Lesung

Literatur an der Theke: Bitte in Weidenau noch eine Runde!

 

 

Foto: Wolfgang Leipold

Weidenau.   „Der Goldene Schuß“ veranstaltet Lesungen an ungewöhnlichen Orten. Veranstaltung diesmal im Vortex.

„Für alle, die in der Gosse zu Hause sind.“ So werben die literaturbegeisterten Siegerländer, die Thekenlesung im Vortex zu besuchen. Und setzen sich damit bewusst ab von all den Lesungen, ohne die kein Kulturfestival der Gegenwart mehr auszukommen meint.

Unterhaltsam und satirisch

Geschniegelte Anzugträger, Damen in Stöckelschuhen und mit den neuesten Duftkreationen findet man an diesem Ostersamstagabend nicht. Dafür freundliche junge Leute, die lachen, sich gegenseitig auf die Schippe nehmen und denen es egal ist, dass gut eine halbe Stunde nach geplantem Beginn immer noch nicht alle eingetroffen sind, die sich als Lesende angekündigt haben.

„Die werden schon kommen“, sagt Lisa Neumann. Sie gehörte zu denen, die sich im Dezember 2017 in einem verrauchten Wohnzimmer getroffen haben. „Wir sind der Bodensatz des Turbokapitalismus und verstehen unsere Texte auch politisch.“ Vor allem aber unterhaltsam, satirisch und mit einer satten Portion Trash. Viermal im Jahr bringen sie im raubdruck-Verlag ein Heft voller Literatur heraus. Benannt nach „Der Goldene Schuß“, der Kölner Szenekneipe im Belgischen Viertel. 40 Seiten stark und reich illustriert. Jedes Heft wird durch eine Lesung an unüblichen Orten gefeiert. Diesmal an der Theke des Vortex.

Literarisches Menü

Lisa Neumann macht den Anfang. Sie hat Mediengestaltung gelernt, zuletzt in Spielhallen gejobbt. „Schreiben ist ein teures Hobby“, weiß sie. Sie stellt in ihrem Text die Philosophie des Literaten-Teams vor.

Tom Farnschläder ist der nächste. Der 23-jährige ehemalige Finanzbeamte hat seinen Job „geschmissen“, ist Student der Sozialwissenschaften und Schreibender: „Schreiben ist das Ventil für schlechte Tage“, sagt er, der als „Vorsuppe“ des literarischen Menüs den „Größten Künstler unserer Zeit, Til Schweiger“, ankündigt.

Doch vieles scheint sich um Martin Stoffel zu drehen. Er ist mit 53 Jahren der älteste im Team. „Schreiben ist mein Metier“, sagt er, „ich schreibe alles, nur nicht langweilig“, vor allem Theatertexte und kurze Prosa: „Der Mann mit der Kohle“, womit er einen Zeichner meint, der mit Kohlestiften arbeitet, und „Meine rechte Freundin“, mit einem 88-Tattoo am Hinterkopf, die von ihm verlangt, sich eine Frisur wie Alexander Gauland machen zu lassen. Seine Freunde dürfen von der Dame nichts wissen, denn Stoffel selbst ist in der Antifa.

Der ungewöhnliche Abend muss natürlich auch ungewöhnlich enden: Es wird geravt, bis es hell wird.

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