Emotionaler Prozess

Freudenberger Messerstecher „mit einem Bein in Gummizelle“

Messerstecherei in Freudenberg: Die Einsatzkräfte waren damals schnell vor Ort.

Messerstecherei in Freudenberg: Die Einsatzkräfte waren damals schnell vor Ort.

Foto: Henning Prill

Siegen/Freudenberg.  „Papa, hau mir in die Fresse, damit ich normal werde“: Vater des Angeklagten berichtet vor Landgericht Siegen von der Drogenkarriere des Sohnes.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Der Vater des Angeklagten ist Handwerker und macht einen pragmatischen Eindruck. Als sein Sohn, dem unter anderem gefährliche Körperverletzung mit einem Messer in Freudenberg vorgeworfen wird, mit 15 Jahren erstmals in den Verdacht geriet, mit Drogen zu tun zu haben, reagierte der 61-Jährige entsprechend. „Ich lehne das komplett ab“, betont er am Freitag als Zeuge vor Gericht.

Da habe es auch nichts zu diskutieren gegeben. Sein Sohn sei bockig geworden. Vor gut fünf Jahren habe er ihn dann vor die Tür gesetzt. Noch lange danach habe er Drogen gefunden, irgendwo versteckt. Die Polizei sei unter anderem in Lautsprecherboxen fündig geworden. „Typische Verstecke“, so der Mann ein wenig hilflos.

„Er hat randaliert, gebrüllt: Papa, hau mir doch mal in die Fresse!“

Was deutlich wird in der Aussage des Vaters: Wirklich aufgegeben hat er seinen Sohn trotz allem nie. Er habe selbst in jungen Jahren Erfahrungen mit Drogen gesammelt, dann einen Schlussstrich gezogen und seine Kinder später auf das Schicksal Bekannter hingewiesen, denen das nicht gelungen sei. Als der Sohn offensichtlich immer stärker mit Alkohol und Drogen in Berührung kam, fuhr er ihn zur Drogenberatung, suchte nach Hilfe. Lange sei aber nie Besserung in Sicht gewesen.

Nach der ersten Einweisung in Weidenau sei der Sohn plötzlich „durch die geschlossene Terrassentür“ bei ihm zu Hause aufgetaucht, mit einem Messer in der Hand. „Er hat randaliert, gebrüllt, ‚Papa, hau mir doch mal in die Fresse, damit ich wieder normal werde!’“, berichtet der Zeuge und beschreibt die gesamte Aktion „als Hilferuf“. Ja, der Angeklagte habe die Wohnung verwüstet und danach noch „mein Auto mit Pflastersteinen demoliert“. Dann sei er aber ruhig gewesen, habe 20 Minuten vor der Tür auf die Polizei gewartet. Als sein Sohn nach einer Messerattacke gegen einen Krankenpfleger „das erste Mal für ein Jahr nach Attendorn musste“, habe das Wachpersonal ebenfalls von ständiger Randale berichtet: „Er war immer mit einem Bein eine Etage tiefer. In der Gummizelle“, fügt der Zeuge an.

Vorwurf: Freundin eines Bekannten gestalkt

Heute sieht der Vater einen beachtlichen Fortschritt, der Sohn verhalte sich freundlich, halte sich bewusst von Mitgefangenen fern, wolle eine Therapie machen. Das sei für ihn der Schlüssel für die Abkehr von den Drogen. Die hätten seinem Sohn zwei Gesichter gegeben: ein freundliches und zuvorkommendes, und ein störrisches, ungehaltenes, voller Aggressivität.

Die zweite Variante hat ein Bekannter des Angeklagten erfahren, der diesen wegen dessen Stalkerverhalten zur Rede stellte. Da ging es um die Freundin des Nebenklägers, den der Angeklagte im Oktober 2018 in Freudenberg des gleichen Themas wegen niederstach. Der 29-jährige Zeuge, der mit allen Beteiligten bekannt war, kennt den mutmaßlichen Täter seit Jahren aus einer Disco, als er noch „ein normaler Junge“ gewesen sei. „Als er aus dem Bau kam, saß er auf einmal bei mir vor der Tür“, berichtet der Mann, der sich zunehmend vom anderen genervt fühlte, weil der sich immer merkwürdiger benommen habe.

„Er hat mir einen Stein über die die Birne gezogen“

Nach der Warnung, die gemeinsame Bekannte, „die seit Jahren in einer festen Beziehung war“, in Ruhe zu lassen, sei er wütend aus der Wohnung gestürmt. „Dann fing es mit Graffiti an meiner Hauswand an“, ärgert sich der Zeuge, der selbst aggressiv wirkt und damit bei Kammer und Anwälten aneckt. „Warum sind Sie denn so, wir wollen Ihnen doch nichts“, wundert sich die Vorsitzende. „Weil ich so bin“, ist die patzige Antwort. Nach der nächsten Aktion sei er dann sauer geworden, habe ihn verfolgt, dafür „hat er mir einen Stein über die Birne gezogen“.

Ob er bedrohlich auf seinen Mandanten gewirkt haben könnte, möchte Verteidiger Lars Brögeler wissen, der sich vorher mit dem Zeugen angelegt hatte, als der ihn als „Rechtsverdreher“ bezeichnete. „Ich wollte wissen, welches Problem er hat, dass er mir Sch…. an die Fassade schmiert“, ereifert sich der Zeuge. Das könne schon drohend gewirkt haben.

Mehr Nachrichten, Fotos und Videos aus dem Siegerland gibt es hier.

Die Lokalredaktion Siegen ist auch bei Facebook.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben