Jugendbegegnung

In Stift Keppel entsteht deutsch-israelisches Tanztheater

Tanzpädagogin Britta Papp erklärt den Jugendlichen ihre Choreographie.

Tanzpädagogin Britta Papp erklärt den Jugendlichen ihre Choreographie.

Foto: Michael Kunz

Allenbach.  Jugendliche aus Siegen-Wittgensteins Partnerkreis Emek Hefer und dem Siegerland proben in Hilchenbacher Gymnasium für das Projekt „Interspace“.

In der Aula des Stift Keppel wird getanzt. Tanzpädagogin Britta Papp erarbeitet mit einem Teil der Jugendlichen eine Choreographie, Lars Dettmer ist für das Theater zuständig. Aus praktischen und aus Platzgründen wurden die beiden Gruppen zusammengelegt, während die Musiker in zwei weiteren Räumen getrennt arbeiten.

Bis zum 18. Oktober soll es erste Ergebnisse geben, erste Resultate für das, was im Frühjahr 2020 auf der Bühne vor Publikum präsentiert wird: „Interspace“ ist die Überschrift eines ganz speziellen Musik-Tanz-Theater-Projekts, an dem 17 Jugendliche aus dem Siegerland und ebenso viele aus einer Schule in Israel teilnehmen.

Siebte deutsch-israelische Jugendbegegnung in diesem Jahr

Die Teenager im Alter von 15 und 16 Jahren aus dem Partnerkreis Emek Hefer waren eine gute Woche im Stift Keppel aktiv, um die Grundlagen dafür auf den Weg zu bringen. „Interspace“ ist bereits die siebte deutsch-israelische Jugendbegegnung im Kreis Siegen-Wittgenstein in diesem Jahr.

„Gut 200 junge Menschen aus beiden Ländern sind sich begegnet und haben Freundschaft geschlossen“, können die Verantwortlichen des Kreisjugendrings vermelden, bei dem Barbara Friedrich mit einer halben Stelle dieses Thema betreut. Werden in diesen Tagen nach dem Terrorangriff in Halle/Saale besondere Sicherheitsmaßnahmen nötig?

Polizei fährt regelmäßig Kontrolle ums Schulgebäude

Vorankündigungen gebe es aus Sicherheitsgründen nie, verrät Friedrich. Aber der Anschlag sorge zusätzlich für regelmäßige Kontrollfahrten der Polizei. Tatsächlich ist immer einmal wieder ein blaues Fahrzeug zu sehen, das rund um das Schulgebäude auf Streife ist. Auf die Stimmung der Teilnehmer wirkt sich das aber nicht spürbar aus. Die Jugendlichen gehen ungezwungen miteinander um, fröhlich, herzlich, arbeiten die Ideen aus, die sie vorher in Workshops entwickelt haben.

In den Schulräumen und auch draußen vor dem Rockmobil, das ebenfalls eine Musikgruppe beherbergt, herrscht völlig gelöste Stimmung. „Ich weiß nicht, ob die Jugendlichen von sich aus über Politik oder solche Dinge sprechen“, sagt Iris Shavit, eine der drei israelischen Lehrerinnen.

Zum ersten Mal im Siegerland

Sie hat gerade noch fleißig in der Tanzgruppe mitgemacht, trotz der 68 Jahre, die sie just an diesem Tag vollendet hat. Nach ihrem Eindruck reden die Teilnehmer vor allem über Dinge, die Jugendliche in diesem Alter eben so interessieren, überall auf der Welt. „Sie sind sich so ähnlich“, sagt die Pädagogin mit einem herzlichen Lächeln und zugleich ein wenig verwundert.

Iris Shavit ist zum ersten Mal im Siegerland, war vor gut 20 Jahren einmal selbst als Tänzerin in Köln. In Deutschland habe sich seither viel verändert, findet die Lehrerin, die ihren Jugendlichen vor der Reise eingebläut hat, sich ordentlich und gesittet zu benehmen, wenn sie ihre deutschen Gastgeber treffen. Die seien aber inzwischen genauso, „wie wir Israelis, laut und undiszipliniert“, lacht Shavit und sieht allein in dieser Tatsache ein enormes Zeichen von Hoffnung für Deutsche und Israelis. Sie hat ein Video gemacht, als die Gruppe vor ein paar Tagen aus dem Flugzeug stieg. Die Siegerländer hätten alle zusammen gestanden und gewartet.

Eindrücke aus der Region fließen in Stück ein

„Die kannten sich bis dahin nur von WhatsApp und haben sich trotzdem alle sofort gefunden“, erzählt sie begeistert, berichtet vom Besuch im Siegener Aktiven Museum, wo gemeinsam ein Gedicht gelesen wurde, wo alle Kerzen angezündet haben. Davon hat sie ein Foto an die Schule zu Hause geschickt. „Du gibst uns Hoffnung“, haben die Kollegen dort geantwortet. Natürlich habe es auch Gespräche über den Vorfall in Halle gegeben. Aber Extremisten, die gebe es eben überall. „Auch bei uns in Israel so viele“, sagt Iris Shavit.

Neben dem Besuch im Museum hat es noch einen in Hadamar gegeben. Im Siegener Dunkelcafé waren die Teilnehmer auch. All diese Eindrücke sollen in das Bühnenprojekt einfließen, in den Workshops in künstlerischen Ausdruck umgesetzt werden. Bis Freitag arbeiten die Jugendlichen gemeinsam in Dahlbruch, dann fliegen die Gäste wieder in die Heimat zurück.

Auftritte in Frankfurt und Chemnitz geplant

Für die Osterferien 2020 ist der Gegenbesuch geplant. Die Musiker werden ihre Ideen bis dahin regelmäßig über eine Internetplattform austauschen und voranbringen. Tänzer und Schauspieler arbeiten in dieser Zeit weitgehend getrennt, tauschen sich aber natürlich auch hin und wieder aus. Lars Dettmer werde eine Dramaturgie erarbeiten, „ich muss meine Ideen dort anpassen“, ist Iris Shavit schon sehr gespannt, ob alles dann problemlos zusammenläuft im Frühjahr.

Sollen dann doch nach kurzer Zeit schon drei Aufführungen und Diskussionsrunden in Israel folgen, worauf die ganze Truppe dann wieder nach Deutschland kommt, für Auftritte im Gebrüder-Busch-Theater und unter anderem in Frankfurt. Auch nach Chemnitz wollen sie noch, sagt Barbara Friedrich.

Keine kritischen Stimmen in Israel zum Projekt

Zurück zu Iris Shavit. Gab es auch kritische Stimmen in der israelischen Heimat, vor dem Projekt? „Ich habe keine gehört“, verneint die Lehrerin. Nur mit ihrem Mann habe sie ordentlich gestritten, lacht sie. „Was willst Du da, da sind immer noch Nazis“, habe der gesagt, bei ihr aber kein Glück gehabt: „Dabei ist er nicht mal ein Holocaust-Opfer!“ Ihr Vater hingegen, der sei ein Überlebender gewesen. Aus Ungarn.

„Siehst Du, es hat sich etwas geändert, möchte ich ihm gern zurufen“, sagt Iris Shavit und nickt mit leuchtenden Augen. Dann kehrt sie in die Aula zurück, wo die Proben mittlerweile weitergegangen sind. Arm in Arm mit Barbara Friedrich. Die Polizei, da draußen, vor der Tür, die gehört in diesem Augenblick in eine ganz andere Welt, die ganz weit weg ist von diesen Menschen, die so normal und vertraut miteinander umgehen, als gebe es die Geschichte und die anhaltende Ignoranz mancher Leute überhaupt nicht.

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