Prozess

Nach Rad-Unfall in Kreuztal: Angeklagter macht Richter sauer

Im Amtsgericht ist Richter Stark wütend.

Im Amtsgericht ist Richter Stark wütend.

Foto: Hendrik Schulz

Kreuztal/Siegen.   Schädel-Hirn-Trauma nach Zusammenstoß: Mann aus Dortmund bestreitet Verantwortlichkeit vehement. Jetzt wird ein Gutachten angefordert.

Am frühen Morgen des 2. September 2017 kam es in Kreuztal auf der Hagener Straße zu einem Unfall. Ein Transporter kollidierte mit einem Fahrradfahrer, der Mann stürzte und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Am Dienstag muss sich der Fahrer des Transporters wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Siegener Amtsgericht einfinden.

Das zweite Mal schon. Beim ersten Versuch hat der türkische Staatsbürger Verständnisprobleme moniert und diesmal eine Dolmetscherin bekommen. Trotzdem bleibt die Kommunikation schwierig. Amtsrichter Uwe Stark geht nach Aktenlage von einem Geständnis aus. Der 44-Jährige tut ihm den Gefallen aber nicht. Er sei diese Strecke damals zwei Monate lang täglich hin und her gefahren, berichtet der in Dortmund lebende Angeklagte, habe sie also sehr gut gekannt. Wenn in der Anklage stehe, dass er versehentlich die Spur gewechselt habe, stimme das nicht. „Das ist Ihre Meinung“, lässt er dem Richter durch die Dolmetscherin sagen. Er habe den Radfahrer erstmals aus einer Entfernung von gut 150 Metern gesehen, mit flackerndem Licht und außerdem unsicherer Fahrweise, „er hat geschwankt“. Irgendwann sei er ganz aus seinem Blick entschwunden, dann sei plötzlich der Spiegel des Transporters abgerissen. Beim Zurückschauen habe er den Verletzten noch auf dem Rad gesehen, „dann fuhr er an den Rand und kippte um“.

Angeklagter spekuliert ausgiebig

Der Angeklagte erzählt weiter, die Unfallstelle gesichert und dann einen anderen Verkehrsteilnehmer gebeten zu haben, Hilfe zu holen. „Ich kann kein Blut sehen und konnte daher nichts tun“, entschuldigt er sich, selbst keine Rettungsmaßnahmen ergriffen zu haben. Trotz mehrfacher Nachfrage kann sich der Angeklagte den Vorfall nicht erklären und beharrt darauf, selbst die Spur gehalten zu haben. Der Spiegel sei aber wohl durch die Kollision mit Kopf oder Arm des Verletzten abgerissen. Vielleicht sei der Radfahrer „durch meine Scheinwerfer geblendet“ gewesen, überlegt der Mann, wird aber vom Richter kraftvoll darauf verwiesen, hier keine Spekulationen anzustellen. Überhaupt wird Stark immer lauter, was den Angeklagten zunehmend irritiert. „Warum machen Sie mich hier so klein und sind so laut“, will er wissen. Was den Vorsitzenden noch mehr erregt.

Nebenklagevertreter Dr. Christian Kotz fragt, ob der Angeklagte es nicht merkwürdig finde, dass sein Spiegel auf dem Bürgersteig gefunden wurde und die meisten Splitter auf der Fahrbahn des Verunglückten gelegen hätten. Dass sei doch nicht ungewöhnlich mit den Splittern, findet der Dortmunder. Die fielen immer in Richtung des Verletzten. Der Spiegel sei vielleicht von jemandem dorthin gelegt worden, überlegt er und sorgt für weiteren Unmut beim Richter.

Kotz verweist danach auf die Vernehmung des Angeklagten, der bei der Polizei gesagt habe, möglicherweise sei er kurz eingeschlafen, habe kaum Erinnerungen an den Unfall. Das stimme nicht, wehrt der Angeklagte ab. Er habe den Beamten klar gesagt, er wolle nicht antworten, die hätten aber versucht, ihn in gewisse Richtungen zu leiten. Er stehe auch nicht das erste Mal vor Gericht, fügt er an, was beim Fahrradfahrer und dessen Anwalt sofort zu wissenden Blicken führt.

Richter ist richtig sauer

Jetzt ist Stark richtig sauer. Ein Angeklagter könne lügen oder schweigen. Wenn er aber einem Polizisten unterstelle, falsche Aussagen protokolliert zu haben, sei das der Vorwurf einer Straftat. „Da werden Grenzen überschritten“, poltert der Richter, weist aber zurück, dem Angeklagten damit zugleich eine Lüge vorzuwerfen. Was dieser so empfunden hatte.

Richter Stark ordnet ein Gutachten zum Unfallhergang an, folgt dabei der Anregung des Nebenklagevertreters, welches Büro beauftragt werden sollte und setzt das Verfahren aus. „Von mir aus können wir das hier 30 mal verhandeln“, ruft er.

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