Tattoo-Serie

Auf ihrem Arm trägt Nadine Hofstadt viele Erinnerungen

Nadine Hofstadt spielt gern mit Vorurteilen anderer Menschen.  

Foto: Laura Baer

Nadine Hofstadt spielt gern mit Vorurteilen anderer Menschen.   Foto: Laura Baer

Müsen.   Nadine Hofstadt ist seit 23 Jahren tätowiert. Die Bilder auf ihrer Haut helfen ihr dabei, Trauer zu bewältigen und Gefühle zu verarbeiten.

Nur einmal hat sich Nadine Hofstadt tätowieren lassen, um mit dem Trend zu gehen. „Mit 14 Jahren habe ich mir ein Tribal stechen lassen “, sagt die 37-Jährige. Der Tätowierer war betrunken, das Tattoo „sah wirklich schlimm aus“ und bleibt trotzdem die erste unter vielen verschlungenen Geschichten auf ihrer Haut. „Meine Tätowierungen sind nicht stimmig, aber es gibt nicht ein Tattoo, das keine Bedeutung hat“, sagt Nadine Hofstadt.

Tattoos entstehen durch Gefühle

So wie die Buchstaben R, I und P, die auf ihr rechtes Handgelenk gezeichnet sind. „Rest in peace“ bedeuten sie und erinnern Nadine Hofstadt seit 17 Jahren an ihren verstorbenen Opa. „Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen und konnte den Trauerprozess nicht beenden“, sagt sie. „Ab dem Tag, an dem R.I.P in der Haut war, war es okay für mich.“ Ein unspektakuläres Tattoo, simple Buchstaben in schwarz-weiß, doch für Nadine Hofstadt bedeuten sie die Welt.

„Ich konnte nach dem Tod meines Opas kaum einen Gedanken fassen“, erinnert sich die gebürtige Siegerländerin. Bis zum Termin bei ihrer Tätowiererin Dany wusste sie nicht, was auf ihrem Körper für ein Bild entstehen sollte. „Bei mir kommen die Tattoos, wie ich sie fühle“, sagt die 37-Jährige. Fast intuitiv entstand in der Sitzung mit Dany die erlösende Buchstabenkombination.

Mittlerweile gehört Nadine Hofstadts rechter Arm den Verstorbenen, er ist „der Totenarm“, wie sie sagt. „Ich hoffe, da kommen so schnell keine Tattoos mehr hinzu.“ Ein niedlicher Siebenschläfer, der zwischen Zweigen eines Brombeerstrauchs hervorlugt, erinnert an ihren Schwiegervater, der im Sommer 2017 verstorben ist.

„An Siebenschläfer ist er geboren, kurz nach dem Datum gestorben“, sagt Hofstadt. Ihre jüngere Schwester Linn zeichnete den Entwurf für das aufwendige Tattoo. Ein Vogel im Comicstil symbolisiert die Naturverbundenheit, die ihre Großeltern Nadine Hoftstadt vermittelt haben. „Wir waren so oft zusammen im Wald“, erinnert sie sich.

Therapie auf der Haut

Die Kunst auf der Haut helfe ihr dabei, Erlebnisse zu verarbeiten, so Nadine Hofstadt. „Und ich kann für mich selbst zum Vorschein bringen, was mir auf dem Herzen liegt.“ Ein Tattoo covern zu lassen kommt für die 37-Jährige nicht in Frage. „So schlimm und schön es war, das ist ja mein Leben und da will ich nichts dran ändern.“

Nur wenigen erzählt sie, welche Bedeutung tatsächlich hinter den vielen Bildern auf ihrem Körper steckt. „Ich lasse die Leute lieber selbst interpretieren“, sagt sie. Dabei begegnen der Sozialarbeiterin auch Vorurteile: „Viele packen einen direkt in eine Schublade.“

Jetzt spielt sie mit diesen Vorurteilen. Einmal hielt sie in einem Kindergarten beruflich einen Vortrag über Wahrnehmung. Mit Langarm-Bluse, darauf bedacht, kein Tattoo zu zeigen, und hübsch zurechtgemachten Haaren begrüßte sie ihre Zuhörer.

Dann zog sie die Bluse aus, zeigte die bunten Kunstwerke auf ihren Armen. „Ich habe die Leute gebeten, ihren Eindruck von mir mit und ohne Bluse aufzuschreiben“, erzählt Nadine Hofstadt. „Man sollte viel öfter die Menschen hinter dem Äußeren sehen.“

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