Kühlhaus

Letztes gemeinschaftliches Gefrierhaus steht in Beienbach

So sieht es im Inneren aus: Auf der rechten Seite befindet sich die begehbare Gefriereinheit.

So sieht es im Inneren aus: Auf der rechten Seite befindet sich die begehbare Gefriereinheit.

Foto: Jennifer Wirth

Beienbach.  Gefriergemeinschaft aus Beienbach betreibt das einzige gemeinschaftliche Kühlhaus der Region. Auch Bücher und Pflanzen wurden schon eingefroren.

Unscheinbar sieht es aus, das einzige noch betriebene und gemeinschaftlich geführte Gefrierhaus der Region. An einer Straßenecke steht das kleine Gebäude mit dem spitzen Dach. Ein hölzernes Schild an der Fassade verrät, was sich im Inneren verbirgt: ein Kühlhaus, das es bereits seit 1960 gibt. Damals wie heute ist es begehrt: Auch 2019 sind alle Fächer vermietet – und die Beienbacher sind stolz darauf.

Das Kühlhaus

45 Quadratmeter groß ist das Häuschen in der Ortsmitte, umgeben von der dorfeigenen Mühle und dem Backes. Es hat eine Tür und zwei kleine Fenster. In seinem Inneren befinden sich die begehbare Kühleinheit und eine raumlange Anrichte aus Edelstahl – ausgestattet mit einer Waage, Schneidinstrumenten und einer Spüle. Zudem gibt es einen kleinen kühlbaren Nebenraum, in dem Jäger früher ihre frisch gefangenen Tiere aufhängen konnten.

Die Geschichte

1960 wird das Kühlhaus auf dem kleinen Grundstück gebaut. Einige Menschen aus dem Dorf schließen sich dafür zusammen – sie bilden eine lose Genossenschaft und führen das Kühlhaus bis 1994. Denn private Kühltruhen sind zu teuer und verbrauchen mehr Strom.

Damals gibt es eine Anlage von Mammut mit 27 Gefrierfächern sowie einem Vorfroster mit zwei Fächern. Sie steht wie ein großer Klotz mit 15 Fächern pro Seite im Raum. Jeder Mieter kann sein Fach von außen öffnen. „Das war aber unwirtschaftlich“, sagt Stephan Küthe heute. Er ist der Vereinsvorsitzende der Beienbacher Gefriergemeinschaft, die sich mittlerweile um das Kühlhaus kümmert und es betreibt. Jedes Fach, so Küthe, habe eine sogenannte Rahmenheizung gebraucht, damit sich die Türen öffnen ließen. Der Stromverbrauch war hoch – eine neue Anlage musste her.

1970 beteiligen sich bereits 23 Mitglieder.

1994 wird die Gefriergemeinschaft Beienbach als Verein gegründet, damit das Grundstück nach dem Tod des Eigentümers auf eine Rechtsperson überschrieben werden kann.

1998 entschließt sich der Verein, einen Brot- und Kartoffeltag auf die Beine zu stellen, um Geld für die Umbaumaßnahme am Kühlhaus zu sammeln. Bis heute feiert das Dorf die Feste, für die Kühlhaus, Backes und Mühle genutzt werden, regelmäßig.

1999 ist es so weit: Der alte Block wird abgerissen und eine moderne, begehbare Anlage eingebaut. Alles in Eigenregie. Eine große Aufgabe für ein kleines Dorf wie Beienbach. Doch der Zusammenhalt ist da, viele Helfer packen an. Die Maßnahme wird im Mai beschlossen und ist im Juni fertiggestellt. 16.300 DM kostet das damals. Nun ist die Gefrierzelle begehbar: Mieter öffnen die schwere Tür, treten ein und spüren direkt die Kälte – zwischen minus 19 und maximal minus 21 Grad. Der Verein hat Holzregale eingebaut; es gibt 30 Fächer plus Ablageecken für größere Gegenstände. Vorher hatte jedes Fach ein Fassungsvolumen von rund 230 Litern. Nun sind es 280.

2016 bekommt der Verein den Status der Gemeinnützigkeit. In diesem Jahr wird zudem das Kühlaggregat, das mehr als ein halbes Jahrhundert im Einsatz gewesen ist, erneuert.

Die Gemeinschaft

„Der Genossenschafts-Gedanke ist wichtig“, sagt der Vereinsvorsitzende. Er ist von Anfang an dabei und koordiniert die Gemeinschaft. Er selbst hat natürlich auch ein eigenes Fach. „Wir kaufen in der Regel ein Achtel Rind beim Landwirt ein“, sagt Stephan Küthe. Zu Hause habe er zwar auch eine Gefriertruhe, doch so große Mengen Fleisch lassen sich im Kühlhaus besser lagern. Aber auch selbstgepflückte Beeren, Kräuter und Brote finden sich in den Fächern. Aktuell sind 35 Menschen in der Gefriergemeinschaft – darunter drei Jäger und drei Landwirte. Der Großteil der Menschen kommt aus Beienbach. „Es gibt zwei oder drei Leute, die haben zu Hause keine eigene Truhe mehr“, sagt Küthe. Sie wohnen fußläufig entfernt. Und auch „Fremde“, aus Netphen, hätten einige Fächer gemietet, sagt Stephan Küthe. Vom Studenten bis zum Rentner sei alles dabei.

Der Nutzen

„Wenn man 28 bis 35 Kilogramm Fleisch einfrieren will, dann geht die Truhe zu Hause in die Knie“, sagt Küthe. Zudem müsse man bedenken, dass bei so großen Mengen jene Lebensmittel, die bereits gefroren sind, wieder auftauen würden. Die Mehrheit nutze deshalb die Kühlfächer als Puffer. Man spare Strom, habe mehr Platz und eine bessere Übersicht.

Einmal, erinnert sich Küthe, habe ein Archivar aus dem Rheinland nach einem Wasserschaden Bücher eingelagert. Das Schockfrosten habe die Werke konserviert und vor Schimmel geschützt, bis eine Spezialfirma sie bearbeiten konnte. Auch die Biologische Station habe schon getrocknete Pflanzen eingelagert. Man ist eben offen für alles.

Die Pläne

Stephan Küthe ist froh, dass das traditionelle Kühlhaus erhalten geblieben ist – und das soll es auch weiterhin. „Wir sind froh, wenn wir das so weitermachen können“, sagt er.

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