Vor 62 Jahren

Milde Strafen für die Synagogen-Brandstifter

Die brennende Siegener Synagoge am Obergrabenam 10. November 1938.

Die brennende Siegener Synagoge am Obergrabenam 10. November 1938.

Foto: Aktives Museum Südwestfalen, Siegen

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Siegen. Es vergingen neun Jahre, elf Monate und zwölf Tage, bis die Täter zur Rechenschaft gezogen werden konnten.

Aber drei für die Brandstiftung in der Siegener Synagoge noch verantwortlich gemachte Angeklagten kamen nach zweitägiger Verhandlung vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts mit kurzen Haftstrafen davon. Nur einer von ihnen musste Ende 1951 für ein paar Monate ins Gefängnis.

Am 10. November 1938 — am Tag nach der „Reichskristallnacht“, die den Auftakt zu den Judenpogromen bildete – waren Angehörige der „SS“ zwischen 11.30 und 12 Uhr in das jüdische Gebetshaus am Obergraben eingedrungen, hatten die Einrichtung verwüstet und anschließend mit Hilfe von Benzin in Brand gesetzt. Zeitgenössische Aufnahmen zeigen die Schaulustigen, wie sie die aus dem erst einige Dutzend Jahre zuvor entstandenen Gebäude hervorquellenden Flammen und Rauchwolken betrachten. Die Feuerwehr kümmerte sich um den Schutz für die Nachbarhäuser. Von der Synagoge blieb nur eine Ruine stehen.

Heute vor 62 Jahren wurde sechs Überlebenden des Nazi-Rollkommandos endlich der Prozess gemacht: Am 21. und 22. Oktober 1948 trat das Schwurgericht unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Zelle zusammen: Hauptangeklagter war der inzwischen 61-jährige ehemalige Lehrer Heinrich Lumpe, ein SS-Hauptsturmführer aus Nordhessen, den die Verbrecherorganisation in Hitlers Diensten kurz zuvor ins Siegerland versetzt hatte. Seine Hauptmittäter waren der Geisweider Walter Schleifenbaum und der in Siegen wohnhafte Hermann Winter aus Waldbröl. Mitangeklagt waren drei weitere mutmaßliche Täter, die aber ohne Verurteilung davonkamen.

Die Lokalausgabe der seit 1946 auch im Siegerland erscheinenden Westfälischen Rundschau bezeichnete in ihrem Bericht über den Prozess die Brandstifter als „Willfährige Werkzeuge teuflischer Kräfte“. Das entsprach der damals gängigen Deutung des so genannten „Dritten Reiches“. An deren Spitze standen die Täter, weiter unten gab es nur Mitläufer und Befehlsempfänger.

Der in Siegen tätige Historiker Dr. Kurt Schilde wird in einer Vortragsveranstaltung des Siegener Stadtarchivs am Donnerstag um 19.30 Uhr im KrönchenCenter in der Oberstadt versuchen, diese Sicht zu korrigieren: Denn die neuere Geschichtsforschung bestätigt, dass große Teile der Bevölkerung sich der Komplizenschaft mit den Nazis schuldig machten.

Zum Zeitpunkt des Prozesses war der Krieg gerade drei Jahre vorbei. Städte wie Siegen waren noch immer gezeichnet von den Bombenschlägen der Alliierten. In diesem Umfeld mussten sich die Angeklagten verantworten, die sich nur als kleine Rädchen im Getriebe der Nazi-Maschinerie darzustellen versuchten.

Hauptangeklagter Heinrich Lumpe gab sogar an, er habe nicht gewusst, dass Siegen eine Synagoge hatte. Ein Unterscharführer der SS hätte das damalige Kommando zusammengestellt. Wie so oft: Als „Scharfmacher“ mussten längst Verstorbene herhalten – wie der „schwarze“ Heinrich Schmidt, der bei Kriegsende nicht mehr lebte. Auch andere nachweislich Mitschuldige am Synagogenbrand waren zum Zeitpunkt des Prozesses bereits tot.

In dem zweitägigen Verfahren gaben die Angeklagten Walter Schleifenbaum und Hermann Winter an, dass sie selbst gar nicht die Absicht gehabt hätten, die Synagoge niederzubrennen. Schleifenbaum sei es nur darum gegangen, „in der Synagoge Kleinholz zu machen“. Als das Feuer gelegt wurde, habe er sich entfernt. Winter will nur zufällig zur Synagoge gegangen sein. Doch Zeugenaussagen belegten das Gegenteil: Am selben Tag habe er sich in einem Lokal damit gebrüstet, selbst das Fass mit Benzin in das Gebetshaus geschleudert zu haben.

Die Schwurgerichtskammer ließ die drei Nazi-Täter mit der Mindeststrafe davonkommen: Heinrich Lumpe erhielt ein Jahr und zwei Monate, die beiden anderen je ein Jahr Zuchthaus. Hermann Winter wurde zugute gehalten, dass er herzkrank aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. Er war der einzige, der eine Gefängniszelle von innen kennen lernte. Lumpe musste ersatzweise eine Geldstrafe von 150 Mark zahlen.

Strafmildernd angerechnet wurde Lumpe vom Schwurgericht, dass er „das törichte Werkzeug anderer Kräfte“ gewesen sei. Dr. Schilde hat dies untersucht: Demnach machte Lumpe geltend, ihm sei von seinem Kasseler SS-Standartenführer Florstedt befohlen worden sei, „dass in Siegen sofort Maßnahmen gegen die Juden beginnen müssten“. Florstedt verlangte, dass die Synagoge in Brand zu stecken sei. Lumpe will dies abgelehnt haben, da er die Verantwortung nicht übernehmen könne. Er habe erst nachgegeben, als Florstedt die Verantwortung ganz allein auf sich genommen habe.

Das Gericht akzeptierte wohl Lumpes Verteidigungsargumentation, ohne die seinerzeit schon möglichen Recherchen vorzunehmen und etwa die Befehlskette zu rekonstruieren, auf die er sich berufen hatte. Dr. Kurt Schilde: „Wie in zahlreichen anderen Strafprozessen gegen die Pogromtäter belastete der Hauptangeklagte einen Toten: Er beauftragte Wünsch (einen Untergebenen, d.Red.) damit, die Polizei und die Feuerwehr in Kenntnis zu setzen sowie zuverlässige SS-Männer für die Brandstiftung zusammenzuholen. Er selbst zog zu Hause Zivilkleidung an, wie für sämtliche Teilnehmer der Aktion befohlen worden war.“ Zehn bis zwölf „stadtbekannte SS-Männer“ führten die Tat aus. Ihre Namen allerdings sind 72 Jahre später nicht mehr vollständig zu ermitteln.

Dr. Schilde ist auf Grund seiner Forschungen sicher: Tatsächlich leitete der damalige SS-Hauptsturmführer Lumpe als Ranghöchster die „zusammengetrommelte Männerhorde“.

Er muss es gewesen sein, der vorangegangen ist und es es damit den brandschatzenden SS-Männern leichter machte, die eigene Verantwortlichkeit zu verdrängen. Nur er kann als Vorgesetzter seinen Untergebenen die Befehle gegeben haben. Möglicherweise habe er auch eine Ansprache gehalten. Denn natürlich hatten die Nazis einen Grund für alle Schandtaten erfunden: „Gerechtfertigt wurden die Ausschreitungen mit dem tödlichen Attentat auf den Legationssekretär Ernst vom Rath in Paris.“

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