Gedenken

Jugendliche verlegen den 100. Stolperstein in Siegen

Der 100. Stolperstein in Siegen ist für Wilhelm Reuter

Der 100. Stolperstein in Siegen ist für Wilhelm Reuter

Foto: Michael Kunz / Michael Kunz, Siegen

Siegen.  Die THW Jugend verlegt den 100. Siegener Stolperstein in Siegen: Gedenken an Wilhelm Reuter († 1941). Der Schlosser wurde von Nazis misshandelt.

„Damit liegt der Stolperstein für Wilhelm Reuter“, sagt Ralf Schumann als Vertreter des Stadtjugendrings. Die Frau neben ihm strahlt vor Freude. „Vielen, vielen Dank“, entgegnet sie. Angelika Pott kommt aus Stuttgart, ist in Siegen aufgewachsen und die Enkelin des Mannes, zu dessen Erinnerung nun der 100. Stolperstein in Siegen verlegt worden ist. Ein zwiespältiges „Jubiläum“, weil es einerseits das Gedenken an 100 Opfer des Nationalsozialismus fördert, aber jeder Stein zugleich für einen gewaltsam ums Leben gekommenen Menschen steht.

Arbeit der Jugend anerkennen

Warum gerade Wilhelm Reuter Anlass für den Stein Nummer 100 geworden ist? „Wir wollten damit die Arbeit der Jugendlichen anerkennen“, erklärt Traute Fries und deutet auf die Jungen und Mädchen in Uniform, die kurz darauf den Pflasterstein mit der Gedenktafel vor dem Eingang zum Haus Von-Gericke-Straße Nr. 7 am Rosterberg einsetzen. Die THW Jugend Siegen hat das Schicksal Wilhelm Reuters erarbeitet und den Stein verlegt. Das war Ralf Schumann sehr wichtig. Der Künstler und Projektinitiator Gunter Demnig sei im August in Siegen gewesen, um neue Steine einzusetzen, „da war dieser eigentlich auch vorgesehen“. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Jugendlichen aber eine Freizeit in Thüringen verbracht, wo sie unter anderem das Konzentrationslager Buchenwald besuchten und in Rudolstadt ebenfalls Stolpersteine betrachteten. Um die Gruppe nach getaner Vorarbeit auch am Schlussakt teilnehmen zu lassen, „wurde dieser Stein zurückgelegt“.

Gegner des NS-Regimes

Einiges von dem, was er bei dem Projekt erfuhr, „hat mich schon echt schockiert“, gesteht Richard Langemeyer (14). Er und einige andere kratzen unter Anleitung von Ralf Schumann die Pflasterlücke aus, füllen Sand, Mörtel, Wasser ein. Dann wird der neue Stein mit dem Metallkopf festgeklopft, der ab jetzt an den Tod des Sozialdemokraten Wilhelm Reuters erinnern soll.

Ihr Großvater sei ein charakterstarker Mann gewesen, ein Gegner des NS-Regimes, der stets seine Meinung gesagt habe, gibt Angelika Pott weiter, was sie selbst einst von ihrer Mutter erfuhr. Einzelheiten seines Schicksals haben die Jugendlichen bei ihren Ausflügen ins Stadtarchiv nicht erfahren. Was bekannt ist: Der 1883 in Bürbach geborene Schlosser sei aufgrund einer politischen Intrige und falscher Beschuldigungen am Arbeitsplatz unschuldig verhaftet und in Polizeihaft im Siegener Rathaus „sehr gequält und verletzt“ worden. Wilhelm Reuter, bis dahin im Eisenbahnausbesserungswerk tätig, kam danach ins Stadtkrankenhaus, aus dem er Wochen später als Pflegefall nach Hause entlassen wurde. Kurze Zeit später sei er im August 1941 in seiner Wohnung in der damaligen Gutenbergstraße an den Folgen verstorben.

Hinweis von Heimatforscher

Traute Fries wurde auf Reuters Schicksal durch einen Hinweis des Heimatforschers Frieder Fenster aufmerksam, der mit der Witwe des Getöteten verwandt war. Die Ehefrau „hat die Verantwortlichen gekannt“, erzählt Fries, habe die Namen aber nicht nennen wollen. Sie sei am 8. April 1945 durch einen Bombenangriff auf Siegen ums Leben gekommen „und hat die Namen mit ins Grab genommen“. Erklären kann die Vertreterin des Vereins Aktives Museum Südwestfalen hingegen, warum die damalige Gutenbergstraße heute Von-Gericke-Straße heißt. Das sei eine Folge der Kommunalreform 1975 gewesen. In Siegen-Sohlbach habe damals bereits eine Gutenbergstraße mit „älteren Rechten“ bestanden. Hinweise oder gar Zeitzeugen fanden sich in der Straße nicht, obgleich die Häuser die Gleichen sind. „Nur etwas aufgepimpt“, sagt Ralf Schumann. Auch ehemalige Arbeitskollegen mit Erinnerungen fanden sich nicht.

Aus dem Mehrfamilienhaus ist nur eine einzige aktuelle Bewohnerin Teil der Versammlung, die den Einbau des Stolpersteins vornimmt. Ansonsten öffnet sich nicht einmal die Haustür, alle Fenster bleiben zu. Umso dankbarer ist die Enkelin aus Stuttgart. Sie sei „im Januar oder Februar“ von Traute Fries kontaktiert worden und habe sich über die Idee einer Ehrung sofort sehr gefreut. Angelika Pott (70) und ihre vier Jahre ältere Schwester Doris Höfler, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reisen kann, haben den Stein für den unvergessenen Großvater gestiftet.

Die Arbeit in Sachen Stolperstein geht indessen unbeirrt weiter. Traute Fries forscht gerade nach dem Schicksal einer jungen Frau, die ermordet wurde. Vor allem die Behinderten stünden jetzt auf der Agenda, sagt Ralf Schumann. Auch hinsichtlich der in Siegen gestorbenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten gebe es noch viel zu tun.

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