Ortsgeschichte

Ferdinand Lutz schreibt ein Lesebuch über Dreis-Tiefenbach

Ortsmitte Dreis-Tiefenbach 1956

Ortsmitte Dreis-Tiefenbach 1956

Foto: Archiv Ferdinand Lutz

Dreis-Tiefenbach.   Neues über alte Zeiten: Warum Dreis-Tiefenbach vor vier Jahren sein Jubiläum verpasst hat und bei wem Siegen und Weidenau am Tropf hängen.

Wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte, würde das Festbuch zum Dorfjubiläum aus seiner Feder stammen. Doch den 2. April 1340, an dem eine Frau mit dem Namen Cunne, Tochter von Heydenrich Pannensmyd von Drespe, von den Herren von Bicken „eingetauscht“ wurde gegen Styne, die als Hörige an die Grafen von Nassau übergeben wurde, haben die Dreis-Tiefenbacher aus dem Blick verloren.

„Es hat sich niemand darum gekümmert“, bedauert Ferdinand Lutz, Chronist des Heimatvereins Alte Burg. So ist die 675-Jahrfeier schon 2015 an Dreis-Tiefenbach vorbeigezogen. Die Dreisber glauben immer noch, ihr Ort wäre schon 1239 erstmals erwähnt worden. „Schlichtweg falsch“, so Lutz, ist diese mit Netphen verwechselte Jahreszahl.

Die Ortsgeschichten

Ferdinand Lutz hat sein Buch trotzdem geschrieben und ihm den Titel „Dreis-Tiefenbacher Lesebuch“ gegeben. Die Zusammenstellung beginnt, wie es auch in einer Chronik geschen wäre, mit dem Blick auf die Funde aus der Mittelsteinzeit vor 8000 Jahren und auf die Alte Burg, die wohl im 10. bis 12. Jahrhundert bestanden hat und nach der gerade wieder von Studierenden der Uni Marburg neu gegraben wird.

Lutz nutzt die Gelegenheit, frühere, längst vergriffene Veröffentlichungen wieder aufzugreifen, so zum Beispiel die Lebensgeschichten des Schulmeisters Wilhelm Kühn (1800-1860), seines Sohns Rudolf (1854-1930) und seines Neffen Fritz (1870-1943). Im Lesebuch fehlen nicht: die Leonhardskapelle und die Mühle. Die Erinnerung an die Tiefenbacher Feuersbrunst von 1908. Der Bericht über die 120 Jahre lang versteckte Schulfahne der Tiefenbacher Schule von 1897. Die Geschichte der „Katakombenschriften“, die katholische Familien vor den Nazis verbargen. Schließlich an den Koffer mit den Feldpostbriefen von 1962, die 60 Jahre danach im ehemaligen Dreisbacher Hammer auftauchten.

Das Wasser-Dorf

Ferdinand Lutz, bis zu seiner Pensionierung Amtsleiter in der Netphener Verwaltung, überrascht mit neuen Themen: zum Bergbau in Dreis-Tiefenbach, den Thomas Kettner erforscht. Und zur Wasserversorgung — nicht Dreis-Tiefenbachs, sondern des Siegerlands. In Dreis-Tiefenbach wurde die Stadt Siegen, die Wasser brauchte, fündig. „Wasserwerk Siegen“ steht heute noch auf dem Portal des Gebäudes am Köhlerweg. „Die haben das auch noch schwarz gebaut“, folgert Lutz aus dem Umstand, das von der Baugenehmigung bis zur Inbetriebnahme im September 1913 keine drei Monate vergingen. Bis zum Bau der Obernautalsperre bezog die Stadt von hier bis zu 85 Prozent ihres Trinkwassers.

Und dann war da noch die Nachbargemeinde Weidenau, die sich aus der 1903 erstmals erwähnten Alexanderquelle oberhalb der Dreisbacher Mühle bediente. 1958 wurde die Alexanderbrunnen-gruppe ausgebaut, Weidenau baute eine eigene Leitung nach Dreis-Tiefenbach, die erst 1970 stillgelegt wurde. Ferdinand Lutz hat nachgelesen, wie Weidenau und Siegen um das Dreisber Wasser konkurrierten: „Die haben sich gezankt.“ Geerbt von alledem hat Dreis-Tiefenbach, wo heute das Grundwasserwerk Siegtal die Aufbereitungsanlage des Wasserverbands speist, große Wasserschutzzonen und, so Lutz, „immer wieder Hemmnisse“ bei der baulichen Entwicklung des Dorfs. Ausgenommen davon ist allerdings die Ortsmitte, durch die die Abbruchbagger für den Ausbau der B 62 in den 1970er Jahren eine Schneise geschlagen haben – auch das wird mit Fotos dokumentiert.

Der kleine Junge

„Ein kleiner Junge versteht die Welt (und den Krieg) nicht mehr“: Unter dieser Überschrift beginnt der wohl persönlichste Teil des Lesebuchs. Warum schweigen die Eltern so eisig, als der Fünfjährige sich auch so eine schöne braune Uniform wünscht? Warum weinen die Menschen, wenn sie einen „Fronturlauber“ verabschieden – wo das Soldatenleben doch so schön ist? Ferdinand Lutz, heute 80 Jahre alt, ist im zweiten Weltkrieg unter dem Naziregime groß geworden. Und versteht vieles erst, als er älter wird. Den Friseur aus dem Dorf zum Beispiel, der vom Hang herab immer Menschen im Tal sieht, die auf einmal tot sind. Eines Tages erhängt sich der Friseur in seiner Wohnung. Er hatte in einem Strafbataillon Massaker vollstrecken müssen. Der Salon wurde geschlossen, „wegen eines Trauerfalls“.

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