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Heidi Mahler im Busch-Theater Dahlbruch:Der Abschied beginnt

Heidi Mahler

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Foto: Michael Kunz

Dahlbruch.  „Ein Mann mit Charakter“ soll die letzte Neu-Inszenierung eines Ohnsorg-Klassikers mit Heidi Mahler werden. Tourauftakt war in Hilchenbach.

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„Tschüüüs“ ruft Heidi Mahler zum Schluss in die Menge, die gar nicht mehr aufhören möchte mit Klatschen und Rufen. Gerade ist im Gebrüder-Busch-Theater Dahlbruch der Tourauftakt von „Ein Mann mit Charakter“ zu Ende gegangen. Die Neu-Inszenierung eines vielgespielten Ohnsorg-Klassikers soll die letzte von Heidi Mahler werden, die bei der Hamburger Premiere im August schon reichlich Lorbeeren erntete und zudem Ehrenmitglied des ehrwürdigen Theaterbetriebes geworden ist.

Völlig überraschend sei das gekommen, „und eine große Ehre“, sagt die Schauspielerin (75). Für die Rolle der resoluten Großmutter Dora, die nachhaltig beiträgt, die komplizierten Verhältnisse in der Bäckerfamilie Hintzpeter zu entwirren, muss sie sich als 80-Jährige schminken lassen, die fest entschlossen ist, mindestens 100 zu werden. Weil dann ein Senator zum Gratulieren kommen muss!

Mutter Heidi Kabel bis 84 auf der Bühne

War das ein länger geplanter Abschied? „Ein bisschen schon“, sagt sie leise mit der unverwechselbaren Stimme. „Ich habe auch noch andere Dinge in meinem Leben“ – ihre Mutter Heidi Kabel stand bis 84 auf der Bühne, mit 92 noch einmal vor der Kamera. „Nein, das muss nicht sein“, verneint Mahler.

„Wie die Heidi Kabel“, ist gleich beim ersten Auftritt zu hören. „Freuen Sie sich auf Nostalgie pur“, wird die Tournee auf der Internetseite des Theaters angekündigt, genau das wird dem Publikum geboten, einschließlich klassischem Bühnenbild. Nach einem englischen Boulevard-Stück im Vorjahr bringt Regisseur Michael Koch diesmal ein krachendes Lustspiel bester Tradition auf die Bretter, nahezu Wort für Wort so, wie Ohnsorg-Freunde es etwa aus der TV-Aufzeichnung von 1979 kennen.

Ohnsorg zieht Jung und Alt ins Theater

In dieser Zeit hat Koch das Stück auch angesiedelt, in dem der lange totgeglaubte älteste Sohn Fritz seine Rückkehr aus Amerika ankündigt, anlässlich des runden Geburtstages der Mutter. Der hatte damals seine Braut schwanger sitzen lassen, die dann von Bruder Heinrich geheiratet wurde. Inzwischen sind beide wieder geschieden, Tochter Gisela weiß angeblich nichts über ihre wahren Wurzeln und wohnt beim pompösen Papa, der sich für den titelgebenden „Charakterkopf“ hält, vor allem aber ein echter Sturschädel ist.

Dann gibt es da den Steuerbeamten Düwel, der in Gisela verschossen ist, den drögen Gesellen Kröpelin, der die Tochter des Chefs ehelichen will und den vorwitzigen Bäckerjungen Peter. Beste Voraussetzungen für viele Probleme auf der Bühne und reichlich Gelächter im Publikum, das auch in Dahlbruch dem spielfreudigen Ensemble die Arbeit leicht macht. Dabei sind es nicht nur die „Alten“, die es an diesem Abend ins Theater gezogen hat. „Ist das nicht herrlich“, findet Heidi Mahler, dass die Klassiker noch geeignet sind, verschiedene Generationen zu begeistern.

Heidi Mahler genießt die Rolle der Matriarchin

Volkstheater zu spielen ist ihr sehr wichtig. Es gehe nicht immer darum, allein die Jungen anzusprechen, „die Älteren, das ist auch unser Publikum. Und die Jungen freuen sich dann, wenn sie mal in das Alter kommen.“ Mit vielen Aspekten des neueren Theaters kann sie sich nicht mehr anfreunden. „Da läuft Blut die Wände herunter, die Schauspieler stehen im Wasser“, schüttelt sie den Kopf und ist fasziniert, dass die Engländer da ganz anders arbeiteten. In dieser Hinsicht muss sie sich über die Inszenierung von ihrem Ehemann Michael Koch nicht beschweren. Was besonders rührend wird, wenn der als Fritz Hintzpeter seinen ersten Auftritt hat und von seiner „Mutter“ sentimental als „alter Rumtreiber, Du“ begrüßt wird.

1979 war Heidi Mahler noch an der Seite ihres ‚Traumpartners’ Jürgen Pooch in jenen Rollen zu sehen, in denen heute Eileen Weidel und Christian Richard Bauer überzeugen. Heidi Kabel war damals die alte Mutter. Mahler hat über die Jahre schon mehrere Rollen im Stück übernommen und genießt jetzt die der Patriarchin. Ist es schwer, sich vom Schatten der Mutter zu lösen? „Darauf achte ich gar nicht. Für mich ist es wichtig, die Rolle so zu spielen, wie ich es fühle“, betont Heidi Mahler, die immer noch gern die alten Aufzeichnungen anschaut. Das mache ihr Freude, „und das ist ja schon so weit weg!“

Doch noch auf Tournee mit Tratsch im Treppenhaus?

Über Till Huster als Bäcker und Marina Zimmermann als geschiedenes Ehepaar haben die Zuschauer auch keinen Grund, sich zu beschweren. Lara-Maria Wichels gibt als vorlauter Bäckerjunge Peter alles. Besonderen Applaus holt sich Stefan Leonard ab, der seinen Kröpelin mit herrlichem ostpreußischem Akzent ausstattet, der zudem noch einen kleinen Insidergag auf ein klassisches Mädchenbuch unterbringen darf. Wobei spätestens an dieser Stelle aber auch endgültig der Versuch misslingt, dass ursprünglich Mitte der 50er Jahre spielende Stück nach 1975 zu verlegen. Von der Musik einmal abgesehen, sind die Anspielungen und Gags unverändert, funktionieren da irgendwie nicht.

Wie auch der Zungenschlag aus dem deutschen Osten eher anachronistisch wirkt. Aber das sind Kleinigkeiten, die niemanden stören werden. Dann ist da noch der interessante moralische Schwenk, der am Ende neu in das Stück gekommen ist. Und Heidi Mahler? War es das jetzt wirklich? Da ist es wieder, dieses stille hanseatische Lächeln. Dieses Stück spielt sie bis 2020 auf Tour und noch mal wieder in Hamburg. Danach will sie 2021 ein letztes Mal mit dem „Tratsch im Treppenhaus“ auf Tournee: „Und weiter will ich noch nicht denken.“

Die aktuelle Inszenierung von „Ein Mann mit Charakter“ ist auch am 3. und 4. Januar im Siegener Apollo zu sehen.

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