Schauspiel

„Mit Entsetzen wach’ ich auf“

Der Abend bei der Biennale läuft anders als erwartet. Doch dem Publikum gefällt es. Philipp Mosetter, die Figur Mephisto und Michael Quast (von links) unterhalten die Besucher. Der Beifall des Publikums bringt das Zelt zum Beben.

Der Abend bei der Biennale läuft anders als erwartet. Doch dem Publikum gefällt es. Philipp Mosetter, die Figur Mephisto und Michael Quast (von links) unterhalten die Besucher. Der Beifall des Publikums bringt das Zelt zum Beben.

Foto: Wolfgang Leipold

Siegen.   Zwei Ausnahmekünstler präsentieren im Siegener Apollo-Zelt ihre Version von Goethes Faust – mit freundlicher Hilfe eines Taxifahrers

Semi der kölsch-türkische Taxifahrer wird zu einer Hauptfigur des Abends. Völlig unfreiwillig. Aber ohne seine Fahrkünste hätte der Faust-Abend im Apollo-Zelt einen anderen Verlauf genommen.

Philipp Mosetter, einer der beiden Schauspieler, war nämlich von Wien kommend viel zu spät in Köln gelandet und stand nun am Flughafen. Zu einer Zeit, als der Faust-Abend im ausverkauften Zelt eigentlich hätte beginnen sollen. Guter Rat ist einfach, wenn der andere Schauspieler Michael Quast heißt. Der schafft es locker, die Fahrzeit des rasenden Semi mit der wertvollen Mosetter-Fracht an Bord zu überbrücken, mit Apollo-Chef Magnus Reitschuster einen erhellend-erheiternden Goethe-Dialog zu führen und die Besucher per Handy live an der Fahrt über die A 4 teilhaben zu lassen („Jetzt kommen wir gerade zum Olper Kreuz“). Dass das Publikum auch Prognosen über die Ankunftszeit in Siegen abgeben darf, wobei dem Sieger zwei Freikarten winken, setzt der Quast-Reitschuster’schen Improvisationskunst die Krone auf. Sieger übrigens Dr. Henrich Schleifenbaum, der auf 50 Minuten Fahrzeit getippt hatte, die Freikarten aber weiterverschenkt. Und als Semi um kurz vor 9 Herrn Mosetter im Zelt abliefert, wird er bejubelt wie Sebastian Vettel nach seiner ersten Weltmeisterschaft. Eine Dramaturgie, die sich auch ein Meister der Realsatire nicht besser hätte ausdenken können.

Zum Schreien komisch

Und das Vorspiel für einen grandiosen Theaterabend mit Goethes Hauptwerk „Faust“, an dem der Meister fast 50 Jahre geschrieben und das er zu seinen Lebzeiten nie auf der Bühne hatte erleben können. Wenn er es denn so erlebt hätte, wie es Philipp Mosetter und Michael Quast auf die Bühne zauberten? Der stets unglückliche Goethe („Ich habe im ganzen Leben höchstens zwei Wochen Behagen gehabt“) hätte sich entweder vor Lachen in die Hose gemacht, wäre aber eher vor Entsetzen in seinen Frankfurter Weinkeller am Großen Hirschgraben geflohen. Das Publikum tat Ersteres. Denn Mosetter und Quast interpretieren zum Schreien komisch und intelligent die bekanntesten Faust-Szenen. Natürlich den Osterspaziergang, in dem Dialektkünstler Michael Quast in knapp 20 Rollen schlüpft, Auerbachs Keller in Leipzig (Hier wird Quast Sachse) und auch die Walpurgis-Nacht mit dem berühmten: Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock. Mosetter: „Daraus hat sich eine Wissenschaft entwickelt: Die der Flatologen.“ Aber auch die erotischen Fantasien des Meisters bekommen einen gebührenden Platz: „Seid reinlich bei Tage und säuisch bei Nacht.“ Wobei Goethe erst sehr spät die Scheu vor körperlicher Nähe zu Frauen abgelegt hatte. Bei einer Begegnung mit der jungen Wirtstochter Faustina in Rom.

Voller praller Spielfreude

Natürlich wird auch immer wieder der unerschöpfliche Faust’sche Zitatenschatz gehoben: „Heinrich, mit graut vor dir“, „Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis“ oder „Mit Entsetzen wach ich morgens auf“ (Quast: „Man könnte diese Zeile Andrea Nahles widmen.“) Michael Quast wird dabei im Verlauf des Abends mal zum Dampfschiff, zu Vögeln im Sturm, Frosch, Katze und Kater, Affen, Opfer von Schnakenangriffen. Voller praller Spielfreude und unvergleichlicher Mimik. Mal Gegenspieler, mal Partner seines Kollegen, der völlig anders daherkommt: abgeklärt, intellektuell, mit einem Hang zur Besserwisserei. Auf Philipp Mosetters „Gretchen hat den Blues“ wird Quast zur Bluesband: Gitarre, Schlagzeug, Bass, alles mit Händen und Mund. Der Beifall des Publikums bringt das Zelt zum Beben. Zumal Michael Quast im Verlauf des Abends auch die Mail-Botschaft verkünden konnte: Semi ist wieder zurück in Köln.

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