Wald

Der Wald stirbt: Forstleute in Siegen-Wittgenstein ratlos

Überall Holz: Baumstämme liegen – wie hier bei Oberschelden – bereit für den Abtransport am Wegesrand. Inzwischen werden viele abgestorbene Bäume gar nicht mehr gefällt.

Überall Holz: Baumstämme liegen – wie hier bei Oberschelden – bereit für den Abtransport am Wegesrand. Inzwischen werden viele abgestorbene Bäume gar nicht mehr gefällt.

Foto: Rene Traut

Siegen-Wittgenstein.  Wie viel Wald geht noch verloren? Wie sieht die Zukunft aus? Die Forstleute sind ratlos. „Wir rasen auf eine Katastrophe zu.“

Diethard Altrogge, Leiter des Regionalforstamts Siegen-Wittgenstein, muss passen. Wie viel Wald Borkenkäfer, Kupferstecher, Eichenprozessionsspinner und ihre Verwandten noch fressen? Wie der Wald in Zukunft aussehen wird? „Das weiß ich auch nicht“, gesteht Altrogge dem Umweltausschuss des Kreistags. Er sei „zurzeit sehr fassungslos“. Nach dem zweiten Dürresommer, der die verdurstenden Bäume sozusagen den Käfern zum Fraß vorwirft, „rasen wir auf eine Katastrophe zu.“ Klar ist nur die Ursache: „Hausgemacht. Es geht um unseren Lebenswandel.“

Probleme

Das sind die Probleme, die zu bewältigen sind:

Die toten Bäume müssen raus aus dem Wald. Eigentlich. „Wir haben noch 500.000 Festmeter vor der Brust.“ Die keiner haben will – und dann laufen auch noch im Herbst die Verträge mit den bisherigen Abnehmern aus. Selbst von dem Plan, die Stämme wenigstens in Folie zu packen, um sie später abzutransportieren, sind die Forstleute abgekommen. „Wir kommen nicht mehr nach“, sagt Altrogge. Jetzt bleiben die Bäume stehen. „Tote Strukturen sind besser als überhaupt keine Strukturen.“ Dr. Felix Riedel (Grüne) weist darauf hin, dass sich die CO2-Bilanz zum Negativen entwickeln könnte: Im Wald verrottendes Holz setzt das vom lebendigen Baum gebundene CO2 wieder frei.

Den privaten Waldbesitzern geht die Luft aus. Sie verdienen nichts, sie haben kein Geld für Neuanpflanzungen – abgesehen davon, dass die Baumschulen gar nicht liefern können und in dem ausgetrockneten Boden kein Baum Wurzeln schlagen kann. Und wenn doch, dann werden sie vom Wild aufgefressen. „Viele Waldbesitzer werden den Spaß am Waldbesitz verlieren“, sagt Diethard Altrogge voraus. Dazu kommt, dass die Waldgenossenschaften vom nächsten Jahr an ihr Holz selbstständig vermarkten und die Betreuung ihrer Wälder selbst ausschreiben müssen – bisher kümmerte sich darum die Forstverwaltung. Wolfgang Braukmann (SPD) regt eine Resolution an, dass das Land seine Forstpolitik überdenken möge. Johannes Röhl, Forstdirektor der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer regt an, dass die öffentliche Hand bei der Verkehrssicherung von Straßen und Bahnstrecken gegen umstürzende Bäume einspringt: „Viele Waldbesitzer können sich das nicht mehr leisten.“

Die Folgen für den (Wander-)Tourismus spricht Dr. Felix Riedel (Grüne) an. Waldwege seien zur Bewirtschaftung des Waldes angelegt, stellt Diethard Altrogge klar, ihre Nutzung als Wanderwege sei „sekundär“. „Wer in den Wald geht, betritt ihn auf eigene Gefahr“, gegenüber Erholungssuchenden hätten die Waldbesitzer keine Verkehrssicherungspflicht. „Das Risiko, dass etwas passiert, wird größer“, sagt Johannes Röhl.

Auswege

Zurückgezogen hat die SPD-Fraktion ihren Antrag, die Fördermöglichkeiten zu erkunden, wenn die Schadensgebiete Teil eines Biosphärenreservates würden. „Das brauchen wir überhaupt nicht“, sagt Johannes Röhl, „der Schuss geht nach hinten los.“ Hilfreicher sei es, die Waldbesitzer an den Erträgen der diskutierten CO2-Steuer zu beteiligen, zum Beispiel mit einem Betrag von 20 bis 30 Euro pro Jahr je im Wald gebundener Tonne Kohlendioxid. Erfahrungen habe das Forstamt mit der Naturverjüngung der Wälder und den Wildnisgebieten („Auch da sterben die Buchen ab“) gesammelt: „Ich warne davor, eine Käseglocke über Siegen-Wittgenstein zu stülpen und sich in Wildnis zu ergehen.“

Landwirt Armin Küthe fordert, die Energiegewinnung mit Holz zu fördern. Bei der Errichtung des Pelletwerks in Schameder sei dem Hauberg ein „Aufschwung“ vorausgesagt worden: „Ein Rohrkrepierer.“ „Es gibt Fördermittel“, erwidert Vorsitzende Jutta Capito (CDU) und verweist auf das in Beienbach errichtete Holz-Nahwärmenetz. Die Akzeptanz, so Forstamtsleiter Diethard Alt­rogge, könnte groß sein – größer als für neuen Stromtrassen und Windparks.

Welche Bäume anstelle von Buchen und Fichten in den neuen Wäldern stehen könnten? Diethard Altrogge zählt auf: Platane, Tanne, Hasel, Edelkastanie. Johannes Röhl nennt auch noch die Atlaszeder. Einstimmig beschließt der Ausschuss auch die finanzielle Beteiligung des Kreises am „LIFE-Projekt Siegerländer Kultur- und Naturlandschaften“ mit einer EU-Förderung von knapp 2,2 Millionen Euro. Die könnten auch verwendet werden, „neue landwirtschaftliche Flächen zu generieren“, sagt Manuel Graf von der Biologischen Station, also den vor um die 60 Jahre aufgeforsteten Wald wieder in Felder zurückverwandeln. Vorerst sei das aber kaum möglich, sagt Michael Gertz von der Naturschutzbehörde: „Wir wollen nicht noch mehr Holz auf den Markt werfen.“

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