Kirche

Netphens neuer Vikar: Linker Verteidiger steht nun am Altar

Vikar Patrick Kaesberg schaut aus seinem Büro direkt auf die Kirche.

Vikar Patrick Kaesberg schaut aus seinem Büro direkt auf die Kirche.

Foto: Steffen Schwab / WP

Netphen.  Patrick Kaesberg war schon Fußballprofi, als er sich neu orientierte: Jetzt ist er Priester, seine erste Stelle hat er in Netphen.

Wie schreibt man über einen katholischen Vikar, der schon Fußball-Profi war und Betriebswirtschaft studiert hat? Also: über Patrick Kaesberg, den 32-Jährigen, der im Juni im Paderborner Dom zum Priester geweiht wurde und Anfang Juli nach Netphen gekommen ist, wo er seine erste Stelle als Vikar angetreten hat?

Klar, man kann ihn fragen. Wie? Warum? Und jetzt? Patrick Kaesberg wird freundlich antworten. Geduldig. Und fast schon routiniert. Es ist ja nicht der erste Reporter, dem er seine Geschichte erzählt. Weil er darum gebeten wird. Weil sie eben so außergewöhnlich ist. Außer, so scheint es zumindest, für ihn selbst. Den Wendepunkt in seinem Leben macht Kaesberg an einem Moment in Aachen fest. „Dein Wille geschehe“, heißt es im Vaterunser. „Habe ich das je ernsthaft gebetet?“, habe er sich gefragt. Und die Antwort gefunden. Dass er Priester werden würde, dass das Gottes Plan für sein Leben sei, dass das gut für ihn sei: „Er macht das eben anders, als man denkt.“ Und dass er sich nicht länger innerlich dagegen wehren werde.

Priester, sagt Patrick Kaesberg auch noch, ist kein Beruf, den man sich auswählt. Sondern eine Berufung. „Gott beruft Leute, die erst mal weglaufen.“ Das fing schon bei Mose an, fügt er hinzu. „Ich bin das geworden, weil er das wollte.“ In frommen Häusern schreibt man „ER“. Und damit wäre eigentlich auch wirklich alles gesagt. Wenn da nicht da nicht doch noch die Neugier des Reporters auf diesen Lebensweg bliebe.

Der Fußballer

Also: Patrick Kaesberg ist 1986 in Salzkotten geboren, in Schloss Neuhaus in einer katholischen Familie aufgewachsen, war seit der Erstkommunion Ministrant. „Es stand zu Hause außer Frage, dass man sonntags in die Kirche ging.“ Ebenso, dass ihm als Jugendlichen zeitweise anderes wichtiger war. Und von Kindesbeinen an war dann da auch der Fußball: „Seit ich vier war.“ Bei der F-Jugend der DJK Mastbruch ließen sie ihn mit den Sechsjährigen mitspielen. In der C-Jugend wechselte er nach Paderborn, „das war für mich vor der Haustür.“ Und er war gut. Ministrant war der Oberstufenschüler nun im Dom zu Paderborn, sonntagsabends. Das vertrug sich mit den Sonntagsspielen der B- und A-Jugend.

Auf „Transfermarkt.de“ sind die weiteren Stationen des linken Verteidigers festgehalten: Die Bielefelder U 19, der Dellbrücker SC, Darmstadt 98 in der Regionalliga Süd und in Aachen, mit der zweiten Mannschaft der Alemannia in der Oberliga Nordrhein. 147 Einsätze, 10.060 Spielminuten, davon vier Mal in Siegen. Sein letzter Verein war die Germania Windeck – der Mäzen ermöglichte dem Spieler das Studium an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Da war Patrick Kaesberg schon auf dem Absprung vom Profi-Fußball. „Ich habe gemerkt, dass mich das nicht glücklich macht.“

Der Student

Er zieht das durch, bis zum Bachelor. Auch wegen der Praktika, die mit dem Betriebswirtschaftsstudium verbunden sind. Die Sportmarketing-Agentur seines Bruders in Köln? „Das ist seins, nicht meins.“ Die Jugendgeschäftsstelle in Leverkusen? Teldafax? Caritas? Entwicklungshilfe, wie er sie auch in einem Kinderdorf in Guatemala kennenlernte? Im Sommer 2011, als er fertig studierter Betriebswirt war, „da habe ich angefangen zu sagen, dass ich Theologie studieren möchte und Priester werde.“ Fünf Jahre Studium an der Theologischen Fakultät Paderborn, zwei Jahre Pastoraldienst, das zweite als Diakon in Dortmund, dann die Priesterweihe. Gewundert habe das viele nicht, am wenigsten die Freunde aus seiner Schulzeit.

Der Priester

Und, wie ist das jetzt so in der Kirche? Patrick Kaesberg erzählt über seinen Alltag. Er spendet Sakramente, hält Messen, ist Seelsorger, wird sich – „das ist klassisch, dass die Vikare das übernehmen“ – um die Jugendarbeit kümmern: „Es gibt viele, die deutlich spüren lassen, dass sie auf der Suche sind“, sagt Kaesberg, „das Evangelium wird immer attraktiv sein.“ Der neue Vikar steht früh auf, liest viel, das Wissenschaftliche eher morgens, die leichte Kost am Abend, Biografien zum Beispiel. „Schon was Theologisches“, sagt er, das richtige Leben sei nun einmal spannender als Romane. Kein Fernsehen. Musik? „Ich kann mittlerweile singen.“ Das gehört zum Werkzeug des Priesters. „Ein Instrument kann ich leider nicht spielen, ich hatte halt immer den Fußball im Kopf.“

Die Antwort auf die Frage nach dem Feierabend kann man sich denken. Ein Priester ist immer Priester, auch wenn er Freizeit hat. „Der Montag ist der Pastorensonntag“, erklärt Patrick Kaesberg. Spätestens am Sonntag ab 17 Uhr ist Zeit, Familie und Freunde zu besuchen. Und zwischendurch in der Woche für ein paar Runden um die Obernau. Mit der ersten Mannschaft des SV Netphen will er jetzt auch mal trainieren. „Aus Spaß an der Freude“, sagt er, „ich bin immer noch ein sportlicher Typ.“ Die Zeit reicht auch, um die Menschen kennenzulernen. „Das Vorurteil, dass der Siegerländer verschlossen sei, hat sich nicht bestätigt.“

Zu sprechen wäre noch über Streitfragen, die mit seiner Kirche zusammenhängen. Den Streit hält Patrick Kaesberg gut aus, über Widerspruch berichten schließlich schon die Evangelisten. Der Zölibat? Patrick Kaesberg steht dazu: „Es ist die Lebensform Jesu, er ist und bleibt Vorbild.“ Dass der Zölibat einmal freigestellt wird, würde Patrick Kaesberg nicht überraschen. „Dadurch wird aber auch keiner der Leute, die nicht an Gott glauben, auf einmal sonntags zur Kirche gehen.“ Dass Frauen Priesterinnen werden? „In Deutschland denkt man, dass unsere Sicht die Sicht der ganzen Welt wäre.“ Soll heißen: In der katholischen Welt spricht wenig für eine Änderung. „Die Begründung ist theologisch.“ Zweifel hat Kaesberg an der Debatte in Deutschland: „Es geht um Macht.“ Aber wird die denn in der Kirche nicht ausgeübt? „Es geht nicht um Macht, sondern um Dienst. Wenn ich Macht wollte, hätte ich einen anderen Beruf ergriffen.“ Einen in der Welt, von der er sich verabschiedet hat: „Transfermarkt.de“ hat den Marktwert von Patrick Kaesberg von 50.000 Euro auf Null herabgesetzt

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