Hektar Urwald.

4. Oechelhausener in Honduras: Hinweise aus Dortmund beleuchten Auswanderer-Lebensgeschichten, „der dortige Archivar hat mich mal angeschrieben“, berichtet Reinhard Gämlich über den Beginn dieses Kapitels. Aus Friedrich Vitt wird der Bananen-Plantagenbesitzer Frederick Vitt, der 1908 noch einmal sein Geburtshaus besucht und zwei weitere Hilchenbacher auf die Reise zurück nach Tacomacho mitnimmt. „Die Tochter hatte noch die ganzen Briefe.“ Dort hat auch Wilhelm Feldmann aus Ruckersfeld eine Plantage.

5. Oechelhausens erster und zugleich letzter Neubau nach dem 2. Weltkrieg war 1967 das „Jugendheim“, das vor allem deshalb so hieß, weil es aus dem Jugendpflegeetat von Kreis und Landschaftsverband finanziert wurde. Es ersetzte die 1790 errichtete Schule, die 1965 dem Ausbau der Ortsdurchfahrt weichen musste. In dem Bürgerhaus mit Anbau für die Feuerwehr fand die alte Schulglocke einen neuen Platz.

6. Oechelhausens Friedhöfe: Ja, es waren zwei. Ortsvorsteher Schmidt hatte darauf bestanden. „Und Herr Schmidt hatte Recht“, bestätigt Reinhard Gämlich. 1833 wurde der erste „Gottesacker“ eingeweiht, ein einjähriges Kind wurde beigesetzt. Der „Todtenhof“ erwies sich als Fehlplanung – der Boden war zu nass. 1865 wurde ein neuer Friedhof angelegt, über den Gämlich noch herausfand, wie 1963 der Friedhofswagen, Modell „Heimkehr“, für 863,80 Mark auf Kosten der Nachbargemeinden Oechelhausen und Ruckersfeld angeschafft wurde. Der alte Friedhof? „Da steht heute ein Haus drauf.“ Der Besitzer erfuhr im Zuge von Gämlichs Recherchen von dem historischen Untergrund – er soll es locker genommen haben.

7. Oechelhausens Freibad: Im Weisbachtal wurde 1927 eine „Schwimm- und Badeanstalt“ auf Anregung des Lehrers Georg Fischer angelegt, dem der Ort schon das Kriegerehrenmal, ebenfalls von 1927, verdankt. „Irgendwann wurde es wieder zugeschüttet“, erzählt Reinhard Gämlich, „es lag auf der falschen Seite.“ Zu viel Schatten eben. Geblieben ist der Waldsportplatz Auf der Elme, auf dem heute noch das jährliche Rabenwerfen ausgetragen wird. Eröffnet wurde er nie: Die Feier im August 1914 wurde abgesagt, als der 1. Weltkrieg ausbrach.

Im Sommer steigt das Dorffest zum Jubiläum

Karin Rudolph ist ein bisschen stolz auf ihr kleines Dorf: 25 von ihnen haben zusammen Silvester gefeiert — immerhin fast jeder dritte aus dem Ort im Dreisbachtal war dabei. Und es werden mehr: „Viele junge Leute kommen wieder zurück“, sagt die Vorsitzende des Heimatvereins Dorfgemeinschaft Oechelhausen: Überall werden Elternhäuser an- und Scheunen umgebaut — denn Bauland gibt es nicht. Auch Peter Rudolph wohnt wieder im Ort: Als Löschgruppenführer der mittlerweile vereinigten Feuerwehreinheiten der Nachbardörfer Oechelhausen und Ruckersfeld ist er sogar hauptberuflich — bei der Siegener Feuerwehr — in die Fußstapfen des Vaters getreten; Dietrich Rudolph war bis zu seinem Abschied in die Altersabteilung Hilchenbachs stellvertretender Feuerwehrchef.

Kreatives und Traktoren

2018 haben sie zum ersten Mal den Seniorennachmittag für Oechelhausen und Ruckersfeld allein ausgerichtet, nachdem die Kirchengemeinde passen musste. Kreativ sind die Oechelhausener auch: Die eine näht Pferdesättel, der andere baut Vogelhäuser, ein dritter baut kunstvolle Figuren aus Metall. Sie alle werden ihre Arbeiten beim Dorffest im Dorfgemeinschaftshaus ausstellen.

Denn das 675-Jährige wird gefeiert: vom 9. bis 11. August. Mit einem Festkommers am Freitag, dem jährlichen Dorffest am Samstag und dem üblichen Festausklang am Sonntag. Zum Mittagessen werden auch dann wieder die älteren Ruckersfelder kommen, sagt Karin Rudolph: „Das hat sich so eingebürgert.“ Am Samstag können sich, wenn alles klappt, Kinder zu Pferd durch den Ort führen lassen und lustige Figuren aus Luftballons mitnehmen. Vielleicht gibt es Vorführungen mit Pfeil und Bogen — das Festkomitee, das auch noch an einer Spieleolympiade arbeitet, ist noch nicht fertig mit dem Programm. Auf jeden Fall gute Chancen hat die Traktorausstellung: „In jedem Haus gibt es ja zwei oder drei.“ Und Oechelhausen hat immerhin 17 Häuser.

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