Interview

Forschung: Die Verbindung zwischen Tätowierer und Kunde

Erst wenn Kunde und Tätowierer sich näher kennen, einen Draht zueinander finden, ihre Ideen kompatibel sind, geht es ans Stechen des Tattoos.

Erst wenn Kunde und Tätowierer sich näher kennen, einen Draht zueinander finden, ihre Ideen kompatibel sind, geht es ans Stechen des Tattoos.

Foto: Lars Heidrich

Siegen.   Studentin Sarah Hermann hat an der Uni Siegen zum Thema geforscht. Was über allem stehe, sei das unbedingte Vertrauen des Kunden.

Bilder schief gegangener Tätowierungen gibt es im Netz viele. Einem Tätowierer die eigene Haut anzuvertrauen, zeugt von einer besonderen Beziehung zwischen Kunde und Dienstleister. Sarah Hermann hat die Facetten dieser Partnerschaft auf Zeit während ihres Studiums an der Uni Siegen erforscht.

Gab es persönliche Gründe, sich mit dem Thema zu beschäftigen?

Zu Beginn meiner Forschungstätigkeit hatte ich keine Tätowierung. Ich ging ich davon aus, Tätowierungen würden auch heute der Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft und der Zugehörigkeit zu einer speziellen Subkultur dienen. Also den Zweck erfüllen, den Träger zu identifizieren. Zum Beispiel als gesellschaftlichen Außenseiter, der abseits gesellschaftlicher Normen seinen Körper nach individuellen Vorstellungen modifiziert und sich dadurch abgrenzt. Für mich persönlich war die von mir unterstellte Motivation nicht nachzuempfinden. Schon deshalb, weil eine Tätowierung unauslöschlich auf dem Körper bleibt. Trends hingegen kommen und gehen. Das hat mein Interesse geweckt, mehr über diese spezielle Form der Körperpraktik zu erfahren.

Wie sind Sie das Thema angegangen, gerade im Hinblick auf Forschungsgrundlagen?

Zunächst habe ich mich der europäischen Kulturgeschichte der Tätowierung gewidmet. Das Standardwerk ist Stephan Oettermanns „Zeichen auf der Haut“ von 1979. Oettermann skizziert die europäische Tätowierungstradition und schlägt einen Bogen zur Vorgeschichte, die unter Zwang erworbene Markierung von Sklaven und Häftlingen. Das ist meines Erachtens insofern wichtig, als sich diverse Handlungs- und Betrachtungsweisen im Lauf der letzten 200 Jahre wiederholen. Während der italienische Kriminalanthropologe Cesare Lombroso im späten 19. Jahrhundert der Ansicht war, das Ornament auf der Haut genüge als Beweis für die „Verbrechernatur“, finden sich derartige Positionen auch noch bei Vertretern des 20. und 21. Jahrhunderts, die die Träger von Tätowierungen zu kriminalisieren versuchen.

Gibt es auch positiv behaftete Bewertungen in dieser Entwicklungsgeschichte?

Ja, wie die Bewegung, die Tätowierung als Zierde und Andenken an eine besonders berührende Station in der eigenen Biographie zu verstehen und zu nutzen. So soll auch Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn einen Anker auf der Schulter tätowiert gehabt haben. Die beiden gegensätzlichen Pole, also Außenseitertum und Massengeschmack, bilden meiner Ansicht nach das Spannungsfeld, in dem sich die euro-amerikanische Tätowierungstradition seit dem späten 18. Jahrhundert bewegt. Das zeigt sich auch anhand der Literatur zum Thema Tätowierung. Es lassen sich Zeiten ausmachen, in denen das Interesse an der Tätowierung fächerübergreifend besonders hoch gewesen zu sein scheint. Höhepunkte gab es um 1900, in den Jahren 1940-1950, in den 1970er Jahren oder ab den 2000er Jahren. Gesamtgesellschaftlich betrachtet sind das allgemein die historisch interessanten Jahre, in denen sich vieles verändert und sich Gegenkulturen etablieren, die ihren Standpunkt oftmals auch durch und mit ihren Körpern zum Ausdruck brachten und bringen.

Während Ihrer fast zweijährigen ethnographischen Studie „Doing In(k)timacy. Ethnographische Einblicke in die Praxis des Tätowierens“ im Müsener Tattoostudio „Whispering Colors“ haben Sie auch zur Beziehung zwischen Tätowierer und Kunde geforscht. Was haben Sie herausgefunden?

Ich habe viel über das Zwischenmenschliche, das jedem Tattoo eingeschrieben ist, erfahren. Ich habe festgestellt, dass auch der Tätowierer in einem Spannungsfeld lebt und arbeitet.Nämlich einerseits Dienstleister und andererseits Kunsthandwerker zu sein. Was über allem steht ist das unbedingte, ja fast blinde Vertrauen des Kunden seinem Tätowierer gegenüber. Schließlich verewigt sich der Tätowierer auf dem Körper des Kunden, er schreibt sich mit seiner Handführung in den Körper des Gegenübers ein und bleibt dort in den meisten Fällen bis zum Tod. Der Kunde trägt immer auch ein Stück weit den Tätowierer mit sich herum und erinnert sich vielleicht sogar an den Moment des Stechens, an die Situation, in der sich Tätowierer und Kunde ganz nahe waren.

Wie läuft der Prozess vom Wunsch eines Tattoos bis zum fertigen Kunstwerk ab?

Meine Betrachtungen haben mit Zutritt zum Tattoo-Studio begonnen. Der eigentliche Prozess beginnt aber schon viel früher, nämlich in dem Individuum, das für sich entscheidet, seinen Körper tätowieren zu lassen. Dann beginnt die Suche nach dem passenden Tätowierer. Ist der gefunden, steht der erste Besprechungstermin an. Kunde und Tätowierer lernen sich näher kennen und finden im Laufe des Gesprächs entweder zueinander oder entscheiden sich dagegen. Auch das passiert immer mal wieder in einem Tattoo-Studio, denn nicht alle Ideen, Wünsche und Vorhaben sind miteinander kompatibel. Gesetzt den Fall, Kunde und Tätowierer entscheiden sich dafür, miteinander zu arbeiten, gilt es die Idee des Kunden auf Papier zu bringen. Oftmals bringen die Kunden Bilder oder Zeichnungen ihres Vorhabens mit. Der Tätowierer ist derjenige, der die Idee des Kunden zunächst verstehen muss, was nicht immer einfach ist, denn ein Baum ist nicht gleich ein Baum, nur um ein Beispiel zu nennen.

Gibt es einen Punkt in diesem Prozess, den Sie als Knackpunkt bezeichnen würden?

Die große Kunst besteht darin, das gesprochene Wort mit Bildern zu versehen und richtig zu deuten. Dieser Übertragungsschritt ist meiner Ansicht nach der wichtigste im gesamten Prozess, gleichwohl die eigentliche Tätowierung noch weit entfernt ist. Aber an diesem Punkt wird zum ersten Mal deutlich, dass es letztlich der Tätowierer ist, der aus der Idee im Kopf eine Zeichnung und dann eine Vorlage für das Bild auf der Haut anfertigt. Wenn die Vorlage vom Kunden abgesegnet wurde, wird ein Tattoo-Termin ausgemacht und dann heißt es ‚Los geht’s’. Im Übrigen beginnen alle Tätowierer, die ich während meiner Forschungstätigkeit kennengelernt habe, mit einer rituellen Startphase, die den Kunden offensichtlich auf den ersten Nadelstich vorbereiten soll. Der Rest ist Technik, gepaart mit Handwerk. Je nach Stilrichtung und Motiv wird mit den Außenlinien begonnen und sich dann von unten nach oben vorgearbeitet. Schattierungen und Farbe werden zuletzt gesetzt. Wenn alles fertig ist, wird die frisch tätowierte Stelle noch einmal mit einer speziellen Tattoo-Soap-Mischung gesäubert und bleibt dann ein paar Minuten an der freien Luft. Beendet wird die Tattoo-Sitzung mit dem obligatorischen Blick in den Spiegel, der das neue Körperbild reflektiert.

Welche Wirkung kann die Kunst auf der Haut für die Tätowierten haben, gibt es verschiedenen Effekte?

Diese Frage geht sehr ins Psychologische oder Sozioanthropologische. Resultierend aus meiner Feldforschung kann ich sagen, dass bestimmte einschneidende Erlebnisse innerhalb der jeweiligen Biografie unter anderem mit einem Tattoo festgehalten werden. Zum Beispiel die Geburt des Kindes, der Verlust eines geliebten Menschen, die eigene Hochzeit, der eigene sportliche Erfolg oder Aufstieg in eine höhere Liga und vieles mehr. Die Tätowierung scheint dann für den Träger als eine Art Erinnerungshilfe oder der Verarbeitung eines schmerzhaften Erlebnisses zu dienen. Frei nach Friedrich Nietzsche: ‚Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: Nur was nicht aufhört weh zu tun, bleibt im Gedächtnis.’ Allerdings sind auch hier die Motivationen und Effekte ebenso vielfältig wie die Träger. Der Legitimationsdruck des Tätowierten, seine Entscheidung für ein Tattoo gegenüber Dritten zu erläutern, spielt vielleicht auch eine Rolle. Was eignet sich hier besser als ein allgemein nachzuempfindendes, emotionales Erlebnis?

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben