Schöne neue Arbeitswelt

Homeoffice: „Nie war das Lob vom Chef so wichtig wie heute“

Homeoffice - was vor der Corona-Pandemie in vielen Betrieben nicht selbstverständlich war, hat sich jetzt etabliert.

Homeoffice - was vor der Corona-Pandemie in vielen Betrieben nicht selbstverständlich war, hat sich jetzt etabliert.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Siegen.  In der Corona-Pandemie hat sich das Homeoffice etabliert. Die Befürchtungen, so Arbeitspsychologe Andreas Kastenmüller, haben sich nicht erfüllt.

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt verändert. Neue Formen wie Homeoffice werden Stück für Stück ausgebaut, ist sich Prof. Andreas Kastenmüller vom Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Siegen sicher. Das Interview passt auch in diese schöne neue Arbeitswelt: Es wurde per Videokonferenz geführt.

Waren Unternehmen und Betriebe im vergangenen März auf Homeoffice vorbereitet?

Andreas Kastenmüller: Das kann man so nicht sagen. Vor dem Lockdown wurde es kaum genutzt. Viele Manager zogen nur widerwillig die Möglichkeiten in Betracht, die die Digitalisierung hier bietet. Vielleicht befürchteten sie den Verlust von Kontrolle, vielleicht hatten sie misstrauisch die Sorge, dass Mitarbeiter die Daumen drehen.

Haben sich die Befürchtungen bewahrheitet?

Nein. Großunternehmen werden stärker auf Homeoffice setzen. Siemens hat dies schon angekündigt. Manche Mittelständler, meist familiengeführt, brauchen noch etwas Zeit. Es herrscht Skepsis, wenn man mit den Möglichkeiten der Digitalisierung nicht so vertraut ist. Man verbaut sich einiges, wenn man hier zu vorsichtig ist.

Was sind die Herausforderungen?

Die größte Herausforderung ist die Führung der Mitarbeiter, die nicht mehr immer im Büro sind. Die Führungskraft verliert das Gefühl von Kontrolle. Aber je weniger sie ihrem Mitarbeiter auf die Finger schauen kann, umso mehr muss sie sich auf andere Dinge fokussieren. Ergebnisse zum Beispiel. Das kann sehr effektiv sein.

Aber kann nicht die räumliche Distanz eine emotionale Entfremdung zum Arbeitgeber hervorrufen?

Natürlich. Es besteht die Gefahr, dass sich Mitarbeiter nicht mehr so der Firma verbunden fühlen wie vorher – was mehr Fluktuation zur Folge haben kann. Die Menschen bekommen im Homeoffice weniger Feedback. Das ist so, weil man sich weniger sieht. Die kreativen Gespräche zwischen Tür und Angel, am Kaffeeautomaten gehen verloren. Es ist bekannt, dass wichtige Entscheidungen oft auf dem Flur getroffen werden.

Virtuelle Kommunikation kann nicht die Gespräche von Angesicht zu Angesicht ersetzen, oder?

Nicht in dieser Intensität. Stimmungen werden viel besser aufgenommen , wenn sie unmittelbar durch Mimik und Körperhaltung erlebbar sind. Und: Bei Video-Konferenzen können eher Missverständnisse entstehen. Dennoch wird die virtuelle Kommunikation nach Corona in der Arbeitswelt weiter ausgebaut.

Wie schafft man es, Mitarbeiter bei Laune zu halten und so etwas wie Teamgeist und Identifikation mit dem Betrieb aufzubauen?

Das geht nur, wenn Mitarbeiter Vertrauen spüren. Der Sorge, in der „schönen neuen Arbeitswelt“ auf der Strecke zu bleiben, kann nur durch regelmäßige Kommunikation und Interaktion begegnet werden. Es muss sichergestellt sein, dass der Informationsfluss alle Mitarbeiter erreicht. Seien es Zukunftsplanungen oder aktuelle Konzepte. Und: Nie war das Lob vom Chef so wichtig wie heute. Was besser denn je beim Mitarbeiter ankommt: die banale Frage „Wie geht es Ihnen?“ Chefs müssen Interesse an ihren Mitarbeitern zeigen.

Hat jeder Chef die Fähigkeit zur Kommunikation und Interaktion?

Das ist das Problem. Viele Jahre war es geübte Praxis in Firmen, dass Führungspositionen nach fachlicher Kompetenz besetzt wurden. Doch die emotionale Kompetenz hat immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die rasante digitale Entwicklung führt bei vielen zu Stress und Verunsicherung. Mitarbeiter brauchen positive Gefühle, um gute Leistungen zu bringen und ehrliches Feedback zu geben. Sie müssen erfahren, dass die Werte der Führungskraft mit ihren eigenen übereinstimmen. Druck aufzubauen, ist nicht mehr zeitgemäß – dann ziehen sich die Menschen zurück. Ein Chef muss durch Charisma und Visionen motivieren. Das ist nicht jedem gegeben, deshalb muss er intensiv geschult werden.

Wie kommt man an die Kollegen, die daheim fast vereinsamen?

Soziale Isolation wird durch Homeoffice verstärkt. Bislang war es so, dass diejenigen, die alleine leben, zumindest auf der Arbeit Menschen treffen konnten. Abgrenzung und Einsamkeit nehmen in der modernen Arbeitswelt ohnehin zu, durch die Corona-Pandemie wird die Entwicklung beschleunigt. Einsamkeit ist genauso gesundheitsgefährdend wie das Rauchen. Es wird sich rächen, wenn Firmen jetzt nicht die Weichen für mehr psychologische Beratungen stellen.

Welche Folgen hat es, wenn Firmen wegen des Homeoffices Büroräume verkleinern wollen?

Natürlich werden Zahlenmenschen auf den Plan gerufen: Man könnte doch Mietkosten sparen. Aber man darf nie die individuelle Situation außer Acht lassen. Beispiel: Mehrere Kollegen teilen sich nun einen Schreibtisch oder wechseln ständig ihren Platz. Dem einen macht das nichts aus, weil er ohnehin nicht mehr jeden Tag da ist. Der andere denkt, dass ihm Elementares weggenommen wurde. Er könnte in die innere Kündigung entschwinden. Man muss in Gesprächen herausfinden, was jedem einzelnen Mitarbeiter wichtig ist.

Im Homeoffice verschmelzen Arbeitsort und Wohnung. Wie verhindert man, dass Mitarbeiter nicht mehr abschalten können?

Firmen und Betriebsräte müssen Regelungen zur Erreichbarkeit finden. Mitarbeiter, die sich verpflichtet fühlen, sich den ausufernden Arbeitszeiten der Chefs anzuschließen, müssen geschützt werden. Sie haben ein Recht auf Feierabend.

Wie sollte in Zukunft der Anteil von Homeoffice und Präsenzzeiten im Büro aussehen?

Es sollte ein ausgewogenes Verhältnis sein. Aber: Ich hielte es für falsch, wenn Unternehmen einheitlich festlegen, wie viele Tage jeder Mitarbeiter in der Woche daheim und in der Firma arbeitet. Es gibt keinen Durchschnitts-Arbeitnehmer: Der eine braucht für sein Wohlbefinden einen festen Arbeitsplatz, wo er hinfahren kann. Der andere ist daheim effektiver.

Wie wirkt sich die Digitalisierung weiter auf die Arbeitswelt aus?

Es ist ein Riesenumbruch, der weitere neue Arbeitsformen hervorbringen wird, die wir heute noch nicht vor Augen haben. Weil sich die Arbeitswelt so schnell verändert und Tätigkeitsbereiche wegfallen, werden die Menschen häufiger ihren Arbeitsplatz wechseln.

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