Atelier-Serie

Künstlerin Annette Besgen: „Reisen gehört zu meiner Kunst“

Annette Besgen im Kreuztaler Bahnhof: Ihre Bilder sind großformatig.

Annette Besgen im Kreuztaler Bahnhof: Ihre Bilder sind großformatig.

Foto: Wolfgang Leipold

Kreuztal.  Annette Besgen ist weltweit unterwegs. Ihre künstlerische Heimat aber hat sie im Kreuztaler Bahnhof gefunden. Ein Blick in ihr Atelier.

Offen, lichtdurchflutet, hell. An den Wänden großformatige Bilder. Einige davon aus der Serie, die 2015 nach Venedig-Besuchen entstand. Auf einem Tisch ein riesiges Arsenal Pinsel, alle nach Größe geordnet, unzählige Tuben Künstlerfarbe. Das ist das Atelier von Annette Besgen im Kreuztaler Bahnhof. „Ich kann kein künstliches Chaos vorgaukeln“, sagt sie, „äußere Ordnung ist beruhigend für mich. Die Welt der Kunst ist aufregend genug.“

Arbeiten auf der Leiter

Besgen geht früh ins Atelier, oft schon um 8 Uhr. Sie braucht für ihre Arbeit Tageslicht, die Nordseite des Ateliers ist gut dafür. „Wir haben uns nie gestritten, wer welche Räume nimmt.“ Mit „wir“ meint sie Ulrich Langenbach, der seinen Arbeitsplatz sozusagen „Tür an Tür mit Annette“ hat. Sie schwärmt: „Das fast quadratische Atelier umfängt mich, gibt mir Geborgenheit.“

Annette Besgen braucht keine Staffelei, sie arbeitet an der großen Wand, oft auf einer Leiter stehend. Man sieht die waagerechten und senkrechten Farbspuren auf der weißen Fläche, zumal sie oft auch auf den Rand malt. Angenehmer Nebeneffekt für sie und ihre Kunden: Die Bilder müssen nicht gerahmt werden.

Von meditativem Tun geprägt

Besgen ist in einem Forsthaus in der nördlichen Eifel in der Nähe der Rurtalsperre aufgewachsen. Streng katholisch. Sie erinnert sich an die abgeschiedene Stille abseits aller Dörfer. „Oft habe ich einfach nur gesessen, um zu schauen und festzuhalten. Dieses meditative Tun hat mich geprägt. Ich pflückte Pflanzen ab und war bei den Marienaltären für die Blumen zuständig.“

In der Schule belegte sie den Kunst-Leistungskurs mit dem Ziel Kunstakademie. Ihre Eltern intervenierten aber, Besgen studierte Englisch und Kunst. So kam sie an die Uni nach Siegen, das sie damals noch nicht kannte. Bei der Wahl des Studienortes war es nur „Viertwunsch“. Nach Aachen, Paderborn und Wuppertal. Sie legte ihr erstes Examen ab – um dann doch auf Kunst zu setzen, ohne einen blassen Schimmer von den Marktmechanismen der Kunstwelt.

Lange Zeit nichts verdient

Zehn Jahre verdiente sie mit ihren Bildern überhaupt nichts, hielt sich mit Kursen an Jugendkunstschulen finanziell über Wasser. Und manchmal musste sie putzen gehen. Die Wende kam 1995: Annette Besgen erhielt ein Kunst-Stipendium in Paris und fand ihre erste Galerie, die ihre Bilder ausstellte.

Besgens Arbeitsstil hat drei Schritte: Sie sieht ein Motiv, fotografiert es und bringt es mit Farben und Pinseln auf die Leinwand. Ein Realismus, der auf Fotografie basiert. Aber kein Fotorealismus: „Mit meinen Bildern verlasse ich die Fotografie.“ Wie bei ihrer Serie „Iberico“, in der sie scheinbar unspektakuläre Ansichten von Straßen, Plätzen, Häusern, Zäunen oder auch Impressionen von einem alten Friedhof in Lissabon durch Licht-Schatten-Effekte spektakulär veredelt.

Besonders beeindruckend sind ihre Arbeiten aus dem Jahr 2015: Sie besuchte die Biennale in Venedig, entdeckte in einer alten Werkshalle drei Wasserbecken, in denen sich alles Umliegende spiegelte. „Ich war aufgeregt wie ein Jäger, der einen kapitalen Hirsch sieht“, sagt sie, „meine Flinte war die Kamera.“ In Kreuztal entwickelte sie frei nach den Venedig-Fotos die über 40-teilige Bacino-Serie in kleinen bis wandfüllenden Formaten.

Verliebt in die USA

Immer wieder zieht es Annette Besgen in die USA. „Reisen gehört zu meiner Kunst wie Farbe und Pinsel“, sagt sie. Zwei Stipendien in New York, eins in Omaha ließen sie Land und Leute kennenlernen. Motive im Stadtteil Queens inspirierten sie zur Serie „Unter Brücken“.

Aktueller sind ihre Arbeiten, in denen sie die Art Deco-Architektur und die außergewöhnlichen Graffiti in Miamis Stadtteil Wynwood abbildet. Bei einem Tagesausflug zu Hemingways Haus auf Key West war sie durch die spiegelnde, türkisblaue Wasseroberfläche des Gartenpools so fasziniert, dass sie ihre Bacini-Serie fortsetzen konnte. Ihr Atelier in Berlin, das sie seit 2011 neben dem Kreuztaler Standort betrieb, hat sie inzwischen aufgegeben. „Berlin ist nicht aufgegangen. Das Pendeln hin und her und auch die Stadt kostete viel Kraft.“ Aber angesagte Künstler wie sie haben viele Galeristen. Da spielt es keine Rolle, wo sie wohnt und arbeitet. „Es tut mir gut, hier zu sein“, sagt sie zufrieden.

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