Geschichte

Müsen erinnert an Brandkatastrophe vor 125 Jahren

oto aus dem Sommer 1893: Links steht der ausgebrannte Kirchturm , rechts die Ruine des Gasthofs Stahlberg. Der Wiederaufbau geht schnell. Schon im September stehen die ersten neuen Häuser. Foto:Archiv Dorfgemeinschaft Müsen

oto aus dem Sommer 1893: Links steht der ausgebrannte Kirchturm , rechts die Ruine des Gasthofs Stahlberg. Der Wiederaufbau geht schnell. Schon im September stehen die ersten neuen Häuser. Foto:Archiv Dorfgemeinschaft Müsen

Müsen.   Feuerwehr ruft am Samstag zu historischer Löschübung auf. Historikerin schreibt ein Buch über die Brände in Müsen und Hilchenbach.

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Am 20. Juni 1893 ist die Müsener Dorfmitte abgebrannt: Zuerst hatte das Stroh auf dem Dach der Bäckerei Schneider Feuer gefangen — der Funke kam aus dem Schornstein. Die Müsener Feuerwehr erinnert an diesem Wochenende an den 125. Jahrestag der Katastrophe, bei der vier Menschen verletzt und 347 Einwohner obdachlos wurden.

Verena Hof-Freudenberg hat untersucht, was an diesem Dienstagnachmittag vor 125 Jahren geschehen ist, wie die Menschen damit umgegangen ist und welche Folgen der Großbrand bis in die Gegenwart hatte. Ihr Buch „Feuersbrunst, Flammenmeer und rauchende Trümmerhaufen“ erscheint in dieser Woche.

Die Katastrophe

Vier Menschen werden schwer, viele weitere leicht verletzt. Der Schmied von nebenan, der das Feuer löschen will und dabei vom Dach fällt. Ein Nachbar, der von herabstürzenden Giebelteilen getroffen wird. Zwei Jugendliche, die ihrer kranken Mutter aus dem Haus helfen und dabei selbst Verbrennungen erleiden. Kinder werden im Stift Keppel versorgt, später von Müsenern aufgenommen, die das Feuer verschont hatte.

Gegen 14 Uhr war das Feuer ausgebrochen, erst gegen 19 Uhr ist es unter Kontrolle. Die Feuerwehren haben nur Handpumpen, die Bäche führen in dieser Trockenzeit wenig Wasser. Schweine, Ziegen und Hühner verbrennen. Die Erwachsenen verbringen die erste Nacht im Freien. 51 Wohnhäuser sind zerstört. Die Schule nimmt ihren Betrieb nach sechs Wochen wieder auf. Die Kirche, aus deren Turm das Geläut heruntergefallen ist, ist völlig zerstört.

Der Gottesdienst

Fünf Tage später, zum Gottesdienst im Freien, ist Müsen voller Menschen. Die Historikerin verwendet den Begriff „Katastrophentourismus“ für eine Mischung aus Schaulust und Anteilnahme: „Die Kollekte soll eine erhebliche Summe eingebracht haben.“ An improvisierten Bretterbuden wird Bier ausgeschenkt, während auswärtige Bauhandwerker ihre Dienste für den Wiederaufbau anbieten — so aktiv, dass die Müsener gewarnt werden, „sich den Verdienst nicht wegschnappen zu lassen“.

Die finanziellen Folgen

Als es in Hilchenbach und später in Müsen brennt, besteht für Hausbesitzer längst die Pflicht, Versicherungen abschließen. Aber auch in Müsen werden Häuser, um Prämien zu sparen, unter Wert, Möbel und anderes Inventar gar nicht versichert. Auf 272 272Mark wird der Gesamtschaden geschätzt, 141 480 Mark erstatten die Versicherungen, exakt 30 128,74 Mark bringen „Liebesgaben“ ein. Von letzteren werden 350 Mark für Bettzeug für abgebrannte Familien und 207 Mark für Bibeln und Gesangbücher für jede Familie abgezweigt. Ungedeckt bleibt ein Schaden von 71 156,32 Mark, umgerechnet nach heutiger Kaufkraft dürften das fast 470 000 Euro sein. Gemessen am Einkommen hat jede der 47 betroffenen Familien 18 Monatsgehälter verloren. „Kamen die Familien zuvor mit ihrem Einkommen im Alltag zurecht ohne viel ansparen zu können, war diese Schadenssumme für die Familien kaum zu bewältigen.“

Müsener Bergleute verdienen schlecht. Aber sie kommen in den Genuss der internationalen Solidarität ihrer Kollegen. Aus dem ganzen Deutschen Reich, aus Österreich und den Niederlanden treffen Spenden ein. Unternehmen unterstützen die Abgebrannten, die Glockengießerei aus Sinn schenkt den Müsenern Ersatz für die drei geschmolzenen Glocken. Die Spendenaufrufe sind nachdrücklich, mit dem Hinweis auf selbst einmal geleistete Unterstützung „auf den ersten Blick fast erpresserisch“, wie Verena Hof-Freudenberg feststellt. Dass die Namen der Spender in der Zeitung dokumentiert werden, hat mindestens zwei Funktionen: Niemand soll es sich leisten können, in den Listen nicht aufzutauchen. Und jeder soll sicher sein, dass seine Spende auch angekommen und nicht von Betrügern kassiert worden ist.

Nachwirkungen

Beim Wiederaufbau werden Grundstücke getauscht, Nachbarn einigen sich — und dieses stille Einverständnis hält über Generationen. Erst 1995 werden auf Betreiben des Katasteramtes die letzten Grundbucheinträge berichtigt.

Anekdoten werden überliefert, so von der Prophezeiung einer Zigeunerin in den 1820er Jahren: Die „Hässe Schür“ überstand den Dorfbrand — so, wie es die Frau vorausgesagt hatte, als sie dem Wirt des Stahlbergs dafür dankte, dass ihre Familie in der Scheune übernachten durfte.

Vor jedes Haus in der Ortsmitte pflanzen die Müsener zwei Linden zur Erinnerung.

Löschübung mit Eimerkette für alle

1993, zum 100. Jahrestag, wird der Brand im Rahmen eines Fests zum ersten Mal nachgestellt — so wie an diesem Wochenende auch zur 125. Wiederkehr des Kastastrophentages: Bei „Meddeln“, das ist der Hausname der Bäckerei, von der 1893 die Katastrophe ausging, beginnt am Samstag, 23. Juni, 14 Uhr die historische Löschübung. Benachbarte Feuerwehren mit alten Gerätschaften haben sich angesagt, die Müsener und die Dahlbrucher Wehren kommen mit Handdruckspritzen, die Bürger helfen mit Eimerketten. „Ein Teil der Eimer konnte schon gekauft werden“, berichtet Matthias Lau, Leiter des Löschzugs Müsen, der das Fest gemeinsam mit dem Förderverein organisiert. Den anderen Teil gibt es an Ort und Stelle — an fehlendem Material soll dieser Einsatz nicht scheitern.

Auf der Bühne stehen am Samstagabend ab 19 Uhr „Alles Andi außer Peter“ und „Zum Horst“, außerdem wird WM-Fußball gezeigt. Sonntag findet um 10 Uhr ein Feuerwehr-Gottesdienst in der Kirche statt, um 11 Uhr folgt draußen auf der Bühne ein Frühschoppenkonzert mit Musikverein und Tambourcorps. Für Kinder gibt es eine Spielstraße und eine Hüpfburg, für alle Suppe aus der neuen Feldküche und Kuchen, eine Ausstellung erinnert an das Geschehen im Juni 1893.

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