AWO

Keine heile Welt am Heckersberg

Baugebiet Reichspfad Dreis-Tiefenbach

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Foto: WR

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Netphen-Dreis-Tiefenbach.Dorothea Happel, Leiterin des AWO-Familienzentrums auf dem Heckersberg, leitete ihren Vortrag vorsichtig ein: „Wir sind ein bisschen anders.“ Die Daten, die sie im Sozialausschuss präsentierte, zeichneten tatsächlich ein Bild von einer alles andere als heilen Welt.

41 der 45 Kinder, die die beiden Gruppen der Einrichtung besuchen, stammen aus Migrantenfamilien. Etwa die Hälfte von ihnen muss als „arm“ oder „armutsnah“ bezeichnet werden; die Familien beziehen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder Arbeitslosengeld II („Hartz 4“). 15 Kinder können den städtischen Zuschuss für das Mittagessen in Anspruch nehmen, der aus dem Netphener Familienfonds stammt – „eine ganz tolle Sache“, lobt Dorothea Happel. Für das Mittagessen von vier weiteren Kindern kommt das Jugendamt auf.

Sprachförderung für
Mehrzahl der Kinder

13 Kindern wurde nach der Sprachstandserhebung „Delfin 4“, die zwei Jahre vor der Einschulung ansteht, besonderer Förderbedarf zuerkannt. „Eine lächerlich niedrige Zahl“, findet Dorothea Happel. Tatsächlich sei zumindest der Wiederholungstest „so leicht, dass alle durchkommen“. Noch nicht einmal Kinder, die sich bereits in logopädischer Behandlung befinden, seien bei dem nach zentralen Vorgaben von Grundschullehrern vorgenommenen Tests aufgefallen. Konsequenz für den Heckersberg: 31 Kinder bekommen intensive Sprachförderung; Kosten werden allerdings nur für 13 erstattet.

Dorothea Happel machte deutlich, dass ihr Team (sechs Erzieherinnen, davon drei in Vollzeit, und zwei Teilzeit-Ergänzungskräfte) längst an der Grenze der Belastbarkeit arbeitet. Mit der Einführung des Kinderbildungsgesetzes („Kibiz“) verlor der Kindergarten fast eine ganze Fachkraftstelle; der Krankenstand steigt. 28 Kinder besuchen den Kindergarten ganztags, 17 für 35 Stunden in der Woche. Die einst klassische Halbtagsbetreuung (25 Stunden) wurde auf dem Heckersberg von den Eltern überhaupt nicht gebucht.

Kapazitäten für eine Ausweitung der Ganztagsbetreuung hat die Tagesstätte, die einmal als Drei-Gruppen-Anlage eröffnet wurde, nicht: „Mehr geht ohne Anbau nicht“, sagt Dorothea Happel. Das ist auch der Grund, warum derzeit nur zwei Kinder unter drei Jahren betreut werden: Vorrang hat der Rechtsanspruch für die Kinder über drei Jahren, von denen im vergangenen Jahr zehn abgewiesen werden mussten.

Gewalt spielt eine Rolle
im Wohngebiet

Beratung, Sprachförderung, Gesundheitsförderung und Gewaltprävention sind inhaltliche Schwerpunkte des Familienzentrums, das mit dem im vorigen Jahr in der Siedlung eröffneten Caritas-Projektbüro zusammenarbeitet sowie mit der ebenfalls in Dreis-Tiefenbach von der Stadt eingerichteten Erstberatungsstelle Kompass.

Lichtblick für die Arbeit des Familienzentrums ist die soeben erfolgte Aufnahme in ein Modellprojekt „Sprache und Integration“ des Bundesfamilienministeriums, das für die nächsten dreieinhalb Jahre den Einsatz einer zusätzlichen pädagogischen Fachkraft ermöglicht.

Dunkler Fleck ist die Gewalt – „die gibt es überall“, betont Dorothea Happel, „aber in 200-Quadratmeter-Einfamilienhäusern kriegen das die Nachbarn nicht unbedingt mit.“ Auf dem Heckersberg wohnt man enger beieinander. Zehn Kinder der Tageseinrichtung sind von Gewalt betroffen, die Eltern gegeneinander oder gegen ihre Kinder richten. Bei Gefährdung des Kindeswohls gibt es kein Pardon. Aber auch da, wo der Regionale Sozialdienst noch nicht eingeschaltet wird, „lassen wir die Eltern wissen, dass wir sie im Fokus haben“, sagt Dorothea Happel.

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